Leitartikel

„Das kranke System“

„Das kranke System“

„Das kranke System“

Apenrade/Aabenraa
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Trifft Lars Løkke Rasmussen nicht die richtige Balance, hat er die Mitarbeiter im Gesundheitssystem und Parteikollegen im Nacken – und das wäre für ihn und seine Koalition das endgültige Aus, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Es kann nicht mehr lange dauern bis Regierungschef Lars Løkke Rasmussen seine neue Gesundheitsreform präsentiert. Vor Weihnachten wurde die Reform verschoben, doch spätestens seit der Staatsminister in seiner Neujahrsrede von der „bisher größten Gesundheitsreform Dänemarks“ sprach, warten alle auf Løkkes Trumpfkarte.

Rasmussen wird mit der Gesundheitsreform einen letzten Versuch starten, die Wähler doch noch davon zu überzeugen, dass seine Regierung die nächsten vier Jahre weiterregieren soll. Kann er mit mehr Gesundheit, besseren Behandlungsangeboten und einem schnelleren Gesundheitswesen punkten? Es ist zumindest seine letzte Chance, noch irgendwie die Meinungsumfragen umzubiegen und mit etwas Rückenwind in den eigentlichen Wahlkampf zu starten.

Der Regierungschef hat mit seiner Reform als Ausgangspunkt gute Karten an der Hand – vor allem, so lange er die Patienten in den Mittelpunkt stellt: Zu viele erleben im Gesundheitssystem, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere macht. Dadurch geraten Patienten zu oft zwischen die Krankenhäuser, die kommunale Pflege und die Ärzte.

Løkke will dies lösen, indem er 21 neue Gemeinschaften um die Akut-Krankenhäuser bildet. Diese sollen die Verantwortung haben, die Arbeit von Krankenhaus, Kommunen und den praktizierenden Ärzten zu koordinieren.

Doch die VLAK-Regierung trifft auf Widerstand – nicht nur aus der Opposition und nicht nur auf politischen. Die Frage ist, ob die Gegner der Reform und somit auch Løkke noch ein Bein stellen werden? Das Problem, so Experten und Fachkräfte im Krankenhauswesen, sind nicht die Strukturen, sondern „Überbelegung, Unterfinanzierung und eine leidende Psychiatrie“. Mit anderen Worten: Mit mehr Geld hätte Løkke dieses Problem schon lange lösen können. Wenn diese Botschaft in der öffentlichen Meinung gewinnt, dann hat der Regierungschef bereits verloren.

Das Gleiche gilt für die Kritik aus den eigenen Reihen: Immer mehr lokale und regionale Venstre-Politiker klopfen beim Staatsminister an, um ihn davon abzuhalten, die Regionen abzuschaffen und durch die 21 Krankenhaus-Gemeinschaften zu ersetzen. Løkke darf mit seiner Reform eben keine Zentralisierungsdebatte anstoßen, sondern muss einen lokalen und regionalen Einfluss auf das Gesundheitssystem sichern.

Trifft Lars Løkke Rasmussen nicht die richtige Balance, hat er die Mitarbeiter im Gesundheitssystem und Parteikollegen im Nacken – und das wäre für ihn und seine Koalition das endgültige Aus. Daher darf man gespannt sein, welche Kur genau er dem kranken System verschreibt.

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