Lokalgeschichte

Was 340 im Nydam Moor geschah: Ein Wandteppich erzählt

Was 340 im Nydam Moor geschah: Ein Wandteppich erzählt

Was 340 im Nydam Moor geschah: Ein Wandteppich erzählt

Ulderup/Ullerup
Zuletzt aktualisiert um:
Ein Motiv des Teppichs, das die kriegerische Geschichte vor Ort abbildet. Foto: Sara Eskildsen

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Wie erzählt man die Geschichte eines Bootes, das 340 n. Chr. als Opfergabe in einem Moor am Alsensund abgelegt wurde? Die Mitglieder einer Handarbeitsgruppe im Verein „Nydamselskabet“ haben darauf eine Antwort gefunden.

Die Franzosen erzählen mit dem Teppich von Bayeux die Geschichte der Eroberung Englands aus normannischer Sicht, und die Wikingerfreunde auf Ostfünen bilden im Ladby-Teppich das Begräbnis eines Wikingerkönigs ab. Die Freunde des Nydambootes erschaffen nun ihr eigenes Kunstwerk: den Wandteppich von Bakkensbro.

„Wir nennen es einen Vermittlungsteppich“

Denn dort im Aktivitätscenter, in der alten Schule in Ulderup, wird das lokalhistorische Kunstwerk geschaffen. Stück für Stück, Stich für Stich.

„Wir nennen es einen Vermittlungsteppich“, sagt Lis Joan Hansen, die an der Herstellung des Teppichs mitarbeitet. „Wenn wir anderen vom Nydamboot erzählen wollen, können wir uns an die Motive auf den Teppichen anlehnen.“

Die Handarbeitsgruppen des Vereins treffen sich dienstags und mittwochs in den Räumen des Aktivitätshauses Bakkensbro. Foto: Sara Eskildsen
Lis Joan Hansen mit den Skizzen der Künstlerin Inger Dethlefsen, nach denen die Stickerinnen die Wandteppiche anfertigen Foto: Sara Eskildsen

Künstlerin Inger Dethlefsen aus Norburg hat die Motive gezeichnet, die nun auf den Wandteppich gestickt werden sollen.

Durch Spenden von der Stiftungen „Aage og Johanne Louis-Hansens Fond“ und dem „Nordea Fonden“, vom Lionsclub Broager-Gråsten und der Sparkasse „Broager Sparekasse“ konnte der Verein Material wie Garn und Werkzeug kaufen und den Stickkurs bezahlen.

Nydam Tveir – eine Rekonstruktion des Nydambootes, das der Verein „Nydamselskabet“ in über fünfjähriger Arbeit selbst gebaut und 2013 zu Wasser gelassen hat. Foto: Biofoto/Ritzau Scanpix
Die Frauen der Gruppe haben das Sticken erst erlernen müssen – in kleinen Motiveinheiten üben sie die Handwerkskunst, bis die richtigen Wandteppiche bestickt werden. Foto: Sara Eskildsen
Lis Joan Hansen ist Mitglied der Kunsthandwerksgruppe. Foto: Sara Eskildsen

An einem der Tische im Handarbeitszimmer erstellt Mie Hansen Schmuckbänder für die Trachten. „Wir nähen zum ersten Mal eine Tracht für Kinder, damit sich auch junge Menschen hineinversetzen können, wie es sich damals angefühlt hat.“

Sie kam über eine Anfrage zum Verein: Für das rekonstruierte „Nydam Tveir“-Boot wurden Steine zum Beschweren gesucht, und die Hansens waren gerade dabei, ihren Hofplatz umzugestalten.

Mie Hansen erstellt gewebte Bänder für eine Kindertracht. Foto: Sara Eskildsen

„Die runden Steine von unserem Hofplatz waren gut zu gebrauchen – sie haben 60 Tonnen Steine abgeholt. Zwei Tonnen liegen im Boot, der Rest rund um das Bootshaus.“ Über den Kontakt entstand eine Mitarbeit im Verein – und seitdem genießt Mie Hansen das Miteinander in Bakkensbro.

„Hier seht ihr meinen Rolls Royce“

„Hier seht ihr meinen Rolls Royce“, sagt Grete Farre lachend und hält ihren neuen „Aufrippler“ in die Höhe. Sie hat das Teil zu Weihnachten bekommen und freut sich auf den Einsatz.

Grete Farre mit einem neuen Handarbeitsgerät Foto: Sara Eskildsen
Das Garn haben die Frauen selbst eingefärbt – mit Naturfarben, die aus Blumen und Gemüse gewonnen werden. Foto: Sara Eskildsen

Die Handarbeitsgruppe rechnet damit, dass es noch rund zwei Jahre dauern wird, bis die Wandteppiche fertig sind. „Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir werden sehen, wann wir fertig werden – jetzt gerade machen wir große Fortschritte“, sagt Lis Joan Hansen. „Es dauert sehr lange, bis ein einziges Motiv fertig ist.“

„Das hat es mir angetan“

Pia Søndergaard sitzt an diesem Mittwochvormittag am Webstuhl. Sie erstellt aus Wolle von lokalen Schafen Sitzkissen, die der Verein selbst nutzt, aber auch verkauft. „Ich war von Anfang an dabei, als wir 2008 begonnen haben, Trachten selbst zu nähen“, erzählt Pia Søndergaard.

„Mein Mann war dabei, das Boot nachzubauen, und ich wurde gefragt, ob ich nicht in der Handarbeitsgruppe mitmachen wollte – und das wollte ich doch gerne! Und das hat es mir angetan. Ich bin jeden Mittwochvormittag dabei. Weben konnte ich vorher nicht – Ingebeth Clausen hat uns das alles beigebracht.“

Viele Arten von Handarbeit: Pia Søndergaard webt Sitzkissen für das Boot. Die Wolle kommt von Schafen aus der Gegend, die Unterlagen können für 300 Kronen über den Verein gekauft werden. Foto: Sara Eskildsen
Die wollenen Sitzunterlagen mit dem Logo des Vereins Foto: Sara Eskildsen
Johanne Petersen legt sich die Farben für ein Motiv zurecht. Foto: Sara Eskildsen

Derweil legt sich Johanne Petersen die Farben zurecht, die sie in ihrem Motiv zum Üben versticken will. „Ich bin Lehrling in dieser Angelegenheit, vergiss das nicht zu schreiben“, lacht sie.

Der Bayeux-Teppich von Bakkensbro

Und so entsteht im Aktivitätscenter, Schritt für Schritt und Stich um Stich, ganz oben unter dem Dach der alten Schule, der Bayeux-Teppich von Bakkensbro.

Weitere Informationen zum Verein der Nydam-Gesellschaft gibt es hier.

Eines von vier Leinentüchern, auf denen die Stickereien am Ende eingearbeitet werden Foto: Sara Eskildsen
In den Vereinsräumen steht eine Miniatur-Ausgabe des Nydambootes. Foto: Sara Eskildsen
Die Motive liegen vor, jetzt geht es ans Verfeinern und später ans Sticken der Teppiche. Foto: Sara Eskildsen

Die Geschichte des Nydambootes

  • Das Nydamboot wurde von Helvig Conrad Engelhardt (*1825-1881†) entdeckt, der als Lehrer und Archäologe in Flensburg arbeitete. Er setzte die Ausgrabung in Gang.
  • In den Sommerferien 1859 bis 1863 legte er das Boot im Nydam Moor am Alsensund acht Kilometer nördlich von Sonderburg frei.
  • Das hochseetaugliche Ruderboot hatte Platz für etwa 45 Krieger und wurde wahrscheinlich um 320 nach Christus gebaut und 340 als Opfergabe versenkt.
  • Engelhardt fand im Nydam Moor auch über 4.000 weitere Fundstücke – von vergoldeten Speerspitzen bis hin zur kunstvollen Gürtelschnalle.
  • Im Laufe der deutsch-dänischen Geschichte, den Schleswigschen Kriegen und der Volksabstimmung 1920 sowie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges gelangte das Boot über Flensburg und Kiel an den Möllner See.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Nydamboot ins Landesmuseum auf Schloss Gottorf sein neues Zuhause – dort ist das Original noch heute Teil der Ausstellung.
  • Von 2008 bis 2013 hat der Verein „Nydamselskabet“ das Nydamboot nachgebaut. Das Boot liegt in einem ebenfalls selbstgebauten Bootshaus am Alsensund am Satruper Wald Sottrupskov.
  • Das Nydamer Moor ist ein etwa zwölf Hektar großes Moor bei Øster Sottrup, etwa acht Kilometer von Sonderburg entfernt.
Mehr lesen