Leitartikel

„Wer Jüdinnen und Juden einschüchtert, greift uns alle an!“

Wer Jüdinnen und Juden einschüchtert, greift uns alle an!

Wer Jüdinnen und Juden einschüchtert, greift uns alle an!

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Cornelius von Tiedemann meint, dass wir nicht nur gegen jeglichen Anstand, sondern auch gegen unsere eigenen gesellschaftlichen Grundsätze verstoßen, wenn wir Jüdinnen und Juden für politische Entscheidungen angehen, die ganz woanders getroffen werden.

Dort, wo Deutsche Einfluss nehmen können, gehört jüdisches Leben geschützt und gefördert. Von dieser in sich ehrenvollen Aufgabe, die aus großer Schande entstanden ist, die auch die deutsche Minderheit mit ihrer Geschichte teilt, soll im Folgenden aber gar nicht die Rede sein.

Es geht stattdessen angesichts des zunehmenden Antisemitismus in Dänemark um einen universellen Grundsatz: den Respekt vor der Würde jedes Menschen.

Fragen wir doch einfach mal.

Würdest du jemanden mit Worten oder Taten bedrängen, nur weil die Person Teil einer bestimmten Volksgruppe ist?

Wie würde es dir gefallen, wenn dein Kind von Wildfremden zur Rede gestellt wird und es sich für die Außenpolitik der Bundesrepublik rechtfertigen soll? Obwohl ihr die dänische Staatsbürgerschaft habt und hier geboren und aufgewachsen seid, vielleicht genau wie deine Eltern und Großeltern? Na gut, du hast eine Tante in Deutschland, aber …

Wie fändest du es, wenn Menschen in Dänemark beginnen würden, Schaufenster von Läden zu beschmieren, die von Deutschen betrieben werden? Oder wenn sie in Schnellrestaurants in deiner Nähe Ratten aussetzen, weil eine Filiale der Kette in einem anderen Land angeblich deutschen Soldatinnen und Soldaten kostenlos Essen gespendet haben soll?

Wie würde es dir gefallen von Leuten, die du nicht kennst, für Dinge zurechtgewiesen zu werden, für die du nichts kannst? Und dein Kind stünde daneben. Was würdest du ihm sagen, was da passiert?

Noch einmal: Würdest du jemanden angreifen, nur weil er Teil einer bestimmten Volksgruppe ist?

Nein?

Gut.

Warum würdest du es nicht tun?

Weil es übergriffige Gewalt ist. Eine ungerechte Gewalt, die wir nicht dulden können. Weil sie gegen jeglichen Anstand – und gegen die Menschenrechte verstößt.

Richtig gelesen. Der Artikel 1 der Menschenrechte besagt, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten geboren sind. Und daraus leiten sich alle weiteren Artikel jener Erklärung ab. Die moderne, gerechte und lebenswerte Zivilisation, die wir schützen und ausbauen wollen, beruht auf ihnen.

Heißt im Klartext: Wenn du einen Menschen wegen dessen Abstammung, Herkunft oder Religion angreifst oder einschüchterst, dann verletzt du unsere gemeinsamen Grundsätze. Dann verletzt du uns alle!

Wenn du jenen Menschen dazu aufforderst, ihn nötigst, sich dafür zu rechtfertigen, was andere Menschen tun oder nicht tun, worüber diese Person gar keine Macht hat, verletzt du seine Rechte. Die Rechte, die diesem Menschen, als freien Menschen, genauso zustehen wie dir. Du verletzt unsere gemeinsamen Menschenrechte.

Du machst dich schuldig an Unschuldigen. Deshalb gibt es auch kein „ja, aber“!

Denn die Menschenrechte gelten universell – ansonsten verlieren sie ihren Sinn. Es spielt keine Rolle, was andere Menschen anderswo tun. Hier und jetzt hat niemand das Recht, auch nur einen Menschen, geschweige denn ganze Gruppen, einzuschüchtern oder zu verdammen.  

Ich habe an dieser Stelle bereits vor mehr als zwei Jahren auf bedenkliche Strömungen in Teilen der dänischen und internationalen Linken hingewiesen:

Sie spielen mit dem Feuer, wenn sie einerseits mehr Respekt vor der Integrationsleistung von Einwanderinnen und Einwandern auch und gerade aus Nahost fordern, andererseits aber aktiv Konflikte und Feindbilder aus deren Heimatregion nach Dänemark tragen.

Eine Lösung der Konflikte rückt so nicht näher. Im Gegenteil. Vorurteile, Hass und Leid werden so auch hier verbreitet und die Gesellschaft wird zusehends verunsichert.

Deshalb sollten wir nie vergessen, was uns der Populismus von rechts und links vergessen lassen will: Auch und gerade in einer freien Gesellschaft muss es Tabus geben!

Wenn wir Meinungs- und Redefreiheit schützen, müssen wir aufpassen, dass dies nicht dazu ausgenutzt wird, um unseren Grundsatz der unantastbaren Würde und Freiheit aller zu untergraben.

Anders gesagt: Nur weil du glaubst, im Recht zu sein, gibt dir das kein Recht, deine Wut über Unrecht an unschuldigen Menschen auszulassen.

Wenn du es dennoch tust, machst du dich schuldig an den Opfern deiner Wut – und an der freien Gesellschaft, die du vielleicht zu verteidigen glaubst.

Wer Angehörige von Minderheiten einschüchtert, greift uns alle an.

 

 

 

 

 

 

Mehr lesen

Deutsche Minderheit

Sommerausflug ins Kunstmuseum: Mit Kurator Carstensen durch die Ausstellung

Tondern/Tønder „Res Publica“ – auf Deutsch: Die öffentliche Sache – ist der Name einer Sonderausstellung im Tonderner Kunstmuseum. Es geht dabei um das Verhältnis zwischen Kunst und Öffentlichkeit. Wer erfahren möchte, wie und warum der deutsch-dänische Künstler und Kunstprofessor Claus Carstensen die Werke ausgesucht hat, ist bei einer besonderen Museumsführung der deutschen Vereine in Tondern bestens aufgehoben.