Deutsche Minderheit

Nach 78 Jahren erzählt Elfi Krag von ihrer Flucht aus Ostpreußen

Nach 78 Jahren erzählt Elfi Krag von ihrer Flucht aus Ostpreußen

Nach 78 Jahren erzählt Elfi Krag von der Flucht aus Masuren

Loit/Løjt
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16 Jahre alt war Elfi Krag, als sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester rund drei Monate auf der Flucht war und währenddessen von Granatsplittern getroffen wurde. Mit Folgen für ihr Sehvermögen. Es liegt ihr allerdings fern, mit ihrem Schicksal zu hadern. Foto: Karin Riggelsen

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Über ihre Flucht aus Ostpreußen 1945 hat Elfi Krag viele Jahrzehnte kaum gesprochen. Doch nun drängen die Erinnerungen an die Oberfläche. Auslöser ist wohl die aktuelle Situation, die viele Menschen zwingt, ihre Heimat zu verlassen, vermutet die 94-Jährige. Dass sie mit ihrem Leben und ihrem Schicksal im Reinen ist, hat mehrere Gründe.

Sie nahmen mit, was auf einen Rodelschlitten passt. „Der war beladen mit Paketen voller Kleidung, und ein Oberbett war auch dabei“, erzählt Elfi Krag, die sich im Januar 1945 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von dem Ort Siewken (heute poln. Żywki) in Masuren aus in Richtung Westen auf den Weg gemacht hatte. An einen dramatischen Abschied vom Vater, der zunächst dableiben musste, um beim Ausheben von Schützengräben zu helfen, erinnert sie sich nicht.

So waren also die drei Frauen aus Ostpreußen auf der Flucht. Das Ziel vorerst: das Frische Haff an der Ostsee. „Ich hatte eine lange Hose an, mit meinem Sparbuch in der hinteren Tasche“, sagt die heute 94-Jährige und greift sich bei der Erinnerung an die imaginäre Skihose, „die hinten so schräg zulief“, und wo sie vor 78 Jahren das Heft der Sparkasse verstaut hatte. „Das hat uns später im Westen sehr geholfen. Was auf dem Sparbuch drauf war, hatte ich zur Konfirmation bekommen.“

„Wir hörten die Kanonen, sahen den Feuerschein“

Aber noch befanden sie sich auf der Flucht, wie Millionen andere Menschen auch – als Folge des Zweiten Weltkrieges. 16 Jahre alt war Elfi, als sie ihre Heimat verlassen musste, ihre Schwester fünf Jahre jünger.

Den Abschied und den Aufbruch hat sie als „nicht so dramatisch“ in Erinnerung. „Für uns Kinder ging es ja immer irgendwie weiter.“ War man mit 16 früher mehr Kind als heute? „Ja, ich glaube schon“, sagt sie im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“. „Dass es furchtbar ist, seine Heimat verlassen zu müssen, darüber denkt man heute nach. Aber damals war die Situation da, wir mussten weg, denn der Russe kam. Wir hörten die Kanonen, sahen den Feuerschein und hörten das Rumoren – meine Mutter hat sicher mehr gelitten.“

In Nordschleswig hat die 94-Jährige eine neue Heimat gefunden. Foto: Karin Riggelsen

Der Fluchtweg nach Westen war in gewisser Weise vorgezeichnet, denn eine Öffnung gab es nur noch Richtung Frisches Haff (Zalew Wiślany). „Auf dem Weg dorthin haben wir in leer stehenden Häusern übernachtet. Essen fanden wir dort auch. In der Beziehung haben wir keine Not gelitten.“ Den Schlitten mussten sie allerdings irgendwann zurücklassen. „Wir haben ihn in den Straßengraben geschoben. Denn es wurde wärmer und begann zu tauen, sodass wir ihn nicht mehr ziehen konnten.“

Einmal wurden sie unterwegs von der russischen Armee eingekesselt und beschossen. „Persönlichen Kontakt hatten wir zu den Russen nicht. Aber ich bekam einen Granatsplitter in den Kiefer – der ist später von allein rausgegangen – und zwei in den Kopf. Einer sitzt da heute noch. Der hat mir nie Beschwerden verursacht.“ Aber der andere. Dazu später mehr.

Auf einem Lazarettschiff ging die Flucht weiter

Doch zunächst erreichten die Frauen das Haff. Ziel war Pillau (Baltijsk). „Danzig konnte man auf dem Landweg nicht mehr erreichen, da war der Russe. Das Haff war in rund zehn Kilometern Breite zugefroren. Ich hatte nasse Füße, weil das Eis schmolz. Rechts und links lagen Fuhrwerke mit toten Pferden, die offenbar in der Nacht vom Weg abgekommen waren und eingebrochen sind“, erinnert sich Elfi Krag. „Meine Mutter hatte eine Handtasche mit zwei Henkeln. Sonst hatten wir nur das, was wir auf dem Leib trugen. Unsere restliche Habe war auf dem Schlitten geblieben.“

In Pillau angekommen, wurden Elfi Krags Verletzungen auf einem Lazarettplatz versorgt. „Der große Kopfverband hat uns geholfen, auf ein Lazarettschiff zu kommen. Zunächst hieß es, dass meine Mutter und meine Schwester nicht mitfahren durften.“ Doch der Protest der Mutter überzeugte, und so konnte sie bei ihrer Tochter sein, als der 16-jährigen Elfi etwas bevorstand, dessen Folgen sie ihr Leben lang begleiten sollten: Der zweite Granatsplitter in ihrem Kopf hatte sie so schwer verletzt, dass ihr auf dem Lazarettschiff ein Auge herausoperiert werden musste.

Elfi Krag mit ihrer Schwiegertochter Ulla Foto: Karin Riggelsen

 „Mit dem Lazarettschiff sind wir nachts ausgelaufen.“ Es ging zur Halbinsel Hela (Półwysep Helski) bei Danzig (Gdańsk). Dort konnten wir uns in Baracken ausruhen, in denen zuvor Militär untergebracht gewesen war. Aber nach einiger Zeit drängte meine Mutter zum Aufbruch, weil die Russen ja immer näher kamen.“

Nächstes Ziel war der Hafen in Danzig. „Wie wir dahin gekommen sind, weiß ich nicht mehr“, sagt Elfi Krag. „In Danzig am Bahnhof stand ein geöffneter Lazarettzug. Ich sehe ihn noch heute – die Türen standen offen, und die Sonne schien. Der hat uns mitgenommen, denn ich hatte ja so einen Verband“, sagt die 94-Jährige und demonstriert mit den Händen die Größe des Gebildes, das sie um den Kopf trug. „Von Danzig kamen wir dann mit dem Lazarettzug über Berlin nach Rudolstadt in Thüringen. Mittlerweile waren sicher drei Monate vergangen. Dort wurden die Menschen auf Familien verteilt und waren erst einmal sicher.“ In Thüringen trafen sie dann Elfis Vater wieder, der schließlich auch den Befehl bekommen hatte, seine Heimat zu verlassen.

Von ihrem Lieblingsplatz aus kann Elfi Krag über die Ostsee blicken. Foto: Karin Riggelsen

Nächste Zwischenstation war Niebüll in Nordfriesland. „Da war es so voll, dass wir weitergeschickt wurden auf die Insel Sylt. Das wurde dann unser zweites Zuhause.“ Dass sie der Schilderung ihrer Flucht beinahe wie nebenbei die Worte „Ja, das wars an sich“ hinzufügt, zeigt wohl, wie sehr sich Elfi Krag mit den Erlebnissen von Vertreibung, Flucht aus der Heimat und dem Verlust ihres Auges arrangiert hat. Sie hat ihr Leben positiv angenommen.

Auf Sylt ist sie gleich in einen Sportverein eingetreten und spielte 20 Jahre lang Hockey. „Ich hatte nie Schwierigkeiten, Freundschaften aufzubauen. Auf Sylt gehörte ich mit dazu, weil ich mich nie in den Vordergrund gedrängt habe. Dort habe ich in Westerland als kaufmännische Angestellte in dem Textilgeschäft einer Familie aus Pommern gearbeitet.“ In Ostpreußen war sie nach der Schule während eines Pflichtjahres im Kindergarten tätig gewesen und machte vor der Flucht in Angerburg bei Mercedes eine kaufmännische Ausbildung.

Ich glaube, dadurch, dass es mir hier in Nordschleswig so gut ging, habe ich nicht so hart empfunden, was ich als junges Mädchen verloren habe

Elfi Krag

„Im Rückblick kann ich nur sagen, ich habe große Glück gehabt – in jeder Beziehung. Sylt wurde meine zweite Heimat. Dort habe ich auch meinen Mann Jes kennengelernt, einen Maschinenmeister, der zur See fuhr. Er kam aus Barsmark und machte Urlaub auf Sylt. Also besser konnte es ja gar nicht sein. Wir haben geheiratet, und hier auf der Halbinsel Loit lebe ich nun seit vielen Jahrzehnten. Nordschleswig ist praktisch meine dritte Heimat geworden. Also, jetzt kriege ich doch eine Gänsehaut“, sagt sie lächelnd.

In ihrer dritten Heimat war Elfi Krag sehr aktiv in der deutschen Minderheit. Hatte etwa Vorstandsposten beim Frauenbund und beim Bund Deutscher Nordschleswiger und hat Kongresse der FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) in ganz Europa besucht. „Wir haben uns um Minderheiten im Ausland gekümmert, brieflich, mit Spenden, und ich habe auch persönlich viele Leute kennengelernt. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“

Mit dem VDA oft in die alte Heimat gereist

Als zweite Vorsitzende des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA), Sektion Nordschleswig, ist Elfi Krag mit dem VDA viele Male nach Ostpreußen gereist und hat ihre alte Heimat besucht. War dort, wo einst ihr Zuhause gewesen ist, eine kleine Landwirtschaft, die es heute aber nicht mehr gibt. Hat den Friedhof besucht und war an dem See, in dem sie als Kind gebadet hat.

Kam da Wehmut auf? „Ja, und ein bisschen Traurigkeit darüber, dass alles weg war. Aber ich glaube, dadurch, dass es mir hier in Nordschleswig so gut ging, habe ich nicht so hart empfunden, was ich als junges Mädchen verloren habe. Ich glaube, der Grund ist, dass ich von hier aus viel tun konnte für die Menschen dort – habe Weihnachten Geld gesammelt und hingeschickt, Figuren ausgeschnitten, mich um die Leute gekümmert, die nicht weggegangen sind. Inzwischen sind die meisten aber gestorben.“

Trotz des Verlustes ihrer ersten Heimat ist Elfi Krag mit sich im Reinen. Foto: Karin Riggelsen

Ihre Fluchtgeschichte empfindet die 94-Jährige in gewisser Weise als undramatisch, „im Nachhinein aber sehr spannend“. Viele Jahre hat sie gar nicht darüber gesprochen. „Ganz wenige kannten meine Biografie. Selbst die Familie nicht. Es kann sein, dass es jetzt durch die Ukraine gekommen ist. Es tauchen Parallelen auf, Leute werden verteilt auf Familien. Es gibt ja so viel Schicksale. Da war meines ja gar nichts. Aber interessant finde ich zu erzählen, dass ich am Frischen Haff mal übers Wasser gegangen bin – wie Jesus“, sagt sie verschmitzt.

„Ich bin jetzt ein Vogel ohne Flügel“

Mit dem Verlust ihrer Heimat ist Elfi Krag im Reinen, „schließlich habe ich eine neue gefunden. Eine gute!“ Ihr Mann Jes ist zwar schon mit 60 Jahren gestorben, aber sie lebt heute mit ihrem Sohn Jes und ihrer Schwiegertochter Ulla auf dem Hof auf der Halbinsel Loit mit Blick auf die Ostsee. „Besser kann es ja gar nicht sein“, versichert Elfi Krag, „und ich habe einen großen Freundeskreis. Der Kontakt läuft allerdings fast nur noch per Telefon, weil ich kein Auto mehr fahre. – Ich bin jetzt ein Vogel ohne Flügel“, fügt sie lachend hinzu.

Ihre körperliche Fitness erhält sich die 94-Jährige mit täglicher Gymnastik und beim 14-täglichen Kegeln. Im Haushalt macht sie Wäsche für alle – auch für ihre Enkel Jes, der in der Nachbarschaft lebt, Lukas und Benjamin. Auch Letztere kommen am Wochenende oft aus Hamburg beziehungsweise aus Odense mit „Wäsche für Omi“ vorbei.

Die Planung für den 95. Geburtstag läuft

Zufriedenheit und Optimismus prägen Elfi Krag. Ihr 95. Geburtstag ist am 15. Januar 2024. „Ob ich den erlebe, weiß ich ja nicht, aber ich fange schon an zu sparen“, sagt sie lachend, „für ein großes Fest.“

Dass sie auf der Flucht ein Auge verloren hat, nimmt sie weder den Russen noch dem Schicksal übel und sieht es mit ihrer ganz eigenen Philosophie: „Jeder Mensch erlebt ja etwas Schlimmes. Warum sollte ausgerechnet ich nicht bezahlen. Ich habe ein Auge verloren. Aber ich sehe das als Vorschuss auf das gute Leben, das ich danach hatte.“

 

Die große Flucht 1944/45

Während des Zweiten Weltkriegs und danach (1944/45) mussten etwa 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten ihre Heimat verlassen.

Etwa aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien drängen Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen in schier endlosen Trecks in den Westen.

Die Menschen fliehen zu Fuß, mit Handwagen oder Pferdefuhrwerken. Es gibt keine medizinische Versorgung, keine Lebensmittel und kaum Trinkwasser. Säuglinge und Kleinkinder sind die ersten Opfer. Sie sterben in eisiger Kälte an Unterkühlung oder Hunger.

Die Flüchtlingsströme verlaufen quer durch das zerstörte Deutschland, das den Krieg angezettelt hatte, und treffen auf Menschen, die durch Bombenangriffe und Kriegshandlungen selbst kaum über das Nötigste zum Leben verfügen. Nicht selten werden die Neuankömmlinge daher misstrauisch beäugt und feindselig behandelt.

Im weitgehend zerbombten Land mangelt es an Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Wohnraum, Kleidung, Heizmaterial und Arbeit. Viele Heimatvertriebene leben jahrelang in Auffanglagern oder Baracken und stehen mit leeren Händen vor dem Neuanfang. Haus, Hof, Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Mitgenommene Wertgegenstände haben meist die Besatzer konfisziert, Entschädigungen gibt es nicht.

Quelle: Planet Wissen

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