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Heimatkundler erlebten Religiosität und Bauerbe Christianfelds

Heimatkundler erlebten Religion und Bauerbe Christianfelds

Heimatkundler erlebten Religion und Bauerbe Christianfelds

Christiansfeld
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Eine erlebnisreiche Tagesfahrt unternahm die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig in die Herrnhuter-Siedlung Christiansfeld, die 1773 gegründet wurde. Foto: Volker Heesch

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Die Tagesfahrt der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig gab Einblicke in die Entstehungsgeschichte und das heutige Leben der 1773 gegründeten und bald auf ihr 250-jähriges Bestehen zurückblickenden Herrnhutersiedlung.

Knapp 40 Interessierte besuchten während der ersten Tagesfahrt der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) in diesem Jahr die einzige Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine in Dänemark, die Ortschaft Christiansfeld ganz im Norden des einstigen Herzogtums Schleswig.

Glaubensrichtung mit Wurzeln in Sachsen

Die auch als Evangelische Brüderunität bezeichnete Glaubensrichtung hat ihre Wurzeln in Sachsen in der Oberlausitz. Dort hatte 1722 Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) evangelische Glaubensflüchtlinge aus Mähren  angesiedelt, was zur Gründung des Ortes Herrnhut führte.
 

Die Straßen und Plätze in Christiansfeld sind Ergebnis des 1772 entworfenen Plans für eine Hernnhuter-Siedlung. Es wird auch an den Initiator der Religionsgemeinschaft, Graf Zinzendorf, erinnert. Foto: Volker Heesch

 

Diese von Handwerkern geprägte Siedlung, in die Christen verschiedener evangelischer Richtungen zogen, entwickelte eigene Glaubenspraktiken und spirituelle Wohn- und Lebensgemeinschaften, die Vorbild bei Gründungen von Herrnhuter-Siedlungen in vielen Ländern wurden. Im kommenden Jahr 2023 blickt die „Filiale“ der Herrnhuter Brüdergemeine in Christiansfeld, die durch Missionstätigkeit in aller Welt vertreten ist, auf ihre Gründung vor 250 Jahren zurück.

Religiöse Eigenheiten

Bei den Führungen durch das interessante Bauerbe Christiansfelds, das auf einen 1772 erarbeiten Gesamtplan zurückgeht, erläuterten Vivi Autzen und Finn Johannsen sehr kompetent die religiösen Eigenheiten der Herrnhuter, von denen heute noch rund 160 Mitglieder in Christiansfeld leben. Namensgeber war König Christian VII., der den für ihren Fleiß und wirtschaftlichen Erfolg bekannten Herrnhutern die Gründung einer Siedlung an der Nordgrenze des ihm unterstehenden Herzogtums Schleswig erlaubte.
 

Stadtführerin Vivi Autzen, die Organistin der Tyrstruper Kirche, Karin Mølbak Jensen, und Ortführer Finn Johannsen (v. l.) im eigentümlichen Gemeinesaal, der ohne Kanzel und Altar nach Vorbild des Herrnhuter Gotteshauses gestaltet ist. Foto: Volker Heesch

 

Damit umging er den Widerstand der teilweise pietistisch geprägten dänischen Staatskirche, die im Königreich solche Aktivitäten zu verhindern versuchte. Dabei gab es unter anderem in der Hauptstadt Kopenhagen viele Anhänger der Herrnhuter, wie während der Jahrestagung der HAG in der Akademie Sankelmark mit dem Thema Christiansfeld im März in Vorträgen berichtet wurde.
 

Im Schwesternhaus in Christiansfeld geben viele Exponate Einblick in den Alltag und das religiöse Leben der Brüdergemeine. In der Vitribe Utensilien des „Liebesmahles“ mit Rosinenbrötchen und süßem Tee, das an eine religiöse Erweckung im GründungsortHerrnhut erinnert. Foto: Volker Heesch

 

Während der Führung in den Gemeinesaal, so der Name des zentralen Gotteshauses in Christiansfeld, und beim Aufenthalt im Schwesternhaus, wurden die Bedeutung der Musik, handwerkliches Können und religiöse Praktiken wie das gemeinsame „Liebesmahl“ in der Religionsgemeinschaft vorgestellt.
 

Diese Postkarte präsentiert Christiansfeld um 1900. Von 1864 bis 1920 war es Tel Preußens bzw. des deutschen Reichs. Foto: Christiansfeld Museum
Das Gasthaus und heutige Hotel mit Gastronomie in Christiansfeld stammt aus den Anfangsjahren des Ortes. In ihm haben viele gekrönte Häupter logiert. Im Juli 1864 wurde dort der Waffenstillstand Dänemarks mit Preußen und Österreich vereinbart. Nach der Eroberung Alsens und dem Vormarsch österreichischer Truppen in Jütland, nachdem Dänemark nach der Niederlage in Düppel einen Waffenstillstand hatte verstreichen lassen, ohne auf einen „milderes“ Friedensangebot mit einer Teilung Schleswigs einzugehen, verlor das Königreich anschließend ganz Schleswig und Holstein. Die Grenze verlief bis 1920 unmittelbar nördlich von Christiansfeld. Foto: Volker Heesch

 

Es wurde bei einem Besuch im kleinen Saal des Gemeinesaals über die Gottesdienste über Ostern berichtet. Nach einem Abendmahl am Gründonnerstag wird am Sonnabend vor Ostern der Todesstunde des Heilands gedacht, am Ostersonntag findet man sich zum Sonnenaufgang um 6 Uhr im Gemeinesaal zusammen.

 

Auf dem Gottesacker in Christiansfeld werden Männer und Frauen getrennt voneinander bestattet. Alle Gräber seit der Ortsgründung 1773 sind erhalten. Foto: Volker Heesch

 

Später wird der Toten des Jahres auf dem „Gottesacker“, dem berühmten Friedhof der Christiansfelder Herrnhuter, gedacht. Ein besonderes Erlebnis während des Aufenthalts in Christiansfeld war ein kleines Orgelkonzert von Karin Mølbak Nielsen im Gemeinesaal, sie spielte auch zum gemeinsamen Gesang des Liedes „Herz und Herz vereint zusammen“, gedichtet von Graf von Zinzendorf im Jahre 1725.

Zulassung durch Struensee

Berichtet wurde, dass die Gründungsgenehmigung für die Herrnhuter Siedlung eine der letzten Amtshandlungen des 1770 vom König Christian VII. an die Regierungsspitze berufenen Reformers und Staatsministers Struensee war, bevor dieser nach der Entmachtung durch reformfeindliche Kräfte 1772 in Kopenhagen eines gewaltsamen Todes starb. Ein Verdienst der Herrnhuter in ihrer schleswigschen Niederlassung  war eine von Zinzendorf nach einer Begegnung mit einem aus der von Sklavenhaltung geprägten dänischen Karibikkolonie stammenden „Hofmohren“ initiierten Missionsarbeit unter den unterdrückten Menschen in Übersee von Christiansfeld aus.
 

Im Brüderhaus in Christiansfeld erhielten ledige junge Männer einst eine handwerkliche Ausbildung. Foto: Volker Heesch

 

Thema war auch das Leben in der Gemeine, die in sogenannte Chöre aufgeteilt wurde: ledige Brüder, unverheiratete Schwestern und Witwen lebten jeweils im Brüderhaus, dem Schwesternhaus und dem Witwenhaus. Die jungen Mädchen wurden im Schwesternhaus in Sprache, „weiblichen Fähigkeiten“ wie Handarbeit und Haushaltsführung ausgebildet, es gab eine Wäscherei, eine Weberei, eine Spinnerei und eine Strickerei.
 

Bei der Gründung erhielt Christiansfeld eine moderne Wasserversorgung von Brunnen außerhalb des Ortes. Es wurde durch ausgehöhlte Eichenstämme zu Brunnen und Pumpen geleitet. Auf dem Foto die Pumpe am Brüderhaus. Foto: Volker Heesch

 

Heute befindet sich im Schwesternhaus in Christiansfeld ein Museum, das Archiv der Brüdergemeine, eine Musikschule, die Missionsgesellschaft und die Verwaltung der Gemeine, der in Dänemark 450 Personen angehören.

 

Bis zu 900 Einwohner

Im Brüderhaus gab es Werkstätten und eine Bäckerei, die ledigen Brüder erhielten darin ihre Ausbildungen. Die meist tüchtigen Handwerker, die Christiansfeld - es wohnten hier in Spitzenzeiten 900 Menschen – gründeten, begünstigt durch zehnjährige Steuerfreiheit und königliche Zuschüsse, ein Hotel, das heute noch existiert, sowie unter anderem eine Kerzenzieherei, eine Färberei, eine Klavierfabrik, eine Seilerei, eine Druckerei und eine Buchbinderei. Vorhanden ist heute noch die Honigkuchenbäckerei und die Fabrikation der berühmten Christiansfelder Kachelöfen.
 

Auch das erste Grab des Gottesackers, das eines 1773 verstorbenen kleinen Jungen, ist wie alle 2.060 Gräber, erhalten. Die Inschrift erinnert daran, dass die deutsche Sprache lange im Ort Christiansfeld eine bedeutende Position hatte. Bis ins 20. Jahrhundert wurde deutsch gepredigt. Foto: Volker Heesch

 

Thema während der Führung war auch der Brauch, Entscheidungen in der Gemeine über Losentscheide zu treffen. Zeitweise umfasste das auch die Zulassung von Eheschließungen. In Augenschein genommen wurde das wie die gesamte Herrnhuter Bausubstanz erhaltene erste Haus Christiansfelds, mit dessen Bau am 1. April 1773 begonnen worden ist. Die Heimatkundler verabschiedeten sich am Schluss der Tagesfahrt bei herrlichem Wetter voneinander und dankten der HAG-Vorsitzenden Gisela Jepsen sowie ihren Vorstandskollegen Lorenz P. Wree und Harls Søndergaard für die gelungene Durchführung und Vorbereitung der Veranstaltung. Auch das gemütliche Beisammensein im historischen Hotel beim Mittagessen und Nachmittagskaffee mit Kuchen kam bestens an.  

 

 

 

 

 

 

 

 

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