Grenzland-Serie 2020

Der steinige Weg zur Versöhnung

Der steinige Weg zur Versöhnung

Der steinige Weg zur Versöhnung

Peter Gram
Nordschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: SHZ-Grafik: Daniela Krönung

So sehr die Volksabstimmung über den Verlauf der deutsch-dänischen Grenze vor 100 Jahren langfristig als Friedensprojekt wirkt – es folgten nach dem Referendum noch viele Jahrzehnte mit mal größeren und mal kleineren nationalen Erschütterungen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten sowohl Dänen als auch Deutsche die überstandene Katastrophe erst einmal verarbeiten. Es war ein Prozess, der sich vor allem südlich der Grenze schwierig gestaltete. Umgeben von Ruinen, sah sich die deutsche Bevölkerung mit der Tatsache konfrontiert, dass im Namen ihres Landes unfassbare Verbrechen wie Völkermord begangen worden waren. Darüber hinaus hatte Hitler-Deutschland gegen sämtliche, auch ungeschriebene, Gesetze verstoßen. Längst nicht alle Menschen waren gewillt, diesen Fakten ins Auge zu sehen.

Trotz dänischer Gesinnung Kämpfen für die Nazis

In Südschleswig und in Nordschleswig herrschte eine besondere Situation. Südlich der Grenze strömten Flüchtlinge aus den deutschen Ost-Gebieten in den Landesteil. In Nordschleswig stand die Rechtsabrechnung auf der politischen Tagesordnung, die vor allem für die deutsche Minderheit von Bedeutung war.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden mindestens 1000 dänisch gesinnte Südschleswiger in die Wehrmacht eingezogen: Etwa ein Viertel bezahlte dies mit dem Leben. Zugleich war die dänische Minderheit nach der Machtergreifung der Nazis und nicht zuletzt auf Grund der Verfolgung durch Behörden, dramatisch geschrumpft: von cirka 8000 Mitgliedern 1923 auf etwa 3000 bei der letzten Zählung vor Kriegsausbruch 1939.

3500 Minderheitendeutsche in Dänemark interniert

In Nordschleswig war die deutsche Minderheit in den 30er Jahren und während des Krieges von nationalsozialistischem Gedankengut durchdrungen. Mindestens 2000 Angehörige zogen für Deutschland in den Krieg. Hinzu kamen Mitglieder verschiedener Korps wie „Zeitfreiwillige“, eine Art deutsche Heimwehr.
Während die Dänen südlich der Grenze ungeachtet Hungers und sozialer Not Hoffnungen auf einen Neuanfang hegten, sah es nördlich der Grenze anders aus. Dort war die deutsche Niederlage der Anfang eines langen, schmerzlichen Aufarbeitungsprozesses.

Ungefähr 3500 Angehörige der deutschen Volksgruppe wurden im ehemaligen „Polizeigefangenenlager Fröslee“ interniert, das bei dieser Gelegenheit die Bezeichnung „Faarhuslager“ erhielt. Die deutschen Häftlinge sollten nicht im selben Lager wie einst jene Dänen einsitzen, die die deutschen Besatzer dort während des Krieges einsperrt hatten.

Etwa 3000 Insassen sind zu Haftstrafen verurteilt worden, weil sie Soldaten oder „Zeitfreiwillige“ gewesen waren. Gerechterweise muss erwähnt werden, dass sich die Volksgruppe ihrem Heimatland Dänemark gegenüber zwar illoyal verhalten hat, doch gab es nur wenige Verurteilungen aufgrund von Gewalt oder Terror gegenüber Dänischgesinnten. Die deutschen Schulen wurden nach dem Krieg geschlossen, die Gebäude konfisziert.

Die Verhöhnung der „Speckdänen“

In Südschleswig verlief die Entwicklung genau umgekehrt. Der Zuspruch für die dänische Minderheit dort war enorm. Bei den ersten freien Kommunalwahlen 1946 erhielt sie 8,3 Prozent aller Stimmen in Schleswig-Holstein. In Südschleswig stimmte ungefähr die Hälfte der Bevölkerung für die dänische Partei. Natürlich spiegelte die Zahl dieser Stimmen nicht die tatsächliche Größe der Minderheit wider: Zu verlockend war für viele ihrer Wähler die Aussicht, an der Nahrungsmittelhilfe aus Dänemark teilhaben zu können. Sie wurden daher als „Speckdänen“ verhöhnt.
Andere wiederum hofften auf eine dänische Eingliederung Südschleswigs, um somit einem Leben im zerstörten und moralisch am Boden liegenden Deutschland zu entrinnen.

Als sich die Situation normalisierte, schrumpfte auch die Schar dieser neuen Wähler. Viele aber blieben der dänischen Minderheit treu. Das Kriegsende wurde somit zum Neubeginn für die dänische Minderheit, die auf Grund dieser Entwicklung auch heute noch mindestens 50000 Mitglieder zählt und damit eine Größe erreicht hat, die paradoxerweise ohne den Nationalsozialismus und die deutsche Niederlage undenkbar gewesen wäre.

Foto: SHZ-Grafik: Daniela Krönung

Umkehr der Minderheiten-Größen

Vor und während des Krieges war die deutsche Minderheit in Nordschleswig mit 25000 bis 30000 Mitgliedern weitaus größer als ihr dänisches Pendant im Süden. Nach dem Krieg kehrten viele Volksgruppenangehörige dem Deutschtum den Rücken, teils aus Bequemlichkeit, teils aus Abscheu angesichts der Verbrechen Hitler-Deutschlands. Heute zählt die deutsche Minderheit schätzungsweise 15000 Mitglieder. In ihren Reihen machte sich damals Verbitterung breit: Nicht wenige fühlten sich vom dänischen Staat ungerecht behandelt, weil die heimdeutschen Männer als deutsche Soldaten „ja nur ihre Pflicht“ getan hätten.

Grenze Konfliktfeld für dänische Innenpolitik

Trotz seines umstrittenen Agierens während der Besatzung gelang es Dänemark, als alliierte Nation anerkannt zu werden. Viele altgediente Politiker kamen erneut in Amt und Würden. Die Frage nach der Zukunft Südschleswigs führte zu heftigen Konflikten in der Innenpolitik. Ministerpräsident Knud Kristensen von der rechtsliberalen Partei Venstre definierte in einer Rede zum Tag des Grundgesetzes 1946 die Eingliederung Südschleswig als Ziel des Kampfes.

Diese Botschaft und die breite Zustimmung in der Bevölkerung für eine Vereinigung mit Südschleswig veranlasste wiederum die britische Regierung zu einer diplomatischen Note. Darin wurde die dänische Regierung gefragt, ob sie an einer Grenzrevision interessiert sei. Die Antwort lautete nein, denn bereits 1945 hatte der damalige Ministerpräsident Vilhelm Buhl von der Befreiungsregierung erklärt, die dänische Grenze liege fest.

Für Knud Kristensen bedeutete der Zwist um Südschleswig das Ende seiner politischen Karriere. Die parlamentarische Mehrheit befürwortete die bestehende Grenze und stürzte den Ministerpräsidenten 1947 mit einem Misstrauensvotum. 1949 verließ Kristensen das Parlament und spielte keine entscheidende Rolle mehr.

Knud Kristensen, der dänische Ministerpräsident, wollte Südschleswig Dänemark einverleiben. Foto: Wikimedia
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