Leitartikel

„Doppeltes Leid im Grenzland“

Doppeltes Leid im Grenzland

Doppeltes Leid im Grenzland

Nordschleswig/Sønderjylland
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Viele Veranstaltungen sind in diesen Wochen abgesagt worden. In Nordschleswig trifft es vor allem die Feierlichkeiten zur Grenzziehung vor 100 Jahren. Doch auch die deutsche Minderheit ist davon betroffen, schreibt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Es sollte ein historisches Jahr werden – vor allem im deutsch-dänischen Grenzland. Doch 2020 wird nicht für 100 Jahre gelungene Grenzziehung einen Platz in den Geschichtsbüchern bekommen, sondern wegen des Virusausbruchs und den weltweiten Folgen. Ein doppeltes Leid für die Grenzregion.

Dabei fing doch alles so gut an. Sowohl Königin Margrethe als auch Regierungschefin Mette Frederiksen erwähnten in ihren Neujahrsansprachen die deutsche Minderheit und das gute Zusammenleben im Grenzland. Im königlichen Theater wiederholte die Staatsministerin bei der 2020-Auftaktgala ihr Lob an die Minderheiten beiderseits der Landesgrenze.

2020 sollte mit anderen Worten das große „Genforenings“-Jahr werden, das Jahr in dem wir auf die gelungene Grenzziehung im deutsch-dänischen Grenzland vor 100 Jahren zurückblickten – vor allem aber auch ein Jahr, in dem wir den Blick nach vorne richten. In Dänemark waren über 1.000 Veranstaltungen geplant – die meisten im ersten Halbjahr.

Doch aus dem „Genforenings“-Jahr ist das Corona-Jahr geworden – die Feierlichkeiten, vor allem in Nordschleswig, sind auf Stand-by gesetzt worden. Einige werden ganz ausfallen, andere können zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht nachgeholt werden. Tausende von Planungs- und Übungsstunden sowie finanzielle Mittel sind von einem winzigen Virus über den Haufen geworfen worden. Das ist ein Jammer, sowohl für die Mehrheit als auch die Minderheit in Dänemark.

Denn obwohl die dänische Mehrheitsbevölkerung natürlich am meisten betroffen ist – nicht zuletzt in Nordschleswig – so haben die Folgen des Coronavirus auch Konsequenzen für die deutsche Minderheit im Landesteil.

Für die Minderheit verschwindet vor allem die Möglichkeit, sich vorstellig zu machen. Bereits in den ersten zwei Monaten wurde deutlich, wie viel Aufmerksamkeit unsere Minderheit von Medien aus Dänemark und dem Ausland bekam. In dieser Zeit sind wir – verständlicherweise – nicht mehr so interessant.

Außerdem sind auch in der Minderheit einige Highlights abgesagt worden: Der Songcontest der Minderheiten (LIET), die Kongresse für die Jugend Europäischer Volksgruppen und der politischen Gruppierung EFA. Und es könnte noch schlimmer kommen, wenn sich die Viruslage bis in den Sommer oder gar Herbst zieht. Dann nämlich beginnen auch die Feiern der deutschen Minderheit, die auf ihr eigenes 100-jähriges Bestehen zurückblickt: 100 Jahre Minderheit zum Knivsbergfest, das 100-jährige Jubiläum der Schleswigschen Partei, 75 Jahre Deutscher Schul- und Sprachverein und das 75-jährige Bestehen des Bundes Deutscher Nordschleswiger zum Deutschen Tag. Aber vielleicht haben wir bis dahin die Virus-Situation im Griff.

Es geht dabei nicht um die Feiern, sondern um die Aufmerksamkeit. Für die Minderheit ist es immer wieder wichtig, ihre Existenzberechtigung auch der Mehrheitsbevölkerung gegenüber zu vermitteln. Deshalb ist die aktuelle Lage ein doppeltes Leid – für Nordschleswig und für die deutsche Minderheit.

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