"Natteravne"

„Hast du nicht ein Bonbon für mich?“

Ruth Nielsen
Ruth Nielsen Lokalredakteurin
Sonderburg/Sønderborg
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Jytte Rasmussen, seit März Vorsitzende (3. von links) hatte die Idee, Politiker einzuladen. Foto: Karin Riggelsen

Verein „Natteravne“ und der Gesundheitsausschuss spazierten durch die nächtliche Innenstadt Sonderburgs. Der Verein braucht weitere Mitglieder.

„Natteravne“ (Nachteule) nennt sich ein Kreis von Erwachsenen, die in ihren gelben Jacken für alle sichtbar durch die nächtlichen Straßen einer Innenstadt spazieren, bereit, jungen Menschen bei Bedarf zu helfen, ihnen zuzuhören, wenn sie es wünschen. Sich aufdrängen dürfen die Nachteulen nicht, auch nicht eingreifen, sollten sich Kampfhähne gegenüberstehen. In solchen Situationen wird entweder die Polizei verständigt oder das Elternhaus.

Die Nachteulen sind freitags und sonnabends von Mitternacht bis 3 Uhr unterwegs, manchmal länger, wenn es notwendig ist. „Früher waren wir auch donnerstags da, wenn die Schüler gefeiert haben. Freitags war eher ein toter Tag, da die meisten dann nach Hause gefahren sind“, erinnert sich Bente Reib, seit 2001 dabei. Da spricht sie ein Dilemma an, das die Vorsitzende Jytte Rasmussen zum Anlass genommen hat, auf die Personalnot aufmerksam zu machen und sich bei Politikern Gehör zu verschaffen. Sie hatte den Gesundheitsausschuss eingeladen, die Nachteulen zu begleiten. Und der Ausschuss hat dieses Angebot mit Kusshand angenommen, wie der Vorsitzende Helge Larsen (Soz.) sagte. „Man kann sich fragen, was das mit Gesundheit zu tun hat. Sehr viel, denn es geht bei Gesundheit auch um das Wohlbefinden des Einzelnen. Was ihr macht, verdient größten Respekt“, so Larsen.

Verein ist bekannt

Der Verein als solcher ist den Politikern bereits bekannt, vor allem Larsen kennt ihn von Erzählungen seiner Schüler an der Statsskole her, Claus Klaris (V) und Erik Lorenzen (L) hatten überlegt, Mitglied zu werden, als ihre Kinder jünger waren. Auch Dieter Jessen (SP) meinte, man hätte es tun sollen, aber … In Hochzeiten standen über 40 Namen auf der Liste, heute zählt Jytte nur noch 15. Da sei es schwer, den Dienstplan zu besetzen. Es gingen immer drei Nachteulen zusammen, davon mindestens eine Frau, es dürften auch drei Frauen sein, aber nie nur drei Männer. Das könnte eventuell bedrohlich auf andere wirken. „Wir sollten gerne 25 sein“, wandte sich Jytte an die Politiker.

Sie hatten auch schon eine Idee, die Jyttes zweiten Stoßseufzer auflösen könnte: Natteravne würden gern wissen, wann in Schulen und Jugendklubs gefeiert wird, um so besser gewappnet zu sein. Die Idee: Auf Informationsabenden in den Ausbildungseinrichtungen auf „Natteravne“ oder in sozialen Medien aufmerksam machen. Das könnte vielleicht Eltern motivieren, Mitglied zu werden? Denn im Verein arbeiteten überwiegend Vorruheständler und Rentner mit.

Sorge der Politiker

Die Sorge der Politiker, dass im Nachtleben viele Drogen im Umlauf sind, nimmt ihnen Bente Reib: „Im Moment ist es ruhig. Es gibt schon etwas, aber das fällt kaum ins Gewicht.“ Hier kann ihnen Helge Larsen berichten, dass Lehrer explizit dafür ausgebildet werden, bereits erste Alarmsignale bei ihren Schülern deuten zu können. Zudem weiß ja auch die Polizei Bescheid. Mit den Ordnungshütern arbeiteten die Nachteulen hervorragend zusammen, berichteten sie ihrerseits den Politikern. Es blieb natürlich nicht beim Informationsaustausch. Die Politiker zogen sich gelbe Jacken an, füllten die Taschen mit Bonbons und Kondomen, und los ging’s von der Basis Bjerggade 11A über Trykkergangen zur Großen Rathausstraße. Es ist ruhig für einen Freitagabend.

Wie bekannt die Nachteulen sind, wird den Politikern schnell klar. Oft fragen junge Nachtschwärmer: „Hast du ein Bonbon für mich?“ oder „Hast du ein Kondom? Ich glaube, heute Nacht habe ich Glück.“ Die Begegnungen sind äußerst positiv, man schnackt kurz und geht weiter, über den Mellemgang zur Kl. Rathausstraße. Es wird immer wieder in dunklen Ecken nachgesehen. Vielleicht liegt jemand da, der seinen Rausch ausschläft? Es werden auch Parkplätze, Busbahnhof und Hafen aufgesucht, da man nicht weiß, wo Jugendliche sich aufhalten, die Hilfe brauchen?

Allerdings: Zwischendurch wird den Politikern eines klar, woran sie unverzüglich arbeiten wollen: Die öffentlichen Toiletten sind geschlossen. „Für Jungs ist das nicht ganz so schlimm, aber die Mädchen gehen in die wirklich dunkelsten Ecken. Das kann gefährlich werden“, sagt Eva Khosroyar, seit zehn Jahren eine Nachteule. Sie hat feststellen können, „dass es ruhiger geworden ist, ich kann aber nicht sagen, woran das liegt. Es ist eben so.“

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