Leitartikel

„Pubertäre Sozialdemokraten“

„Pubertäre Sozialdemokraten“

„Pubertäre Sozialdemokraten“

Apenrade/Aabenraa
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Der stellvertretende Chefredakteur Cornelius von Tiedemann nimmt in seinem Leitartikel die Rhetorik und das Auftreten der Sozialdemokraten aufs Korn und wirft der Partei unter anderem vor, sich auf unterstem Niveau anzubiedern.

Zu viel Hochkultur, zu wenig Populärmusik und Bingo. Und in die Bücherei geht sowieso niemand mehr. Statt der eitlen Kulturelite das Geld in den Rachen zu schmeißen, soll es lieber dahin, wo noch richtig Stimmung gemacht wird.

So hat es Henrik Sass Larsen, Fraktionschef der Sozialdemokraten, nicht wörtlich gesagt. Aber im Kern, als er kürzlich bei „Slotsholmen“, einer Polit-Talkshow des Radiosenders P1, zu Gast war.

Sass meint, dass der ganz gewöhnliche Däne den Opernbesuch der Reichen, der Elite, der „Kulturradikalen“ (ein Schimpfwort, mit dem traditionell vor allem die Nationalkonservativen um sich werfen) mit seinen Steuern finanziere.

Das Geld des einfachen Mannes werde für „Büchereien, in die bald niemand mehr geht“, aus dem Fenster geworfen.
Sass nutzt ganz bewusst den Begriff der Elite immer wieder in seinen als Inszenierungen zu betrachtenden Beiträgen zur öffentlichen Debatte. Wie schon bei der Ausländerpolitik bereitet er die Öffentlichkeit – und die eigenen Genossen – mit zunächst provokant wirkenden Vorstößen auf den nächsten Schritt des Wandels der Partei vor. Des Wandels hin zu einer „Partei des einfachen Volkes“ (oder auch, lateinisch und leicht verschärft: zu einer populistischen Partei).

Sass, zumindest begleitet, vielleicht aber auch gelenkt durch den Parteistrategen Martin Rossen, will, wie seine Vorsitzende Mette Frederiksen, so weit weg wie möglich von dem kommen, was die Sozialdemokratie unter Helle Thorning-Schmidt war.
Es kommt einem fast vor wie eine Abnabelung von den „Eltern“. Poul Nyrup Rasmussen und Thorning, sie waren in den Augen der Rossen-Bande „voll uncoole“ Sozialdemokraten, die sich von der Radikalen Venstre an der Nase haben herumführen lassen. Erzfeind Frederiksens und Sass’: Margrethe Vestager, die damals, 2011, bei den Koalitionsverhandlungen im „Schwarzen Turm“ die ökonomische Politik der kommenden Regierung diktierte.

Thorning und Vestager waren das hippe Führungstandem einer sozial-liberalen Regierung, die für diejenigen, für die das A im Parteilogo für Arbeiter steht, eine einzige Demütigung war.

Dazu gehörten Frederiksen und Sass. Ihre Abrechnung mit allem, was an diese Zeit erinnert, gleicht in ihrer rücksichtslosen Energie fatal dem Aufbegehren pubertierender Teenager.

Dabei gehen sie, wie pubertierende Teenager oft auch, erschreckend humor- und fantasielos vor. Und bieder. Vor Kurzem erschien passend in lokalen Anzeigenblättern eine ganzseitige Anzeige der Sozialdemokraten mit einem Foto von Frederiksen als Pubertierende nebst Opa, der nicht nur gut gebacken habe, so der Text, sondern auch schon damals gewusst habe, dass das mit der Integration alles Mist sei.

Die Sozialdemokraten biedern sich ganz bewusst auf unterstem Niveau an – und schmähen die sogenannten „Eliten“, wo sie nur können. Nach dem Motto: Oper, Theater, Bücher – die halten sich wohl für etwas Besseres?

Es ist leicht zu durchschauen, mit welchem Kalkül die Parteispitze hier vorgeht. Und dennoch ist es schwer zu verstehen, dass eine stolze Partei, die im vergangenen Jahrhundert Fortschritt und Frieden auf ihre Fahnen schrieb, heute auf diese kleingeistige Art nach Zustimmung lechzt.

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