Leitartikel

„Radfahren in Nordschleswig: Hals- und Beinbruch“

Radfahren in Nordschleswig: Hals- und Beinbruch

Radfahren in Nordschleswig: Hals- und Beinbruch

Apenrade/Aabenraa
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Während Kopenhagen weltweit für seine Rad-Infrastruktur bekannt ist, hinkt Nordschleswig hinterher. Dabei könnte sich der Landesteil, vielleicht auch das gesamte Grenzland, einen sogenannten „Standortvorteil“ verschaffen, wenn die Lokalpolitik vermehrt aufs Rad setzen würde, meint Cornelius von Tiedemann.

Der dänische Radfahrerverband ruft wieder zur „Wir radeln zur Arbeit“-Kampagne auf. Im September soll es losgehen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden tolle Berichte darüber versprochen, wie sehr sie ihre Gesundheit verbessert haben und wie sehr sie dem Klima gutgetan haben.

Jeden Tag werden die Teilnehmer zum Beispiel sehen können, wie viele Bäume sie hätten Pflanzen müssen, um das CO2 auszugleichen, das sie verbraucht hätten, wenn sie mit dem Auto zur Arbeit gefahren wären. Und zu gewinnen gibt es auch noch zahlreiche Preise. Fahrräder, Zugreisen und so weiter.

Tolle Sache. Auch weil es als „Teambuilding“-Maßnahme in Unternehmen oder Verbänden prima funktioniert. In der Minderheit, zum Beispiel im Haus Nordschleswig, wurde das bereits ausprobiert.

Die Teams von bis zu 16 Personen versuchen, so häufig wie möglich mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, um möglichst viele Lose in einer Lotterie am Ende der Aktion zu bekommen.

Eine wirklich schöne Idee. Eine Idee aber, die uns hier in Nordschleswig einmal mehr verdeutlicht, wie groß auch die infrastrukturellen Unterschiede zwischen Stadt und Land noch sind.

Denn während es in Kopenhagen eigentlich nur eine Frage der Motivation (und natürlich der körperlichen Eignung) ist, ob man nun mit dem Rad zur Arbeit fahren will, so ist es bei uns in Nordschleswig auch ganz stark eine Frage von Wagemut.

Während es in der Hauptstadt eine zwar nicht perfekte, aber immerhin weltweit bewunderte Infrastruktur für den Radverkehr gibt, haben wir in Nordschleswig außer einigen Vorzeigestrecken in der Hinsicht nicht sonderlich viel zu bieten.

Hier hat das Auto, auch in den Köpfen vieler Lokalpolitiker, noch immer Vorfahrt.

Dass Kopenhagen den Weg weist und die „Provinz“, wenn überhaupt, hinterhertrottet, hat derweil überhaupt nichts mit „Kopenhagenerei“ der Politik zu tun.

Dafür, dass die Fahrrad-Infrastruktur hier bei uns so ist, wie sie ist, sind die Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker (und die Wählerinnen und Wähler) schon selbst verantwortlich. Radwege werden nämlich kommunal geplant und zum Großteil auch finanziert.

Und so ist es auch der Lokalpolitik zu verdanken, wenn einige von uns hier in Nordschleswig sich nicht so richtig für das Projekt „Wir radeln zur Arbeit“ begeistern können – weil es für sie bedeuten würde, mitten im Berufsverkehr auf schmalen Landstraßen, auf weiten Strecken ohne abgetrennten Fahrradweg, und vielerorts sogar ganz ohne Randmarkierung, auf der Auto-Fahrbahn fahren zu müssen.

Gemeinsam mit dem gestressten Berufspendler in seinem Auto, der gerade mit leicht erhöhter Geschwindigkeit bei Regenwetter unterwegs ist und eben noch ein, zwei, drei Mitteilungen hinterm Steuer liest, um auf das Meeting um 9 Uhr vorbereitet zu sein, und schnell noch Mette schreiben, dass man eine Minute zu spät kommt, eben noch die Blitzer-App anmachen …

Vielleicht wäre es ja mal ein grenzüberschreitendes Projekt, für das EU-Mittel eingeheimst werden können, das Grenzland nicht nur zu einem Sonntagsreden-Kulturraum zu machen, sondern hier tatsächlich richtungsweisende grenzüberschreitende Infrastruktur-Fakten zu schaffen?

In vielen Grenzregionen Europas werden Interreg-Töpfe diesbezüglich bereits angezapft. Doch prestigevolle Radwege über die Grenze hinweg, die ja teils auch schon vorhanden sind, reichen da natürlich nicht.

Nordschleswig braucht ein gesamtheitliches Radwegekonzept, damit nicht nur Touristen entlang der Küsten das Rad nutzen – sondern, in Zeiten auch des Elektrorad-Booms, ganz gewöhnliche Arbeitnehmer auf zwei Rädern von Wohn- zu Arbeitsort pendeln können, ohne sich jeden Morgen schon vorsorglich für immer von der Familie verabschieden und an das Testament in der linken Schreibtischschublade erinnern zu müssen.

Nach dem Motto: Radfahren in Nordschleswig? Hals- und Beinbruch!

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