Heimhilfe via Tablet

„Richtiger Besuch wäre mir lieber, aber ...“

Anke Haagensen
Anke Haagensen Lokalredakteurin
Feldstedt/Felsted
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Karen Alexandersen zeigt der 90-jährigen Ester Møller, wie sie ihre Tochter anrufen könnte, wenn sie wollte. Foto: Anke Haagensen

Die fast 91-jährige Ester Møller erhält zweimal täglich Besuch von der Heimhilfe – via Tablet. Angst vor der Technik hat sie nicht. „Auf einen grünen Knopf drücken kann doch jeder Vollidiot“, sagt sie.

Ester Møller vollendet im kommenden Monat ihr 91. Lebensjahr. „So Gott will“, fügt sie augenzwinkernd hinzu. Die betagte Dame ist geistig rege und körperlich fit, geht regelmäßig zum Lotto und macht jede Menge Aktivitäten mit. Ihr sitzt der Schalk im Nacken. „Stort M, små øller“, buchstabiert sie den Besuchern ihren Namen.

„Mit Technik habe ich nichts am Hut“, betont sie. „Ich habe zwar seit einem Jahr ein Handy, aber damit komme ich noch immer nicht zurecht. Die Fernbedienung für meinen Fernseher hat zwar viele Knöpfe, aber davon brauche ich nur wenige. Wie gesagt, mit Technik habe ich wahrlich nichts am Hut“, sagt sie. Dennoch oder gerade deshalb wurde Ester Møller als „Versuchskaninchen“ der Kommune Apenrade ausgesucht.

Nach guten Erfahrungen im sozialpsychologischen Bereich mit sogenannten Video-Besuchen hat die Heimhilfe im Distrikt Feldstedt ein Versuchsprojekt gestartet. Auf freiwilliger Basis können Senioren ein- oder mehrmals täglich mit „ihrer“ Heimhelferin „chatten“. 20 Senioren haben ein Tablet ausgehändigt bekommen und können via Live Messenger Video-Anrufe tätigen.

Seit Anfang Februar im Programm

Ester Møller ist seit Anfang Februar im Programm. „Ganz ehrlich: Richtiger Besuch wäre mir lieber, aber eigentlich ist es so auch ganz nett“, lautet ihr Urteil. Aber Angst vor der Technik muss man nicht haben, findet die 90-Jährige. „Auf einen grünen Knopf drücken kann doch jeder Vollidiot“, sagt sie lachend.

Und so einfach ist es tatsächlich, bestätigt Karen Alexandersen, Leiterin der Heimhilfe im Distrikt Feldstedt. Ihr Distrikt ist der kleinste in der Kommune Apenrade, gemessen an der Bewohnerzahl, aber nicht unbedingt das geografisch kleinste. Ihre Mitarbeiterinnen haben bislang viel Zeit und viele Kilometer in ihren Dienstwagen verbracht, um von Klient zu Klient zu gelangen. Der Video-Chat spart viel Zeit; die frei werdenden Ressourcen können dann für wichtigere Dinge verwendet werden – nämlich für das Gespräch oder für Hilfeleistungen.

Zwei Anrufe am Tag

Ester Møller wird in der Regel vormittags zwischen 10.30 und 11 Uhr und nachmittags zwischen 16.30 und 17 Uhr angerufen. „Wir fragen, wie es ihr geht? Ob sie ihre Medikamente genommen hat? Ob sie getrunken und gegessen hat? Ob sie gut geschlafen hat? Ob sie im Bad gewesen ist. – Kurzum: Wir halten einen gemütlichen Schnack“, schildert Alexandersen den typischen Verlauf eines solchen Gesprächs.

Bei dem schönen Wetter hatte Ester Møller am Mittwoch ihr Tablet mit auf ihre schöne Terrasse genommen und nahm den Kontrollanruf dort entgegen. „Wenn ich weiß, dass ich zum üblichen Zeitpunkt nicht zu Hause sein werde, dann sage ich den Heimhelferinnen Bescheid. In der Regel weiß man ja ein paar Tage vorher, dass man eine Einladung hat oder etwas vorhat.“ – „Du kannst das Tablet ja aber auch mitnehmen“, schlägt Karen Alexandersen vor. „O ja, ich nehme es das nächste Mal zum Lotto mit“, freut sich die 90-Jährige schon diebisch auf die Reaktion der anderen Lottospieler, wenn sie ihr Tablet herausholt, um zu chatten.

Im Notfall sofort vor Ort

Drückt Ester Møller bei Anruf nicht den grünen Knopf, ist die Heimhelferin wenige Minuten später bei ihr an der Haustür. „Das war bislang erst einmal bei Ester der Fall. Da ging es ihr allerdings auch nicht so gut“, erzählt Karen Alexandersen.
Seit die 90-Jährige das Tablet hat, sieht sie ihren Sohn auch häufiger. Er lebt in Grönland, und bislang wurde der Kontakt per normalem Telefonanruf aufrecht gehalten. Via Live Messenger kann er seine Mutter sehen und sie ihn auch. „Das ist schön“, findet Ester Møller. Ihre Tochter wohnt in der Nähe und kommt öfters vorbei, doch auch sie ruft jetzt regelmäßig ihre Mutter via Live Messenger an.

Selbst Tochter oder Sohn anrufen, das macht Ester Møller (noch) nicht. Sie lässt sich anrufen und nimmt ab, indem sie den grünen Knopf drückt.

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