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„Kanonenfutter: Indigene werden in einem verbrecherischen Krieg verheizt“

Kanonenfutter: Indigene werden in einem verbrecherischen Krieg verheizt

Indigene werden in einem verbrecherischen Krieg verheizt

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Moskau/Kiew
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Seit Tag 1 des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, rekrutiert Wladimir Putin Minderheiten, um seinen Krieg zu kämpfen. Sie dienen als Kanonenfutter, schreibt Jan Diedrichsen.

Nachdem der russische Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung verkündet hat, sind Hunderttausende russische Staatsbürger aus dem Land geflohen. Es gibt zahlreiche Stimmen, die erklären, die jungen Männer, die nun flüchten, seien gar keine Kriegsgegner, sondern sie hätten allein Angst, in diesem Krieg sterben zu müssen. Die Angst vor dem Tod und die Flucht vor einer Kriegsteilnahme, in der ein jeder Gefahr laufen würde, Menschen zu töten oder selbst getötet zu werden, sollten wir respektieren.

Gleichwohl ist der Krieg bei vielen Menschen – und ich rede hier nicht allein von den mutigen Ukrainerinnen und Ukrainern – nicht erst am 21. September mit der Teilmobilmachung in ihr Leben eingebrochen. Die Menschen indigener Abstammung in Russland werden schon seit Tag eins des brutalen Angriffskrieges gelockt, gedrängt und gezwungen, für die Machthaber im Kreml zu sterben. Sie sind das Kanonenfutter für die Front: Schlecht ausgerüstet, kaum oder gar nicht ausgebildet, marschieren sie seit Monaten ins Verderben. 

In der Russischen Föderation leben fast 200 Ethnien, die alle vom Russischen Reich erobert und kolonisiert wurden. Dennoch wirbt Putin weiterhin für seine Politik des „russkiy mir“ – der russischen Welt. Seit dem Tag des Einmarsches in die Ukraine bereiten sich die Menschen in Burjatien, Dagestan, der Republik Sacha und anderen Republiken darauf vor, das historische Trauma ihrer Vorfahren erneut zu erleben. Russland hat schon immer die Minderheiten gezwungen, seine Kriege zu führen. Seit dem 24. Februar, mit dem Beginn des russischen Wahnsinns, begann auch für die indigenen Gemeinschaften das Töten und Sterben. Unter den Verdächtigten der zahlreichen Kriegsverbrechen in der Ukraine sind auch viele Indigene.

Nach Medienberichten entfallen auf Regionen, aus denen bereits die meisten in der Ukraine gefallenen Soldaten stammen, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die höchsten Rekrutierungsquoten: aus der Nordkaukasus-Republik Dagestan, gefolgt von Burjatien.

Eine krimtatarische Tragödie

Besonders bitter ist die Lage auf der Krim. Die Krimtataren machten vor der Annexion der Halbinsel 2014 rund 15 Prozent der Bevölkerung aus, die bereits unter der Terrorherrschaft Stalins schrecklich hatte leiden müssen und fast komplett ermordet oder vertrieben wurden. Erst gegen Ende der Sowjetunion durften die Krimtataren wieder in ihre Heimat zurückkehren.

In der Ukraine begannen sie wieder ein Leben in Gemeinschaft aufbauen zu können. Daher hat sich auch die große Mehrheit der Menschen gegen die Annexion der Krim 2014 gestemmt. Jetzt sind sie überproportional von der Mobilmachung betroffen: Mancherorts sollen mehr als 90 Prozent der einberufenen Männer Krimtataren sein. Sie sind in einer schier aussichtslosen Lage: Gegen ihre ukrainischen Brüder und Schwestern wollen sie nicht kämpfen, aber ein zweites Mal ihre Heimat verlassen auch nicht. Die krimtatarische Tragödie. 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich kürzlich in russischer Sprache an die indigenen Bevölkerungen Russlands gewandt und sie zum Kampf gegen die Kremlherrscher aufgerufen: „Die Menschen Dagestans sollten nicht in diesem verabscheuungswürdigen und schändlichen Krieg Russlands sterben. Tschetschenen, Inguschen, Osseten, Tscherkessen und alle anderen Völker, die unter der russischen Flagge gelandet sind. Insgesamt fast 200 ethnische Gruppen. Sie wissen, wer Sie in den Krieg schickt. Derjenige, der Sie schickt, will aus Ihnen „200 Ladungen“ [Bezeichnung für getötete Soldaten – Anm. d. Red.] machen. Und was wollt ihr? Ich bin überzeugt, dass ihr leben wollt. Ich bin sicher, dass ihr es leid seid, belogen zu werden. Wir sehen, dass ihr euch gegen die kriminelle Mobilmachung wehrt, mit der die russische Regierung das Versagen ihrer regulären Armee und ihre kriminellen Befehle vertuschen will.“ Der Präsident schloss seine Ansprache mit den Worten des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko und einem Aufruf zum Widerstand: „Kämpfe, und du wirst siegen!“

Die indigenen Bevölkerungen waren in den Armeen der Mächtigen schon immer die Verlierer und wieder müssen sie als vermeintlich leicht verzichtbares Kanonenfutter sterben.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

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