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„Der Papst zeigt den Weg – nun muss Dänemark nachziehen“

Der Papst zeigt den Weg – nun muss Dänemark nachziehen

Der Papst zeigt den Weg – nun muss Dänemark nachziehen

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin/Nordschleswig
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Papst Franziskus hat sich bei den kanadischen Ureinwohnern entschuldigt – auch Dänemark muss sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen, meint Jan Diedrichsen in diesem Kommentar.

Papst Franziskus hat sich in der Nähe des Geländes zweier ehemaliger Internatsschulen in Maskwacis, Alberta in Kanada entschuldigt: „Mit Scham und in aller Eindeutigkeit bitte ich demütig um Vergebung für das Böse, das so viele Christen an den indigenen Völkern begangen haben.“

Die päpstliche Ansprache an die First Nations, Metis und Inuit war die erste Entschuldigung in der Heimat der Betroffenen. Franziskus wandte sich an die indigenen Gruppen in den Bear Park Pow-Wow Grounds, einem Teil des angestammten Gebiets der Cree, Dene, Blackfoot, Saulteaux und Nakota Sioux.

Massengräber und Missbrauch

Hintergrund für die Bußwallfahrt des Papstes waren die im vergangenen Jahr entdeckten Massengräber, die ein System des Missbrauchs sichtbar machten und die Welt erschütterten.

Zwischen 1881 und 1996 wurden mehr als 150.000 indigene Kinder von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt. Viele Kinder wurden ausgehungert, geschlagen und sexuell missbraucht in einem System, das eine kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission als „kulturellen Völkermord“ bezeichnete.

Ihre Kultur und Sprache sollten den Kindern mit Gewalt ausgetrieben werden, nur so würden sie zu Gott finden. Die meisten dieser Horror-Schulen wurden im Auftrag der Regierung von römisch-katholischen Priester- und Nonnenorden geführt.

Forderung: Mehr als eine Entschuldigung

Im vergangenen Jahr wurden die sterblichen Überreste von 215 Kindern einer ehemaligen Internatsschule in British Columbia entdeckt. Seitdem wurden die mutmaßlichen Überreste von Hunderten weiterer Kinder in anderen ehemaligen Internatsschulen im ganzen Land entdeckt.

Viele Überlebende und indigene Vertreterinnen fordern mehr als nur eine Entschuldigung. Sie fordern auch eine finanzielle Entschädigung, die Rückgabe von Artefakten, die von Missionaren an den Vatikan geschickt wurden, sowie die Unterstützung bei der Strafverfolgung eines mutmaßlichen Missbrauchstäters, der heute unbehelligt in Frankreich lebt.

Koloniale Vergangenheit

Nein, die Situation der indigenen Bevölkerung Grönlands lässt sich nicht mit dem oben beschriebenen kirchlich sanktionierten Demütigungsregime an Inuit, First Nations und Metis vergleichen.

Doch auch Dänemark muss sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen, auch wenn dies am eigenen Selbstbild als Nation rütteln mag. Denn Dänemark war mit Blick auf die koloniale Vergangenheit des Landes ebenfalls Täter.

Die Situation der Menschen in Grönland macht noch heute sprachlos. Wie so oft werden komplexe Situationen erst in Romanform greifbar: Die Gewinnerin des Literaturpreises des Nordischen Rates 2021, die 31-jährige Autorin Niviaq Korneliussen hat in ihrem Roman „Blomsterdalen“ das angespannte Verhältnis zu Dänemark und den Kampf um die grönländische Identität und Kultur in einer postkolonialen Realität thematisiert.

Grotesk hohe Selbstmordrate

Das Hauptaugenmerk liegt auf der grotesk hohen Selbstmordrate. Eine Selbstmordrate, vor allem unter den Jugendlichen, von der man annimmt, dass sie die höchste weltweit ist.

Historikerinnen und Journalisten berichten derweil Erschütterndes: 22 grönländische Kinder wurden aus ihren Familien gerissen und im Rahmen eines sozialen Experiments nach Dänemark geschickt. Ziel des staatlich sanktionierten Plans war es, die Kinder aus ihren sozialen Kontexten zu lösen und in eine künftige „dänisch-sprachige Elite“ auf Grönland „umzuwandeln“. (Siehe mehr hier bei VOICES)

Staatlich sanktionierte Verbrechen

Ganz aktuell in einem sprachlos machenden Podcast „Spiralkampagnen“ von Danmarks Radio wird die Geschichte der demütigenden Zwangsverhütung grönländischer Frauen beschrieben, um die Geburtenrate der „Eingeborenen“ zu senken. Dies sind unzweifelhaft staatlich sanktionierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Dänemark muss sich – wie alle ehemaligen Kolonialreiche – der eigenen Geschichte stellen. Das Eingeständnis, Schuld auf sich geladen zu haben, ist dabei das Mindeste. Verantwortung übernehmen, auch finanzieller Art sollte das Ziel sein.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

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