Streitkräfte

Chef: Keine Übung möglich, wenn wir an der Grenze stehen

Chef: Keine Übung möglich, wenn wir an der Grenze stehen

Chef: Keine Übung möglich, wenn wir an der Grenze stehen

Hadersleben/Haderslev
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Der neue Kasernenchef Lars Nygaard Foto: Annika Zepke

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Seit zwei Monaten hört in der Haderslebener Kaserne alles auf sein Kommando: Oberst Lars Nygaard ist seit August der neue Chef des Schleswigschen Infanterieregiments. Im Interview mit dem „Nordschleswiger“ verrät der Regimentschef, welche Rolle das Grenzland für seine Arbeit spielt und welche Herausforderungen ihn in seiner neuen Position erwarten.

Nachdem der ehemalige Chef des Schleswigschen Infanterieregiments Oberst Lars Mouritsen im Februar zum NATO-Kommando gewechselt ist, hat das Regiment mit Sitz in Hadersleben Anfang August einen neuen Chef begrüßen dürfen.

An einen neuen Vornamen müssen sich die Haderslebenerinnen und Haderslebener allerdings nicht gewöhnen, denn auch der neue Regimentschef hört auf den Namen Lars. Lars Nygaard kann bereits auf eine abwechslungsreiche Militärkarriere zurückblicken und war zuletzt Leiter des Centers für Landoperationen der dänischen Militärakademie.

Der 52-Jährige wohnt mit seiner Frau und den drei Söhnen in Kopenhagen, sein neuer Zweitwohnsitz in der Domstadt ist für den frisch gebackenen Haderslebener Garnisonskommandanten aber dennoch kein Neuland.

Was ihn mit Nordschleswig verbindet und welche Herausforderungen ihn als Chef des Schleswigschen Infanterieregiments in Zeiten des Ukrainekrieges erwarten, erzählt er, als er den „Nordschleswiger“ Ende August zum Interview in der Kaserne empfängt.

Du hast deine Militärkarriere seinerzeit hier beim Schleswigschen Infanterieregiment begonnen. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit und wie ist es, jetzt als Chef zurückzukommen?

Angefangen hat es damit, dass ich zur Reserveoffiziersausbildung einberufen wurde, die hier im Schleswigschen Infanterieregiment startete. Ich bin damals in die Sporthalle gegangen, bekam einen Seesack ausgehändigt und einen Helm aufgesetzt. Wir waren dann einige Male in der Kaserne, aber hauptsächlich haben wir uns im Søgårdlager aufgehalten, wo unsere Ausbildung stattfand.

Meine Erinnerungen an diese Zeit sind richtig gut. Nordschleswig war ein guter Ort, um als Soldat seinen Dienst zu leisten, weil es aus der Bevölkerung viel Unterstützung gab. Damals war ich 19, glaube ich, und habe nicht wirklich drauf geachtet. Heute ist das anders, zumal ich auch in einer anderen Position zurückkehre.

Aber ich war sehr zufrieden mit meiner Zeit hier. Dies ist ein wunderbarer Ort, sowohl aus Ausbildungssicht als auch mit Blick auf die Umgebung. Zudem gibt es hier eine gute Verknüpfung von Geschichte und dem Soldatenleben im Grenzland.

Die Kommune Hadersleben ist der größte Arbeitgeber in der Großkommune, der zweitgrößte ist das dänische Militär. Foto: Ute Levisen

Wie macht sich das Grenzland denn hier in der täglichen Arbeit bemerkbar, oder macht es sich überhaupt bemerkbar?

Das macht sich auf jeden Fall bemerkbar. Die Geschichte nimmt viel Raum ein. Allein geografisch – wenn man vor die Tür tritt, dann sind hier überall Orte bedeutender geschichtlicher Ereignisse. Da ist 1864, die Zeit, in der Nordschleswig ein Teil von Deutschland war, und dann ist da die gesamte Volksabstimmung, von der wir, wie ich finde, auch heute noch lernen können. Die Probleme, die wir aktuell auf internationaler Ebene mit Russland, der Ukraine, der NATO erleben, können wir zurückbeziehen auf die Frage, wie man damals dafür gesorgt hat, dass die Volksabstimmung geglückt ist.

Gerade weil man nach dem Ersten Weltkrieg den Mut aufbrachte, sich darüber zu erheben, nur Macht durchsetzen zu wollen und stattdessen einen vernünftigen Prozess mit Abstimmungen durchgeführt hat, bei dem Lösungen gefunden wurden, die auf mehr basierten als auf dem Gedanken, etwas übertrumpfen zu wollen, ist das geglückt.

Ich finde, es ist fantastisch, an einem Ort zu sein, wo die Geschichte, auch wenn sie bereits gut 85 oder 100 Jahre zurückliegt, noch immer so spürbar und vor allem aktuell ist – wie man mit Blick auf die Konflikte, die an der Grenze zu Russland jetzt gerade wieder aufleben, sehen kann.

Der Fliegerhorst der Fighter Wing in Skrydstrup ist Dänemarks einziger Stützpunkt für Kampfjets. Foto: Ute Levisen

Teil einer Gesellschaft zu sein, die versteht, dass wir Menschen uns für die Gemeinschaft einsetzen müssen, dass wir uns anstrengen müssen, um diese kollektive Macht zu erlangen, das finde ich stark. Und hier haben wir inzwischen sogar den Luxus, das über Grenzen hinweg zu tun, obwohl wir vor gar nicht allzu langer Zeit noch vor große Herausforderungen gestellt waren. Deshalb freue ich mich sehr, hier zu sein. In anderen Teilen Dänemarks wird das weniger deutlich, da ist man nicht so nah an der Geschichte dran.

Wo warst du denn vorher stationiert?

Ich habe an richtig vielen Orten gedient. Ich war in Næstved, in Slagelse, in Høvelte und hier in Jütland, als die Division damals hier stationiert war. Ansonsten war ich in Lettland und bei internationalen Missionen im Balkan und in Nahost. Bei meiner letzten Tour war ich für ein Jahr in Afghanistan.

Deine neue Stelle als Regimentschef ist vermutlich etwas ruhiger als deine Zeit in Afghanistan, aber wie wurdest du hier in Empfang genommen?

Ganz fantastisch. Man muss zwar dazu sagen, dass ich zu einem recht späten Zeitpunkt in Afghanistan war. Aber das, was ich dort gemacht habe, war selbstverständlich etwas ganz anderes. Es ist ein Unterschied, ob man zu Auslandseinsätzen geschickt wird, oder ob man wie hier seinen tagtäglichen Dienst leistet. Das lässt sich nur schwer miteinander vergleichen. Hier stellt es kein Problem dar, an der Hauptwache vorbeizugehen und einen Sparziergang durch das schöne Hadersleben zu unternehmen. Das habe ich in Kabul nicht gemacht. (lacht) Das durften wir aus Sicherheitsgründen nicht.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine stelle die dänischen Streitkräfte vor große Herausforderungen, so der Kasernenchef. Foto: Ute Levisen

Aber um auf die Frage zurückzukommen, wie ich hier empfangen wurde: einfach fantastisch. Vor allem von denen, die hier in der Kaserne tätig sind, schließlich bin ich in einer bestimmten Funktion hier.

Das heißt, du langweilst dich nicht?

Bestimmt nicht. (lacht) Es gibt sehr viel zu beachten und richtig viel zu lernen. Wie die Einheiten funktionieren, wie die Garnison funktioniert, die Geschichte, und außerdem ist das Schleswigsche Infanterieregiment Teil des Heeres. Das heißt, ein Teil der Arbeit besteht auch darin, den aktuellen Stand des Heeres zu evaluieren und für die Zukunft zu wappnen. Im Moment wird viel an der Entwicklung des Militärs gearbeitet – auch von politischer Seite.

Das bringt mich sogleich zu meiner nächsten Frage. Im Moment wird wegen der russischen Invasion in der Ukraine so viel übers Militär diskutiert wie selten zuvor. Was bedeutet das für das Schleswigsche Infanterieregiment und damit auch für deine Arbeit?

Es ist bedauerlich, dass mitten in Europa Krieg herrscht. Dass wir die Zeit hinter uns gelassen haben, in der wir den Luxus der eigenen Sicherheit hatten. Als Soldat muss man diese Zeit sehr ernst nehmen. Aktuell wird es für alle deutlich, dass wir handeln müssen, und das ist auch das, was hinter den Beschlüssen des Folketings steht. Ich hoffe natürlich, dass wir in dieser ernst zu nehmenden Lage als Regiment auch einige gute Aufgaben übertragen bekommen.

Wir nehmen zwar schon jetzt wichtige Aufgaben wahr, aber wir können künftig hoffentlich noch stärker dazu beitragen, Aufgaben zu lösen und uns einen Namen als seriöses Heer machen, als eines, das auch der Abschreckung dient. Das geht nur, wenn man auch reell kämpfen kann. Es geht vor allem um die Frage, wie groß das Heer werden soll und wie viele Bereiche davon hier in Nordschleswig angesiedelt werden können. Ich hoffe, dass die Garnison beziehungsweise das Regiment in dieser Sache eine zentrale Rolle spielen werden.

Das heißt, wir reden hier nicht länger nur über Aufgaben wie die Durchführung der Grenzkontrollen, sondern auch über Kampfhandlungen?

Ja, die nationalen Aufgaben, die wir mit Blick auf die Grenzkontrollen gelöst haben, gehören zu einem anderen Aufgabenbereich, der nichts speziell mit Russland zu tun hat. Das sind Aufgaben, derer wir uns annehmen und die wir meistern, weil sie uns aufgetragen wurden. Und wir sind dankbar, dass wir gebraucht werden und relevant sind.

Die Herausforderung ist jedoch, dass jene Aufgaben, die wir bewältigen müssen, um ein verlässliches und abschreckend wirkendes Heer zu stellen, sehr anspruchsvoll sind und viel Training erfordern. Zudem bedarf es Investitionen in Material und Ausrüstung. Es ist einfach schwierig, dies umzusetzen und parallel viele andere Aufgaben zu lösen. Wenn wir an der Grenze stehen, können wir nicht trainieren. Das ist eine der großen Herausforderungen.

Selbstverständlich wollen wir die uns anvertrauten Aufgaben gut machen, aber wir müssen auch im Blick behalten, wie wir uns auf jene Aufgaben vorbereiten können, die uns womöglich in Zukunft erwarten. Nun sieht es im Moment zwar so aus, als stünde Russland in der Ukraine vor großen Herausforderungen, aber wir haben nicht den Luxus zu sagen, das wird schon. Einheiten aufzubauen, die Kapazitäten zu erhöhen, Material bereitzustellen und für den Ernstfall zu trainieren – das sind enorme Aufgaben, die wirklich viel Zeit erfordern.

Jetzt haben wir gerade darüber gesprochen, dass das eine anspruchsvolle Zeit für dich und das Heer wird. Aber gibt es auch Dinge, auf die du dich als Chef des Schleswigschen Infanterieregiments freust?

Ich freue mich sehr auf die Herausforderungen. Dinge müssen anspruchsvoll sein, ansonsten arbeitet man an Sachen, die nicht relevant sind. Man sollte stets daran arbeiten, besser zu werden. Das ist sowohl herausfordernd als auch fördernd und unterhaltsam. Das gehört zum Soldat sein, man muss es mögen, sich Herausforderungen zu stellen.

Aber natürlich freue ich mich auch darauf, Teil der Feierlichkeiten wie dem Lichtfest zu werden, die Haderslebenerinnen und Haderslebener kennenzulernen und auf die Zusammenarbeit mit der Kommune und natürlich den Fördervereinen.

Der neue Regimentschef hofft, dass der Militärstandort Hadersleben in Zukunft und mit Blick auf die kommende Verteidigungsvereinbarung eine größere Rolle spielen wird. Der bestehende Verteidigungsvergleich läuft 2023 aus. Foto: Ute Levisen
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