LEITARTIKEL

„Gerade in der dunklen Jahreszeit müssen Radwege sicher sein“

Gerade in der dunklen Jahreszeit müssen Radwege sicher sein

Gerade in der dunklen Jahreszeit müssen Radwege sicher sein

Gerrit Hencke
Gerrit Hencke Journalist
Krusau/Kruså
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Zwei Weisheiten begleiten unseren Journalisten Gerrit Hencke beim Radpendeln von Deutschland nach Dänemark: „Der beste Radweg ist der, den man nicht nutzt.“ Und: „Der beste Weg zum Ziel verläuft selten gerade.“

Am Mittwochmorgen wurde wieder einmal klar, dass der Radverkehr nur eine untergeordnete Rolle im morgendlichen Berufsverkehr spielt. Im kurzen Niemandsland auf der deutsch-dänischen Grenze in Krusau fühlte sich offenbar niemand für die 100 Meter Radweg zwischen dem Parkplatz Kupfermühle und dem Wachhäuschen der dänischen Grenzbeamten zuständig. Glatteis. Einen Sturz später rollte ich mit meinem Rad dann durch Krusau, und es ging wieder voran. Kurz vor Apenrade (Aabenraa) war der Radweg um kurz vor 8 Uhr ebenfalls nicht gestreut, aber auf der Schneedecke konnte man immerhin gut fahren.

Schon mehrmals bin ich, seit drei Wochen Grenzpendler, in den Tagen zuvor auf dem Weg von Apenrade nach Flensburg an denselben massiven Erdklumpen vorbeigeradelt, die in Höhe Hostrup See auf der Verschwenkung des Radwegs auf der Straße liegen. Entweder es fährt hier niemand Rad, oder es stört niemanden. Man fährt halt einfach dran vorbei oder oben drüber. Ich musste feststellen: Die Radwegereinigung scheint nicht nur in Deutschland, sondern auch in Dänemark ein Fremdwort zu sein ­− egal zu welcher Jahreszeit, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.

Ein S-Pedelec steht in Styrtom.
Mal geht es mit dem Speed-Pedelec, mal ohne Motor nach Apenrade (Aabenraa). Foto: Gerrit Hencke

Wie es so mit den Weisheiten ist, gibt es auch unter Radfahrenden eine – zumindest unter deutschen. Sie lautet: Der beste Radweg ist der, den man nicht benutzt. Das liegt jenseits der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein oft am miserablen Zustand der Fahrradwege oder dem abrupten Ende eben solcher.

Es ist schön zu hören, dass etwa in der Kommune Tondern (Tønder) neue Radwege gebaut und Lücken geschlossen werden. Nur so wird das Radfahren für die Menschen zu einer sicheren Alternative. Allerdings werden auch in Tondern nur 6 Millionen Kronen jährlich für den Neubau ausgegeben. Das reicht für drei Kilometer Radweg. So wird es auch weiterhin Lücken geben.

Nur Radwege zu bauen, reicht aber nicht. Die Strecken müssen bei den aktuellen Witterungsbedingungen schon am Morgen sicher befahrbar sein, sonst verfehlen sie ihren Zweck. Die Argumentation, man könne stattdessen das Auto nehmen, ist einer Verkehrswende nicht zuträglich. Vielleicht will oder kann man nicht Auto fahren. Das Rad ist die günstigste und klimafreundlichste Alternative − und die sollte man sicher nutzen dürfen. Weil aber natürlich mehr Autofahrende unterwegs sind, liegt die Priorisierung bei der Räumung woanders. Das habe ich verstanden.

Nun gut, der Januar macht dem ganzen Radpendeln ohnehin einen Strich durch die Rechnung, denn das Wetter ist außergewöhnlich mies und die Strecke für Dauerregen und Schneegraupel manchmal doch etwas zu weit. Wer einmal Regenklamotten besessen hat, weiß, dass auch die irgendwann durch sind. Vielleicht habe ich, der bisher nur kurze Strecken gependelt ist, auch nur die falsche Ausrüstung. Ich verstehe, warum viele das Fahrrad lieber stehen lassen. Auch wenn es eigentlich nicht „die Fahrradsaison“ gibt, gebe ich zu, dass ich mich über die spürbar länger werdenden Tage freue. Bald fängt die Jahreszeit an, wo es dann doch wieder mehr Spaß macht, das Auto stehen zu lassen.

Wenn es die Zeit zulässt, geht es auch mit dem Gravelbike nach Apenrade. Foto: Gerrit Hencke

Auch sonst ist die 30 Kilometer lange und schnurgerade Route entlang der Landstraße 170 nicht die schönste – wenn auch die kürzeste und schnellste. Einen echten, von der Fahrbahn getrennten, Radweg gibt es nicht. Hier muss man abkönnen, dass viel Verkehr herrscht, der Radstreifen am Ende doch schmaler ist als zunächst angenommen, und jede Menge Dreck das Fahrrad verschmutzt. Denn wie es Fahrbahnränder so an sich haben, sammeln sich an ihm Blätter, Sand, Split, Schneematsch und allerlei anderer Kram. Des Radfahrers größte Sorge hier: der Plattfuß. Dieser wäre auf der Strecke nervig und zeitraubend. Da braucht es pannensichere Reifen, das richtige Werkzeug, Glück − oder angemessene Straßenreinigung.

Eine echte Alternative zur stark befahrenen Landstraße sind die kleinen Ortsverbindungs- und Wirtschaftswege. Vielleicht nicht unbedingt bei Glatteis, aber bei Plusgraden. So manifestiert sich bei mir bereits eine etwas abwechslungsreichere Lieblingsstrecke, die etwas mehr Ruhe und Sicherheit verspricht. Sie führt über Øster Gejl, Wilsbek (Vilsbæk) und Klipleff (Kliplev) nach Norden. Auf den weniger befahrenen Nebenstrecken geht es vorbei am Hostrup See und der Kirche von Entstedt (Ensted) nach Störtum (Styrtom). Dabei ist sogar ein Abschnitt Feldweg eine willkommene Abwechslung. So lässt sich die lange Pendelfahrt noch mehr genießen, auch wenn sie dafür etwas länger dauert. Es ist eine alte Weisheit, die auch auf das Pendeln mit dem Fahrrad zutrifft: Der beste Weg zum Ziel verläuft selten gerade.

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