Todesfall

Ein aktives, kreatives und erfülltes Leben ist zu Ende

Ein aktives, kreatives und erfülltes Leben ist zu Ende

Ein aktives, kreatives und erfülltes Leben ist zu Ende

Apenrade/Aabenraa
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Ingrid Brase gründete vor einigen Jahren einen Kulturpreis für junge nordschleswigsche Künstler. Foto: Paul Sehstedt

Ingrid Brase ist wenige Monate vor Vollendung ihres 95. Lebensjahres verstorben. Ihr unermüdlicher Initiativgeist und Tatendrang ließ auch wesentlich jüngeren Wegbegleitern schon mal die Puste verlieren.

Ingrid Brase, Farverhus 78, Apenrade, ist wenige Monate vor Vollendung ihres 95. Lebensjahres gestorben.

Sie kann auf ein äußerst aktives und erfülltes Leben zurückschauen. Sie war zweifache Mutter und zweifache Oma. Beides erfüllte sie mit Stolz. Ihr unermüdlicher Initiativgeist und Tatendrang, der sich auch durch körperliche Beeinträchtigungen in den letzten Jahren nur schwerlich zurückhalten ließ, war bewundernswert. Wesentlich jüngere Wegbegleiter konnten da schon die Puste verlieren.

2020 – ein besonderes Jahr

Das Jahr 2020 wäre ein ganz besonderes für Ingrid Brase gewesen. Ganz abgesehen von den vielen Feierlichkeiten zu den 100. Jahrestagen von Volksabstimmung, Grenzziehung und Minderheit, die sie sicherlich sehr interessierten, so hätte das Jahr auch zwei ganz persönliche Meilensteine für sie beinhaltet. Im Juni hätte sie ihren 95. Geburtstag feiern können, und davor hätte sie auch ihr 60. Jahr als Witwe begehen können.

Pioniere des Schulaufbaus

Ingrid Brase, 1925 in Mönkeberg bei Kiel geboren, kam 1953 mit ihrem Mann Hubert nach Tingleff, wo er mit der Leitung der ersten deutschen Realschule nach dem Zweiten Weltkrieg betraut wurde. Gemeinsam waren die Eheleute Pioniere des Schulaufbaus in schwierigen Zeiten.

Ingrid Brase hat an der Tingleffer Schule bis zu ihrer Pensionierung gewirkt und „viele Generationen von Schülern kompetent mit Verständnis, Toleranz, aber auch Konsequenz geführt, begleitet und geprägt auf ihrem Weg durch die Schule“, schrieb Hildegard Schmidt, eine ihrer ersten Schülerinnen, zu Ingrid Brases 90. Geburtstag im Jahr 2015.

Der frühe Tod von Mann Hubert

Nach dem Tod von ihrem Mann Hubert 1960 musste Ingrid Brase ihren damals noch kleinen Söhnen alleine den Weg ins Leben zeigen. „Sie war mutig und fleißig“, beschreibt Sohn Kay im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ seine Mutter.

Sie hat uns u. a. beigebracht, wie vielfältig das Leben kann.

Kay Brase, Sohn

Mit großer Dankbarkeit blickt er auf seine Kinder- und Jugendjahre in Tingleff zurück. „Sie hat uns unter anderem beigebracht, wie vielfältig das Leben sein kann. Dass es aber auch Willenskraft bedarf, um die gesteckten Ziele zu erreichen“, formuliert er es.

Kay Brase hat im Erwachsenenalter gemeinsam mit seiner Mutter mehrere Buch- und Filmprojekte durchgeführt und sie als kreative, aber auch fordernde Zusammenarbeitspartnerin erlebt und geschätzt.

Vielfältiges Engagement

Ihre Beharrlichkeit und Unermüdlichkeit kam nicht nur ihren Kindern und Schülern gegenüber zum Ausdruck. Sie hat sich auch große Verdienste um den Tingleffer Reitklub, den Apenrader Ruderverein, dem Lehrerverein Nordschleswig, einer Tonderner Künstlergruppe und den nordschleswigschen Heimatwanderclub erworben. Das hat ihr im Laufe der Jahre einige Ehrenmitgliedschaften eingebracht. Auf die sie mit Recht stolz war.

Die Kunst war jedoch zeitlebens ihr Begleiter. Sie hat unter dem Namen „Ingrid Brase Schloe“ gemalt, gezeichnet und geschrieben. Sie hat zahlreiche Bücher und Gedichtbände verfasst – und natürlich gemalt und gezeichnet. Ihre Werke sind weit über die Grenzen Nordschleswigs bekannt. Sie hat buchstäblich Ausstellungen in aller Welt bestückt – unter anderem in Libyen und Israel.

Es gibt wohl kaum jemanden in Nordschleswig, der zu Jubiläen oder Geburtstagen keine handgeschriebene Karte von Ingrid Brase erhalten hat. Sie war auch in diesen Dingen sehr aufmerksam, herzlich und gewissenhaft.

Kritisch und politisch

Auch lieferte Ingrid Brase als kritische Heimatkundlerin Beiträge für die Hefte der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft (HAG) und war eine fleißige Leserbriefschreiberin zu aktuellen, politischen Themen.

Ingrid Brase hat vor einigen Jahren eine Stiftung gegründet, die junge Kunsttalente der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig fördert. In ihrem Sinne haben die Söhne – neben Kay hinterlässt sie den Sohn Götz – deshalb beschlossen, dass sie in Verbindung mit der Trauerfeier in der kommenden Woche in Tingleff statt Blumen oder Kränze Geldspenden auf das Stiftungskonto vorziehen würden.

 

Nachruf auf Ingrid Brase Schloe

6. Juni 1925, Mönkeberg bei Kiel – 18. Februar 2020 Apenrade/Aabenraa, Dänemark

von Peter Blume

Erstmalig nach Nordschleswig kam Ingrid Brase mit ihrem Ehemann Hubert am 27. August 1953, und zwar nicht ganz legal, wie sie – sich immer wundernd – über ihren Start in Tingleff berichtete. Ihr Mann übernahm vom 5. September an die sogenannten ‚Aufbauklassen‘ (Mittelschulklassen) und war dann vom 1. April 1957 bis zu seinem frühen Tod 1960 Schulleiter der Volks- und Mittelschule. Ingrid selber unterrichtete in Nordschleswig mit einer vierjährigen Unterbrechung vom 1. April 1954 bis zum 31. Juli 1987. Ihre Fächer waren Deutsch, Englisch, Kunst, Handarbeit und Biologie. Dazu arbeitete sie mit in den Lehrplanausschüssen des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Deutsch, Biologie und Kunst. Auch leitete sie einige Fortbildungskurse im Bereich Kunst.

1963 lernte ich Ingrid Brase als Leiterin der ‚Junglehrer-Arbeitsgemeinschaft West‘ kennen. Sie betreute uns Junglehrer bis zur 2. Staatsprüfung kompetent und inspirierend. Wir zollten ihr großen Respekt. Das „Sie“ untereinander war selbstverständlich und hielt sich auch noch für eine Weile, nachdem ich von Lügumkloster nach Tingleff an Ingrids Schule gewechselt war. Obgleich mir von ihr sofort das „Du“ angeboten worden war, konnte ich mich dazu längere Zeit nicht durchringen.

Ingrid war in vielerlei Hinsicht unkonventionell, wie das bei Menschen häufiger zutrifft, die eine künstlerische Ader haben. Das galt nicht nur für ihren Unterricht, sondern auch für ihr privates Leben. Schüler und Kollegen können sicher von etlichen Erlebnissen erzählen, die meistens ein Schmunzeln verursachen, aber eben nicht immer. Welche Position Ingrid in der Schule einnahm, zeigt auch die Tatsache, dass sie ohne offenen Widerspruch des Schulleiters ihren Dackel einfach für längere Zeit zur Betreuung mit in den Unterricht nehmen konnte.

1978 beschlossen Ingrid Brase und Kathe Feldstedt, Tingleff, einen „Heimatwanderclub“ zu gründen. Die Idee dazu war ihnen bei ihren regelmäßigen Spaziergängen mit ihren Hunden gekommen. Diesen Verein leitete Ingrid 27 Jahre lang. Über 200 Veranstaltungen wurden in ihrer Zeit als Vorsitzende durchgeführt. Der Verein existiert noch heute und erfreut sich großer Beliebtheit. Aber Ingrid war nicht nur beim Wandern aktiv. Weiteres Engagement zeigte Ingrid im Tingleffer Reitclub. Nach ihrem Umzug nach Apenrade trat sie dem ARV bei und ruderte viele Jahre in ihrem Einer. Das Radfahren machte ihr Spaß und noch in hohem Alter machte sie Urlaub in den Bergen und fuhr dort auf einem Mountainbike. Auch das Winterbaden in der Apenrader Förde stand lange Zeit auf ihrem Programm. Dass Bewegung gut tut, erfuhren zeitweise auch Ingrids Schüler. Waren sie müde oder unkonzentriert, wurden bei geöffneten Fenstern Freiübungen im Klassenraum durchgeführt.

Nach ihrer Pensionierung kümmerte sich Ingrid bis 2005 mit vielen Aktivitäten um die Pensionäre im Lehrerverein. Der Vorstand ernannte sie zum Ehrenmitglied.

Ingrids Liebe zur Kunst machte sich sowohl in der eigenen Malerei wie Schriftstellerei bemerkbar. Beides förderte sie zudem jeweils in einem ‚Literatur- und einem Kunstfonds‘ für junge Menschen - auch finanziell.

September 2018 – Ingrid Brase mit Britta Lippert letztmalig bei der Verleihung des Kunstpreises – hier an Sofus Hindø Foto: Privat

Der Wahlspruch ihres Ehemannes aus Jacobus 2 „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein“ war auch Ingrid Brases Lebensmotto gewesen.

Das folgende Gedicht von Ingrid ist schon um 2005 entstanden – erschienen im Band „Wandern – und dann mit Sturzhelm in die 80“:

Meines Lebens Bild

Meine Zeit war ein Garten
bunt verkleckst der Morgen
linear gezogen der Tag
auch umrankt von Jasmin und Clematis

der Weg der Vögel
mit dem Ruf des einen
über Wasser und Wald
umspielt von frohen Stimmen

auch die dunklen Schatten
und Tore und Tiefen
dumpf eingefangen
abends verklärt

zuletzt die Farben der Erde
die führen zum Schlaf
zu Stille
auch zum Erwachen - ?

Nachruf

Ingrid Brase in memoriam

Der Apenrader Ruderverein (ARV) trauert um sein langjähriges Ehrenmitglied Ingrid Brase. Wir danken Ingrid für ihr Engagement im ARV. Sie war seit Jahrzehnten aktives Mitglied und Vorstandsmitglied und wurde 1998 für ihren Einsatz und ihre Verdienste für den Verein zum Ehrenmitglied ernannt.

Ingrid war neben dem aktiven Rudersport, den sie bis ins hohe Alter ausübte, auch das Mitglied, das unserem Klub eine Kulturkomponente gab und für zahlreiche Kulturveranstaltungen im ARV sorgte.

Gleichzeitig war Ingrid eine Mäzenin des Vereins und organisierte Spendenaktionen wie das Programm „Brase in Bewegung“ wo sie jeweils in Verbindung mit dem Anrudern oder Abrudern die Mitglieder aufforderte, sich im Fitnessraum zu betätigen und spendete für jeden aktiven Teilnehmer, der das Fitnessprogramm durchführte eine „Kopfprämie“.

Sie war stets voller Ideen und verband den Rudersport mit dem kulturellen und dem gemeinschaftlichen gemütlichen Beisammensein.

Trotz des hohen Alters und schwieriger werdender Mobilität schaffte sie es doch regelmäßig den Verein auf einen Klönschnack zu besuchen.

Ihren letzten „großen Auftritt“ hatte sie vor wenigen Jahren, als sie ihren Lebenslauf in einem von ihr selbst initiierten Dokumentarfilm bei vollem Haus zeigte.

Wir werden unsre Ingrid sehr vermissen und sind dankbar für die vielen schönen Stunden, die wir Mitglieder im Apenrader Ruderverein zusammen hatte.

Wir werden ihr Vermächtnis in Ehren halten.

Peter Asmussen
1. Vorsitzender
Apenrader Ruderverein

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