Geschichte

„In der Minderheit Gehör finden“

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
Sonderburg/Sønderborg
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SDU-Dekan Simon Torp (Mitte) verkündete die Verleihung des Doktortitels an Henrik Skov Kristensen (r.) im Alsion, der daraufhin mit Prof. Kim Salomon, Universität Uppsala, anstieß. Foto: V. Heesch

Henrik Skov Kristensen wurde nach einer lebhaften Disputation in Sonderburg die Doktorwürde für sein Fårhus-Werk „Gerningsmænd eller ofre“ verliehen.

„Ich verleihe Henrik Skov Kristensen hiermit den Doktortitel“, hat Dekan Simon Torp, Süddänische Universität, am Freitag zum Abschluss der mehr als sechsstündigen Disputation über dessen Werke „Straffelejren: Fårhus, landssvigere og retsopgøret“ und „Gerningsmænd eller ofre“ verkündet. Das Interesse während der Veranstaltung im Hörsaal des Alsion war so groß, dass neben den über 120 Teilnehmern im Saal und weiteren 40, die einer Videoübertragung folgten, Dutzende Intessierte vergeblich kamen.

Zum Auftakt der Veranstaltung, bei der zunächst die akademischen Opponenten, Prof. Kim Salomon, Universität Uppsala, und Prof. em. John T. Lauridsen, Königliche Bibliothek Kopenhagen, die Schriften des Leiters des Museums Frösleelager fachlich unter die Lupe nahmen, umriss Skov Kristensen den Inhalt seiner Dissertation, in deren Zentrum die Verstrickung der deutschen Minderheit in Nordschleswig während der NS-Herrschaft und Besetzung Dänemarks, die Konsequenzen im Rahmen der dänischen Rechtsabrechnung, die Isolierung der deutschen Nordschleswiger in einer Art Parallelgesellschaft nach 1945 und die späte, kritische Auseinandersetzung der deutschen Minderheit mit ihrer eigen NS-Vergangenenheit stand.

„Ich wollte in der Minderheit Gehör finden“, nannte Skov Kristensen als Begründung für seine nach Ansicht von Prof. Kim Salomon viel zu ausführliche Darstellung zu deutschen Nordschleswigern, die ab Mai 1945 zu Tausenden zunächst im Fårhuslager interniert und ab Anfang August 1945 im Zuge strafrechtlicher Verfahren und Verurteilung dort ihre Strafen verbüßten. Skov Kristensen hatte unterstrichen, dass Fårhus sich zum Symbol der deutschen Nordschleswiger und dem verbreiteten Gefühl, von dänischer Seite unrechtmäßig behandelt worden zu sein, entwickelt hatte. Ebenso wie Salomon hatte Opponent Prof. Lauridsen Skov Kristensen mit Anmerkungen zur angewendeten Methodik konfrontiert. Der aus Sonderburg stammende Professor emeritus Hans-Jørgen Schanz, Uni Aarhus, nahm ebenso wie unter anderem später Chefredakteur a. D. Siegfried Matlok als externer Opponent Stellung zu Skov Kristensens Schriften.

Schanz lobte Skov Kristensens Werk, es werde wie einst Ditlev Tamms Werk über die Rechtsabrechnung nach 1945 Klassiker-Status bekommen. Aber er kritisierte dennoch Unschärfen in den Schlussfolgerungen des Historikers: „Ist jemand Täter oder Opfer aus moralischer oder juristischer Sicht, das muss geklärt werden“, so Schanz und fügte hinzu: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass zu einem späteren Zeitpunkt auch ein Täter zum Opfer geworden ist.“

Ein überwältigendes Interesse zeigte sich während der Disputation im Alsion. Viele Interessenten fanden keinen Platz. Foto: Volker Heesch

Frischer Wind schon ab 1970er

Während der Disputation über die Dissertation Henrik Skov Kristensens auf Basis seiner Werke „Straffelejren“ über das Internierungslager und die Strafanstalt Fårhus sowie das kürzlich erschienene Buch „Gerningsmand eller ofre?“ zur Erinnerungskultur der deutschen Nordschleswiger mit dem lange dominierenden Bild, 1945 unrechtmäßig in eine Opferrolle geraten zu sein, hat der frühere „Nordschleswiger“-Chefredakteur Siegfried Matlok die Schlussfolgerungen des Autor insgesamt begrüßt. Matlok lieferte aber auch Ergänzungen und Korrekturen.

So erinnerte er daran, dass es nicht erst in jüngster Zeit zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung innerhalb der deutschen Minderheit mit der eigenen braunen Vergangenheit gekommen ist. „Wenn im Buch von einer Zäsur die Rede ist, so war es Peter Iver Johannsen, der 1973 frischen Wind ins Haus Nordschleswig und die deutsche Minderheit brachte, und er trug entscheidend zu einer demokratischen Erneuerung bei“, so Matlok, der andeutete, dass mehrfach seine eigene Stellung an der Spitze der Zeitung gefährdet war wegen eigener Vorstöße zur Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit der Minderheit.

Und Matlok sprach Initiativen junger Historiker aus den Reihen der deutschen Minderheit wie der Kritik Thiel Juncker Martensen an Paul Koopmanns an, die seinerzeit scheiterte. Die Minderheit hätte schon vor über 40 Jahren besser dagestanden, wenn eigene Historiker-Talente in Nordschleswig Gehör gefunden hätten. Matlok sprach auch die Darstellung des 1979 verstorbenen früheren „Nordschleswiger“-Chefredakteurs Jes Schmidt im Buch Skov Kristensens an. Es sei nicht gerechtfertigt, Äußerungen des Publizisten Manfred Spliedt aus den frühen 1980er Jahren zu übernehmen, der Jes Schmidt, der während der Besatzungszeit in Norwegen für den Rundfunk der deutschen Besatzungsmacht tätig gewesen ist, auf eine Stufe „mit dem Kriegsverbrecher Filbinger“, Ex-Ministerpräsident von Baden-Würrtemberg, zu stellen, der als Militärrichter viele Todesurteile verhängt hatte.

Ergänzung zum Thema Loyalitätserklärung

Und Matlok lieferte eine Ergänzung zum Thema Loyalitätserklärung der deutschen Minderheit am 1. Dezember 1945, die Skov Kristensen mehrfach erwähnt, u. a. auch im Zusammenhang mit dem Wiedererstarken ehemaliger NS-Funktionäre in der deutschen Minderheit in den 1950er Jahren. Der einstige Folketingsabgeordnete der deutschen Nordschleswiger, Schmidt-Oxbüll, habe erklärt, die Loyalitätserklärung und die Anerkennung der Grenze von 1920 seien auf äußeren Druck hin erfolgt.

Matlok berichtete, dass bereits am 6. September 1945 53 deutsche Nordschleswiger, dazu zählten 4 Frauen, gegenüber der Nachrichtenagentur Ritzau eine erste Loyalitätserklärung abgegeben hatten – und Fehler der Minderheit einräumten. Und er erinnerte an Aussagen des NS-kritischen Apenrader Pastors Carl Beuck in einer der ersten Ausgaben des „Nordschleswigers“ von 1946: „Das System des Nationalsozialismus hat auch in unserer Heimat namenloses Unglück und Trümmerhaufen verschuldet, in dem wir uns jetzt befinden. Dass unsere Volksgruppe dies erkennt und innerlich davon Abstand nimmt – darum geht es heute, und davon hängt es ab, ob wir deutsches Leben wieder aufbauen können.“ Und er rief dazu auf, sich „von dem seelischen und moralischen Gift“ zu befreien.

Matlok erinnerte auch an die starke Position von Ex-NS-Mitgliedern im Schleswig-Holstein der 1950er Jahre, was die früheren NS-Leute in der Minderheit gestärkt habe. Erst der deutsche Botschafter in Dänemark, Georg-Ferdinand Duckwitz, habe die Minderheit ermahnt, den Fårhus-Kameradschaften Einhalt zu gebieten.
Mehrfach gab es während der Disputation Beifall für die Wortbeiträge der Opponenten.

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