Jubiläumsjahr

Lob für Grenze 1920 und für beide Minderheiten

Lob für Grenze 1920 und für beide Minderheiten

Lob für Grenze 1920 und für beide Minderheiten

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Kopenhagen
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Hinrich Jürgensen in Kopenhagen
Hinrich Jürgensen stellt dem Historiker Jes Fabricius Møller eine Frage zur Bedeutung der Loyalitätserklärung der deutschen Minderheit. Foto: Harro Hallmann

Auf der dänischen Wiedervereinigungsfeier auf Christiansborg gab es Anerkennung für die deutsche Minderheit.

„Auch die deutsche Minderheit hat auf beste Weise ihren Beitrag zur heutigen Entwicklung geleistet, und beide Minderheiten bilden heute eine Brücke zwischen unseren beiden Ländern.“ Das unterstrich Folketingspräsident Henrik Dam Kristensen in seiner Ansprache auf der gestrigen „Genforeningskonferenz“ im Landstingssal auf Christiansborg, an der auch zahlreiche Vertreter der deutschen Minderheit mit dem Hauptvorsitzenden Hinrich Jürgensen teilnahmen.

Die Grenzziehung von 1920 sei eine der wichtigsten Entscheidungen Dänemarks im 20. Jahrhundert gewesen, vielleicht sogar die wichtigste, aber auf jeden Fall die glücklichste“, so der Präsident. Nach seinen Worten habe die Volksabstimmung auch dazu beigetragen, Dänemark als Nation zu definieren auf dem Wege zur Demokratie und auch zum Wohlfahrtsstaat.

Der Historiker Jes Fabricius Møller von der Kopenhagener Universität sagte, für ihn sei heute auch die deutsche Minderheit ein Teil Dänemarks, auf den er nicht verzichten möge.

„Teilung Schleswigs“ statt „Wiedervereinigung“

Was den Begriff „Genforening“, Wiedervereinigung betrifft, so betonte der Historiker, er bevorzuge es, lieber von einer Teilung Schleswigs zu sprechen. Fabricius Møller verwies darauf, dass die dänische Regierung noch 1918 von einer deutsch-dänischen Regelung der Schleswig-Frage ausgegangen sei, doch habe sich die dänische Seite später für eine Lösung durch den Versailler Vertrag ausgesprochen.

Was König Christian X. dazu bewogen habe, im Zuge der sogenannten „Påskekrise“ 1920 die Regierung mit dem Radikalen-Staatsminister Zahle abzusetzen, die sich geweigert hatte, Flensburg trotz deutscher Mehrheit in Dänemark einzugliedern, könne er nicht konkret beantworten, aber gleichzeitig mit der Grenzfrage wurde nach der schwersten Verfassungskrise auf Druck des Sozialdemokraten Stauning damals eine parlamentarische Ordnung gefunden, die seitdem das Verhältnis zwischen Königshaus, Regierung und Parlament auf eine solide Grundlage gestellt hat.

Die wichtigste Änderung im deutsch-dänischen Verhältnis kam 1955 mit den Bonn-Kopenhagener Minderheiten-Erklärungen und der Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die Nato. Ob das Selbstbestimmungsrecht gerecht sei und überall so angewandt werden könne, lasse er im Hinblick auf heutige Forderungen in Europa offen. Die Entscheidungen lagen und liegen stets im Schatten der Großmachtpolitik, und deshalb sollte man sich im Grenzland eher darüber freuen, dass Grenzlandfragen heute in Kopenhagen „nicht so interessant sind“.

Historiker würdigt Brockdorff-Rantzau

Der Historiker Oliver Auge von der Kieler Universität schilderte die Grenzfrage aus der Sicht Berlins und machte in seinem Referat darauf aufmerksam, dass Deutschland Dänemark zunächst bilaterale Verhandlungen und u. a. eine Abstimmung über die nationale Zugehörigkeit in den vier Kreisen Nordschleswigs angeboten habe. Mit einem Verzicht auf Nordschleswig, aber mit Ausnahme von Hoyer und Tondern, wobei man als Quorum eine Zweidrittel-Mehrheit für die dänische Seite genannt hatte.

Er verwies auch darauf, dass Dänemark den Artikel 5, der Dänemark 1866 im Prager Frieden eine Volksabstimmung versprach, selbst in späteren Abmachungen mit der deutschen Regierung fallen gelassen habe.

Der Historiker würdigte besonders die Haltung des damaligen deutschen Botschafters in Kopenhagen, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, der 1918/1919 deutscher Außenminister wurde und der als einer der wenigen in Berlin Sachkompetenz in der Schleswig-Frage aufwies.

Die deutsche Regierung akzeptierte das vom damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson vorgeschlagene Selbstbestimmungsrecht und bot dies Dänemark sogar vor dem Waffenstillstand 1918 an. Dänemark und H. P. Hanssen wählten aber einen anderen Kurs, wollten die Grenzfrage lieber durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges in Versailles entscheiden lassen, wie es dann in den beiden schleswigschen Abstimmungszonen geschah. Auf deutscher Seite wurde der Versailler Vertrag als „Willkür und Diktat der Entente-Mächte“ und als „Gewaltfrieden“ bezeichnet.

Eine Grenze, die die 1920 neu entstandene deutsche Minderheit mit der Forderung nach einer neuen Entscheidung strikt ablehnte.

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