Leserbrief

„Mit Günter Weitling – einen guten und treuen Freund verloren“

Mit Günter Weitling – einen guten und treuen Freund verloren

Mit Günter Weitling – einen guten und treuen Freund verloren

Hermann Augustin
Ratzeburg
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Herrmann Augustin Günter Weitling
Der Tag des 60-jährigen Ordinationsjubiläums am 15. Mai 2022 in Bülderup zeigt Herrmann Augustin (links) mit seinem langjährigen Weggefährten Günter Weitling. Foto: Matthias Alpen

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Mit großer Dankbarkeit für die vielen Jahre der Freundschaft mit Günter bin ich ihm und Gott dankbar, schreibt Hermann Augustin, Propst i. R. in seinem Nachruf.

Erst während meines Vikariats 1960/1961 in Hoyer bei Pastor Schau erfuhr ich, dass sich zu der Zeit mit mir zwei in Nordschleswig geborene Theologen in der Ausbildung befanden, Günter 1935 in Hadersleben geboren und ich 1932 in Lendemark/Bülderup. Wir sind uns dann 1961/1962 im Preetzer Predigerseminar begegnet. Dort lernte ich ihn in seiner Mitarbeit bei den Seminaren und anderen Unterrichtsstunden persönlich kennen und schätzen.

Dabei denke ich daran, wie er zurückhaltend und doch offen und freundlich zum Gespräch bereit war. Kamen wir auf Themen zu sprechen, über die man lachen konnte, obwohl sie ernsthafter Natur waren, verstand er es gut, sein Urteil humorvoll und gleichzeitig scharf und nicht verletzend kritisierend vorzutragen. Er konnte sich aber ebenso spontan ans Klavier setzten und uns mit klassischer Musik oder mit aktuellen Schlagern unterhalten. Miteinander Tischtennis zu spielen, gehörte ebenfalls dazu. In unseren Gesprächen ging es natürlich oft um Nordschleswig. Er war über die Geschichte im Grenzland und über die kirchliche Arbeit der deutschen Minderheit weitaus besser informiert als ich, denn mit Ausbruch des Krieges 1939 wurde mein Vater Soldat und unsere Familie zog nach Kiel. 

Nach unserer Ordination durch Bischof Wester im Schleswiger Dom im Jahr 1962 wollten und sollten wir beide unseren pastoralen Dienst in Nordschleswig antreten. Günter begann nach einem Jahr Hilfspredigerdienst in Jörl in Sonderburg und ich von Nortorf aus im gerade neu gegründeten Pfarrbezirk Feldstedt. Schon nach einigen Jahren wechselte er mit seiner Familie nach Kopenhagen, während ich mit meiner Familie nach 10 Jahren in Hamburg-Blankenese meinen Dienst fortsetzte.

Für mehrere Jahre unterbrach er seinen pastoralen Dienst aus persönlichen Gründen, aber wir hielten den Kontakt, besonders seit er im Jahr 1970 wieder in seine Heimat Nordschleswig nach Sonderburg zurückgekehrt war. Wie sehr habe ich mich dann mit ihm gefreut, als er 1987 vom Sonderburger deutschen Gemeindeteil gebeten wurde, wieder ihr Pastor zu werden. Das geschah genau 25 Jahre nach unserer Ordination. Mit einem Gemeindegottesdienst in der Sonderburger St. Marien Kirche feierten wir dies Jubiläum, allerdings zu dritt, denn damals 1962 wurde zusammen mit uns auch der Kriegsblinde Herbert Kiers ordiniert.

Worauf gründete sich unsere Freundschaft? Im Wesentlichen natürlich aus der gemeinsamen Bereitschaft, in Predigt und Seelsorge den Menschen das Vertrauen zu Jesus Christus als den Herrn unserer Kirche zu stärken. Dazu gehörte die bleibende Liebe und Verbundenheit zu Nordschleswig, sich in diesem Grenzland mit seinen zwei Kulturen für ein friedliches Zusammenleben im christlichen Geist einzusetzen. Als wir dann entdeckten, dass für uns beide der Auftrag zur Mission für unsere Kirche verpflichtend sei, forschten wir, wie unsere Schleswig-Holsteinische Kirche dieser Verpflichtung in der jüngsten Vergangenheit gerecht geworden ist. Wir hatten überraschend unser Interesse in entgegengesetzter Richtung. Günter fragte nach der „Äußeren Mission“, wie sie von Breklum aus und nach 1920 getrennt weiter nördlich der Grenze in der „Indre Mission“ weltweit aktiv geworden ist. Dem entgegengesetzt fragte ich nach der „Inneren Mission“, die von Hamburg aus seit 1848 durch Johann Hinrich Wichern bis hinauf nach Nordschleswig gewirkt hat. Es ist nachgewiesen, dass ehrenamtliche Helfer unter Amalie Sieveking aus Hamburg verwundeten Soldaten bei den Kämpfen um Dübbel vor Sonderburg nicht nur als Sanitäter medizinisch halfen, sondern gleichzeitig seelsorgerlich mit der Bibel in der Hand und mit Gebeten. Aus der Inneren Mission ist heute in Deutschland das große Werk der Diakonie geworden.

Nach unserer Emeritierung liefen unsere Kontakte zwischen Ratzeburg und Padburg auch mit Besuchen weiter. Allerdings war Günter wegen seines intensiven Einsatzes in Nordschleswig (Deutsches Museum in Sonderburg) nur schwer in Richtung Süden zu bewegen. Außerdem ließ seine Gesundheit zunehmend zu wünschen übrig, vor allem mit den Augen.

In den Jahren 2014/2015 kam innerhalb der Ev.-Luth. Kirche Nordelbiens die Frage auf, ob nach dem Kriegsende 1945 in Schleswig-Holstein in der kirchlichen Arbeit wirklich neu angefangen wurde oder ob die vom NS-Regime geprägten „Deutschen Christen“ weiterhin starken Einfluss hatten. „Neue Anfänge?“, so lautete die Frage. Günter hatte sich schon weit vorher für Nordschleswig mit dieser Frage befasst und standhaft gegen Angriffe seine Ergebnisse vorgetragen. Ja! Es gab einen starken Einfluss der „Deutschen Christen“- Glaubensbewegung, aber ebenso die Gegenbewegung der „Bekennenden Christen“, wenn auch im geringeren Ausmaß.

An der Aufarbeitung für Schleswig-Holstein beteiligte ich mich während zwei Tagungen in Breklum 2015 und 2017. Eindeutig war das Ergebnis, dass Vertreter der „Bekennenden Kirche“ den Neuanfang übernommen hatten.

Daraufhin wollte ich zusammen mit Günter ausführlicher und gründlicher dasselbe Thema für Nordschleswig aufarbeiten. Aus gesundheitlichen Gründen musste er leider ablehnen, erklärte sich aber bereit, kurze Beiträge mit bestimmten Einzelthemen zu liefern, was ihm auch gelang. Das Buch „Kirche muss Kirche bleiben“ konnte am 30. März 2022 in Tingleff präsentiert werden, leider ohne Günters Anwesenheit.

Im selben Jahr konnten wir beide – Herbert Kiers war inzwischen verstorben – im Mai unser 60-jähriges Ordinationsjubiläum während eines Gemeindegottesdienstes in der Bülderuper Kirche feiern. Senior Pastor Matthias Alpen segnete uns. Die Bülderuper Kirche bot sich an, weil Günter ganz in der Nähe in Bülderup Bau in einer schönen Seniorenresidenz wohnte.

Unsere letzte Begegnung fand Ende März 2023 statt, als meine Frau und ich ihn nach der 100-jährigen Jubiläumsfeier der Nordschleswigschen Gemeinde in der Seniorenresidenz kurz besuchten. Wir ahnten, dass es unsere letzte Begegnung sein würde.

Mit großer Dankbarkeit für die vielen Jahre der Freundschaft mit Günter bin ich ihm und Gott dankbar. Nun hat er mit seinem Tod an sich selbst das erfahren, was er an andere Christen als Pastor weiter gegeben hat: aus österlichem Auferstehungsglauben in Gottes ewiger Liebe geborgen zu sein. 

Dr. Hermann Augustin, Propst i. R. 

Ratzeburg     

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