Leitartikel

Freude statt Gram

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: dpa/(Symbolfoto)

Entscheidungen wie die Vergabe einer WM sind Politik, viel zu häufig auch „dreckige“ Politik. Aber die WM selbst, sie ist mehr als das. Sie ist ein Fest der Vielfalt, meint Cornelius von Tiedemann

Die Fußball-WM der Herren steht vor der Tür. Eines der größten Spektakel, wenn nicht das größte Spektakel, das die Menschheit kennt. Alle vier Jahre versammelt sie sich vor Leinwänden, Fernsehern, Radiogeräten, um zu verfolgen, wie zwei Gruppen von je elf jungen Männern eineinhalb Stunden lang darum kämpfen, einen einzigen Ball weitgehend ohne Einsatz der Hände in einem von den gegnerischen elf jungen Männern bewachten Netzgestänge unterzubringen.

Ja, es ist bedenklich, dass die WM in Russland stattfindet und zum PR-Feldzug Putins zu verkommen droht. Und ja, Entscheidungen wie die Vergabe einer WM sind immer auch Politik, viel zu häufig auch „dreckige“ Politik. Aber die WM selbst, sie ist mehr als das. Sie ist ein Fest der Vielfalt.

An Putins Posen wird sich, hoffentlich, in einigen Jahren niemand mehr erinnern. An die großen sportlichen und menschlichen Momente hingegen werden wir uns erinnern. So wie damals, als der kleine, dickliche Maradona, der zuvor seine Gegenspieler und die ganze Fußballwelt verzaubert hatte, am frühen Nachmittag des 29. Juni 1986 den WM-Pokal küsst und in den Himmel über Mexiko reckt. Dieses Bild ist eingebrannt in das gemeinsame Gedächtnis eines großen Teils der Menschheit.

Auch wie Andy Brehme, in Mexiko noch auf Seiten der Verlierer, vier Jahre später als Kapitän der deutschen Mannschaft im Finale von Rom, wieder gegen Argentinien, zum entscheidenden Elfmeter antritt.

Wie er sich den Ball zurechtlegt, wie der Schiedsrichter ihm zeigt, wo genau der Ball liegen soll, wie Brehme das cool abnickt, wie er sich nicht in die fluffige 90er-Jahre-Hose macht angesichts der milliardenfachen Blicke, die in diesem Moment auf ihn allein gerichtet sind, sondern wie er ganz ruhig rückwärts an die Strafraumgrenze zurückgeht, die Hände in die Hüften stemmt und darauf wartet, dass der Schiedsrichter ihm erlaubt, den Ball so hart in die von ihm aus gesehen linke untere Ecke des Tores zu ballern, dass der mit dessen Bewachung beauftragte Sergio Goycochea, obwohl er ahnt, vielleicht gar weiß, in welche Ecke Brehme schießen wird, den Ball einfach nicht erreichen kann.

Die Welt wird Putin nie so lieben, wie sie Andy Brehme in diesem Moment bewunderte, wie sie Eusébio liebte, als er sein Portugal 1966 zum dritten Platz schoss, wie sie dem Fußball-Rentner Roger Milla verfiel, als er 1990 an der Eckfahne Makossa tanzte, wie sie die Dänen unter Sepp Piontek bewunderte, die 1986 als souveräner Sieger aus der Gruppe mit Deutschland, Uruguay und Schottland hervorgingen und dann bis zur 33. Minute sogar gegen Spanien führten – oder wie die Welt sich sicher war, dass es niemals einen besseren Fußballer geben würde als Zinédine Zidane, als der Sohn algerischer Einwanderer 1998 im Finale von Paris Brasilien fast im Alleingang demontierte.

Länderspiele und die Fußball-Weltmeisterschaft, sie werden von einigen als Ventil für patriotische Irrläufer missdeutet. Als Konservierungsmittel längst überwundenen Nationaldünkels.

Und ja, es stimmt leider, es gibt sie noch immer im Fußball, auf den Rängen, in den Kneipen, im Internet, die dumpfen Parolen gegen Menschen, die anders sind, die zufällig anderer Nationalität sind. Und gegen Minderheiten. Doch wo sind diese Minderheiten in diesem „Zirkus der Nationen“?

Sie tragen das deutsche Trikot, das portugiesische, das russische und auch das dänische Trikot. Spieler aus nationalen Minderheiten und aus ethnischen, aus religiösen und die sexuelle Identität betreffenden Minderheiten vertreten ihre Heimat und werden von ihrem Land, manchmal auch von der ganzen Welt, angefeuert. Wenn am 14. Juni in Moskau die WM angepfiffen wird, dann heißen „wir Deutschen“ auch Mesut, Jérôme und Sami. Und „wir Dänen“ haben Vorfahren aus dem Südsudan, aus Tansania und Guyana. Das ist keine Heile-Welt-Romantik. Das ist die Realität. Der Dannebrog und die bundesdeutsche Fahne, sie werden diesen Sommer wieder zu Symbolen der Freude, der Brüderlichkeit – und der Vielfalt auf und neben dem Platz. Wenn Yussuf Poulsen Dänemark in die K.-o.-Runde schießt, dann gehören ihm die Herzen der Dänen und der Welt. Da können sich die ewig Gestrigen auf den Kopf stellen – oder einfach mitfeiern.

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