Leitartikel

„Sündenbock Landwirtschaft“

Sündenbock Landwirtschaft

Sündenbock Landwirtschaft

Nordschleswig/Apenrade
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Die Landwirtschaft ist nicht nur Teil des Problems, sondern auch ein Teil der Lösung. Die muss aber fair sein, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Der scheidende Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Nordschleswig, Jørgen Popp Petersen, brachte es am Montagabend in seinem letzten Jahresbericht auf den Punkt: „Der politische Wandel ist für die Landwirtschaft eine harte Nuss zu knacken“.

Es besteht heutzutage einfach eine Kluft zwischen Stadt und Land, die sich bis in die oberste Behördenebene und die Politik zieht. Das Ergebnis: Die Landwirtschaft steht immer wieder als Sündenbock für eine Reihe von (realen) Problemen da. Jørgen Popp Petersen, der sich nie mit seinen Meinungen zurückgehalten hat, wagte sogar die Behauptung, dass es eine Kluft zwischen den Bildungsgraden gebe. Eine Elite gegen den Bauern?

Diese Kluft ist wahrscheinlich schwieriger festzustellen, als der tatsächliche Abstand zwischen Stadt und Land. Es besteht kaum Zweifel daran, dass die Toleranz gegenüber der Landwirtschaft und den Produktionsmethoden in der Stadt geringer ist als auf dem Land. Doch auch hier sollte sich Popp nicht allzu sicher sein: Der politische Wandel bildet heute eine breite Front gegen Teile der Landwirtschaft.

Die Milch- und Fleischproduktion steht unter Beschuss, der Import von Soja als Futtermittel, der Gebrauch von Pflanzenmitteln ebenso und es scheint, als könne der heutige Landwirt nichts richtig machen. Nicht mal Bio ist gut genug, wenn es um die Fleischproduktion geht.

In Dänemark machen Politiker vom linken Flügel aktuell wieder Druck auf die Regierung, dass die Landwirtschaft neue Umwelt- und Klimaauflagen erfüllen muss.

Popp konterte auf seiner Abschiedsversammlung: Wenn Auflagen es unmöglich machen, in Dänemark eine rentable Landwirtschaft zu betreiben, dann bedeutet dies das Aus für dänische Landwirte. Ist es aber besser, dieselbe Ware aus dem Ausland zu importieren? Es mag sein, dass Dänemark mehr Schweine produziert, als das Land selber braucht, aber dafür produzieren andere Nationen einen Großteil des dänischen Verbrauchs an Gemüse, Obst, Holz und Genusswaren wie Wein, Kaffee und Schokolade. Deswegen geht die Rechnung auf.

Sicherlich kann die Landwirtschaft in einigen Bereichen nachbessern – so wie übrigens die Verbraucher bei ihrer Warenwahl auch. Das Problem ist, das sich die Fronten zunehmend verhärtet haben. Es gibt kein sowohl als auch, sondern nur noch ein entweder-oder.

Die Landwirtschaft lebt damit, dass die Markt- und Wetterlage sich jederzeit ändern kann. Wenn wir aber politisch motivierte Veränderungen von der Landwirtschaft verlangen, dann bitte mit Zuckerbrot und nicht mit der Peitsche. Für Partnerschaften ist die Landwirtschaft zu haben.

Und auch das dürfen wir nicht vergessen: Die Landwirtschaft ist kein verbrecherisches Unternehmen, sondern produziert unter geltenden Regeln. Wenn die uns nicht mehr passen, können sie von der Politik geändert werden. Allerdings nur durch eine angemessene Kompensation – und nicht dadurch, dass Konsequenzen und Kosten einseitig einen ganzen Berufszweig in die Knie zwingen.

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