Porträt

Wie eine isländische Familie in der deutschen Minderheit ein Zuhause fand

Wie eine isländische Familie in der deutschen Minderheit ein Zuhause fand

Isländische Familie findet in der Minderheit ein Zuhause

Sonderburg/Sønderborg
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Bernardo, Nina, Mama Eva-Charlotte mit Tochter Kristjana und Papa Andrés mit Björg. Lukas versteckt sich zwischen seinen Eltern. Foto: Gerrit Hencke

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Papa Andrés hat dänische Wurzeln, Mama Eva-Charlotte deutsche. Für eine einjährige Weiterbildung von Andrés zog die siebenköpfige Familie Hänsel im Dezember 2022 nach Nordschleswig. Die fünf Kinder sind mittlerweile in den Schulen der deutschen Minderheit angekommen und im Vereinsleben aktiv. Die Familie lässt offen, wie lange sie bleiben wird.

„Wir sind ganz lieb aufgenommen worden von den Menschen in der deutschen Minderheit“, sagt Eva-Charlotte Hänsel. Sie sitzt in der großzügigen Küche ihrer großen Altbauwohnung in der Brogade am Sonderburger Hafen und berichtet über ein für die Familie abwechslungsreiches Jahr.

 

Eva-Charlotte und Andrés in ihrer Wohnung in Sonderburg. Foto: Gerrit Hencke

Aus Island nach Nordschleswig

Im Dezember 2022 war sie mit ihrem Mann Andrés Bögebjerg Andreasen und den fünf Kindern aus Island nach Dänemark gezogen. Weil Eva-Charlotte eine deutsche Mutter hat, die in Mecklenburg-Vorpommern lebt, lag es nahe, nach Nordschleswig zu kommen. „Die Kinder sollen hier ihre deutschen Wurzeln kennenlernen“, sagt sie. Sie selbst kam als Kind nach Island, wo sie aufwuchs und später ihren Mann kennenlernte. Andrés hat dänische Wurzeln.

Wir wussten, dass es nicht einfach wird, aber wir wollten etwas Neues erleben.

Eva-Charlotte Hänsel

Über Rothenkrug nach Sonderburg

Zunächst kam die Familie in Rothenkrug (Rødekro) unter. Trotz der herzlichen Aufnahme in der Schule nördlich von Apenrade (Aabenraa), war die erste Wohnung zu eng für die Großfamilie. In Sonderburg fanden sie nach einiger Suche das Zwei-Parteienhaus in der Brogade und haben nun auf zwei Ebenen genug Platz und fühlen sich richtig angekommen. „Wir haben uns gut eingelebt, genießen das bessere Wetter und warme Sommer“, sagt Eva-Charlotte trotz des tristen, winterlichen Wetters.

Danfoss und Weiterbildung

Eva-Charlotte arbeitet als Controllerin bei Danfoss in Norburg (Nordborg), ihr Mann studiert in Kolding an der International Business Adademy. Eine bezahlte Weiterbildung. Das Studium war einer der Gründe für den Umzug. Noch bis März fährt Andrés dreimal in der Woche mit dem Zug zur Universität. Dafür muss er um 5 Uhr aufstehen. In Reykjavík arbeitet der Familienvater als Finanzdirektor für Sport und Kultur bei der Kommune. Der zusätzliche Master in Business Administration soll im weiteren Berufsleben helfen.

Es ist eine Erfahrung, und wir wissen noch nicht, wie lang die Erfahrung wird.

Eva-Charlotte Hänsel

„Wir wussten, dass es nicht einfach wird, aber wir wollten etwas Neues erleben“, sagt Eva-Charlotte. Die internationalen Abschlüsse, die Möglichkeit, sich weiterzubilden und die Wurzeln kennenzulernen, war das erklärte Ziel der Dänemark-Unternehmung.

 

Eva-Charlotte mit Tochter Björg Foto: Gerrit Hencke

Der Familie gefällt es in Sonderborg so gut, dass sie länger bleibt, als geplant. Sohn Bernardo (17) besucht das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade, die 14-jährige Nina geht auf die Deutsche Privatschule Apenrade. Lukas (10) und Björg (7) sind in der Deutschen Schule Sonderburg untergekommen, und die vierjährige Kristjana geht in den Kindergarten.

Lukas mit Björg und Mama Eva-Charlotte. Foto: Gerrit Hencke

Im Vereinsleben angekommen

„Wir freuen uns über die deutsche Gemeinschaft hier und sind sehr zufrieden mit den Schulen“, sagt Eva-Charlotte. Verglichen mit der Schule in Island, würden die Kinder hier mehr und besser lernen. Und weil auch das berufliche System in Dänemark entspannter ist als in Island, habe sie jetzt mehr Work-Life-Balance, sagt Eva-Charlotte. „Und da braucht man dann auch was zu tun“, sagt sie. Die soziale Gemeinschaft sei sehr gut, und die Familie ist im Vereinsleben bereits angekommen.

Die Kinder gehen zum Rudern, zum Kinderturnen, turnen am Rhönrad und singen im Chor. „Wir waren auf dem Knivsbergfest, beim Laternenfest und haben auch den Escape-Room auf dem Knivsberg ausprobiert.“ Auch im isländischen Verein sei die Familie.

Kleiner Kulturschock zu Beginn

Dennoch hatte Eva-Charlotte zu Beginn einen Kulturschock. In Island lebte die Familie in einem Haus in Bessastaðir südlich von Reykjavik. Das Haus haben sie behalten, aber allein die Landschaft und das kulturelle Leben sind mit Dänemark nicht vergleichbar. Und so habe sie sich gerade zu Beginn in Rothenkrug eingeengt gefühlt, weil unter anderem die Weite fehlte.

Eva-Charlotte Hänsel arbeitete in Island bei verschiedenen Unternehmen als Finanzvorstand. Foto: Gerrit Hencke

Familie mit vier Sprachen

„Mehr Zeit für die Familie, das gute Wetter und freundliche Menschen“ – das macht für Andrés das Leben hier aus. Die Familie selbst ist ein kleiner Schmelztiegel. Zu Hause spricht die Familie Isländisch. Das steht auch auf einem Zettel in der Küche (Her tölum við íslensku). In der Schule lernen die Kinder Deutsch und Dänisch, Andrés und Eva-Charlotte sprechen von Berufs wegen viel Englisch.

Während Lukas dem „Nordschleswiger“-Reporter stolz sein Zimmer zeigt und dabei Deutsch spricht, redet er mit seinem Papa selbstverständlich Isländisch. Auf das Familienfoto möchte er jedoch nicht.

Andrés studiert in Kolding. Sein Arbeitgeber in Reykjavík finanziert ihm eine Weiterbildung. Foto: Gerrit Hencke

Isländische Badekultur fehlt

Was sie aus Island am meisten vermissen, sind die Thermalbäder sowie die „heitur pottur“, verrät Andrés. Die Hotpots, in denen man bis zum Hals in bis zu 42 Grad heißem Wasser sitzen kann, sind in Island genauso Tradition wie in Finnland die Saunen.

Ab Januar wird Andrés immer für drei Wochen nach Reykjavík fliegen, um dort seinem Job nachzugehen. Organisatorisch ein großer Aufwand. Dennoch soll das Abenteuer Dänemark vorerst weitergehen. „Es ist eine Erfahrung, und wir wissen noch nicht, wie lang die Erfahrung wird“, sagt Eva-Charlotte.

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