Lesung in der Deutschen Zentralbücherei

Der lange Schatten einer zerstörten Familienseele auf 1.100 Seiten

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Wolfgang Griep, Übersetzerin Renata Steindorff und Miljenko Jergovic Foto: Sara Wasmund

Miljenko Jergovics Besuch in der Deutschen Zentralbücherei bescherte den Besuchern einen philosophisch inspirierenden Abend.

Wie schön und sinnlich Kroatisch klingt – auch wenn man kein Wort davon versteht. Diese Erfahrung machten die Besucher der Lesung des Autors Miljenko Jergovic, der am Freitagabend in der Deutschen Zentralbücherei zu Gast war.

Um den Besuchern ein Gefühl für seine Sprache zu vermitteln, las Jergovic zunächst einen kurzen Text in der Originalsprache seines Buches „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ vor.

Warm, dunkel und emphatisch – der bosnisch-kroatische Autor Jahrgang 1966 nahm die Zuhörer mitten hinein in seine Welt, hinein in die vielschichtige Nationalitätenfrage auf dem Balkan, in die von Einwanderung und nationaler Identitätssuche geprägte Geschichte seiner Familie.

Biografie oder Roman?

Handelt es sich bei Jergovics neuem Werk um eine Biografie oder um einen Roman? Ist es ein biografischer Roman oder eine romanhafte Biografie? Diese Fragen stellte Moderator Wolfgang Griep seinem Gast.
„Es ist ein Roman über die Biografie, ein Roman über eine Familie“, so Jergovic, der es niemals für möglich gehalten hätte, dass sein Buch, „die Unordentlichkeit meiner Familie“ und die seitenlangen, detailgetreuen Beschreibungen von Straßen in einem anderen Land als seiner Heimat auf Interesse stoßen könnte. Doch das tat es – derzeit ist das 1.100 Seiten starke Werk in deutscher Sprache vergriffen.

Buch war noch länger

„Zunächst war das Buch noch viel länger, ich habe es bereits gekürzt“, so der Autor über sein umfassendes Werk, „ich habe ja nicht so ein großes Buch geschrieben, um den Leser zu malträtieren“, schmunzelte Jergovic in jenem feinen Humor, der sich immer wieder auch im Buch wiederfindet; oft verwoben mit einer unverzagten und pragmatisch daherkommenden Melancholie. Eine Wehmut, eine Zerrissenheit, die in der Geschichte Jergovics und dem ehemaligen Jugoslawien gleichermaßen begründet ist.

SS oder Partisanen?

„Mein Onkel war 19 Jahre und meine Mutter noch ein kleines Kind, als er im Zweiten Weltkrieg eine Einladung aus Deutschland, von der SS erhielt“, so Jergovic über seine einst in den Balkan ausgewanderte Familie. „Mein Opa war dafür, dass sein Sohn, mein Onkel, sich den Partisanen in Kroatien anschloss. Meine Oma meinte, er sei bei einer SS-Einheit sicherer aufgehoben. Meine Oma setzte sich durch. Mein 19-jähriger Onkel erhielt eine Ausbildung bei der SS und nach einem Monat wurde er getötet. Von den Partisanen.“ Seine Mutter sei anschließend bei seinen Großeltern in einer Atmosphäre beständiger Schuldzuweisungen aufgewachsen, „meine Mutter war eine emotional behinderte Person, die mich als Hindernis auf dem Weg zum Glück betrachtet hat“. Ein Lebenszeugnis das verdeutlicht, was für lange Schatten Krieg, Schuld und Tragödien über Generationen zu werfen vermögen.

„Heimat besteht in der Zeit“

Die Liebe zu seiner Heimatstadt Sarajevo ist in Jergovics Buch unüberlesbar. Was für ihn Heimat ist? Jergovic überlegt und sagt: „Die Heimat besteht für mich in der Zeit und nicht im Raum. Die Zeit, das ist die vergangene Zeit.“

Ein Heimat-Begriff, den das Publikum interessiert aufnahm. Doch sind seine Beschreibungen der Heimatstadt nicht vor allem jene des Raums, des Stadtbilds, der Details?, so eine Rückfrage aus dem Publikum.
Eine für Jergovic typische Gegensätzlichkeit die den Autor ausmache, so Moderator Griep. Die Heimat, die er in seinen Büchern beschreibt, gebe es so nicht mehr, sagt Jergovic. Heutzutage liefen keine Männer mehr in schlecht sitzenden sozialistischen Anzügen, Aktentasche und eine Melone am Kopf haltend die steilen Straßen Sarajewos hinauf.

„Die Heimat ist immer auch eine Frage verschiedener Rituale. Jene Heimat von mir ist heute eine verlorene Heimat“, so Jergovic. Interessant auch seine Antwort, wie er mit dem Bosnier und dem Kroaten in sich umgehe. Er verwies auf die Nordschleswiger. „Der Mensch ist nicht nur Einer, sondern Zwei und ein Dritter noch dazu. Nur weil die meisten Nordschleswiger der deutschen Minderheit eine dänische Staatsangehörigkeit haben, sind sie nicht weniger Deutsche. Man denkt falsch wenn man sagt, die Menschen sind halb deutsch, halb dänisch. Man kann nicht geteilt sein.“ In jedem Menschen stecke vielmehr ein ganzer Deutscher und ein ganzer Däne. „Schlechte Regierungen bedienen sich des Nationalismus, sie erlauben Menschen nicht, ein, zwei, drei oder vier Seiten zu haben. Sondern bringen sie dazu, sich dafür zu schämen, so vielfältig zu sein.“

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