Leitartikel

„Die Armen – oder nicht? “

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Philosophieren und debattieren hilft den Bedürftigen nicht weiter. Und längst nicht jeder Bürger ist körperlich oder geistig in der Lage, den Hammer zu Halten, mit dem man sich gefälligst das eigene Glück zu schmieden hat, meint Sara Wasmund.

Unsere Wohlstandsgesellschaft eskaliert in der Adventszeit mal wieder so richtig – und mutiert zur Überflussgesellschaft. Wichtelgeschenke, die eigentlich niemand braucht. Meterweise Geschenkepapier und Dekoschleifen, um die schönen Gaben schön zu geben. Nicht zu vergessen die voll beladenen Einkaufswagen, damit den lieben Freunden und Verwandten Weihnachten auch in diesem Jahr wieder auf der Zunge zergeht. Doch längst nicht alle Bürger in diesem Winter-Wunder-Land können an Weihnachten im Wohlstand schwelgen, schon gar nicht im Überfluss.

So vermeldete Dansk Folkehjælp am Montag, dass in diesem Jahr 11.332 Familien im Land mit einem Weihnachtspaket unterstützt werden. Familien, die sich das Ausrichten eines traditionellen Weihnachtsfestes mit Braten und Leckereien ansonsten nicht leisten könnten. Da die Spendengelder begrenzt sind, musste man 4.000 weiteren Familien, die auch gerne eine Unterstützung erhalten hätten, eine Absage erteilen.

Die Armen, möchte man meinen – doch halt – stimmt das denn auch? Im Handumdrehen steht man vor der aktuell diskutierten Frage: Wann ist ein Bürger arm? Also so richtig und offiziell.

Die Sozialdemokraten wollen Fakten und Antworten schaffen – und fordern nach der Wahl die Festlegung einer offiziellen Armutsgrenze. Eine solche Definition gab es bereits. Sie war 2015 von der bürgerlichen Regierung nach zwei Jahren aber wieder abgeschafft worden. Arm war demnach, wenn eine Einzelperson ein Jahreseinkommen nach Steuern von unter 103.000 Kronen im Jahr vorzuweisen hatte. Danmarks Statistik bezeichnet einen Bürger aktuell als „relativ arm”, wenn er nach Abzug von Steuern weniger als 9.750 Kronen im Monat hat. Die Frage, ob eine Gesellschaft eine politisch festgelegte offizielle Armutsdefinition benötigt, bleibt bislang also unbeantwortet. Brauchen wir sie?

Bis zu einem gewissen Grad ist Armut zweifelsohne Ansichtssache. Man kann am Heiligen Abend auch Kartoffelsalat und Würstchen essen und glücklich sein, ohne sich arm zu fühlen. Gute Hausmannskost muss nicht teuer sein und selbstgemachte und somit kostengünstige Geschenke sind nicht immer die schlechtesten.
Sparsamkeit aus ökonomischen Gründen ist noch lange keine Armut oder anders gesagt: nur weil man sich einschränken muss, ist man nicht arm.

Doch die Leistungs- und Konsumgesellschaft formt und fordert neue Maßstäbe. Zwei Autos pro Haushalt, Fernreisen, Restaurantbesuche, Delikatessen auf dem heimischen Küchentisch – für viele Menschen hierzulande ein Lebensstil, der alternativlos geworden zu sein scheint – und der die Messlatte für „normal“, bzw. Armut, immer höher legt.

Der Blick in andere Länder erweitert die Diskussion, bringt neue Vergleichsgrößen ins Spiel. Ist es nicht Jammern auf hohem Niveau, wenn ein hiesiger Sozialhilfeempfänger neben Wohnung und Grundnahrungsmitteln auch noch ein modernes Mobiltelefon sein eigen nennt und das nötige Geld hat, eine Schachtel Zigaretten am Tag zu Asche zu machen, während man sich in anderen Ländern bereits mit einem Dach aus Wellblech über dem Kopf glücklich schätzt?

Philosophieren und debattieren hilft den Bedürftigen nicht weiter. Und längst nicht jeder Bürger ist körperlich oder geistig in der Lage, den Hammer zu Halten, mit dem man sich gefälligst das eigene Glück zu schmieden hat.

Die Aufforderung „dann mach halt was aus deinem Leben” lässt sich schwer annehmen, wenn das Leben längst etwas aus einem gemacht hat. Einen Sozialfall, beispielsweise.

Daher ist es bei all den verschiedenen Betrachtungs-, Erfahrungs- und Empfindungsweisen gut, eine offizielle Armutsgrenze festzulegen. Eine in Zahlen gefasste Definition, über die sich zuvor Politiker, aber auch Hilfsorganisationen und Mitglieder ethischer Denkfabriken umfassend Gedanken gemacht haben.

Solange es keine offizielle Armutsgrenze gibt, bleibt Armut vage. Solange sich die Politik nicht selbst eine Untergrenze setzt und vor allem konkrete Ziele, die Armut darunter zu mindern, bleibt die Situation für bedürftiger Menschen schlecht. Und das ist dann inmitten einer Überflussgesellschaft ein ganz schön trauriges Armutszeugnis.

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