Kulturkommentar

„Zwischen onboarding und claims“

Zwischen onboarding und claims

Zwischen onboarding und claims

Claudia Knauer
Claudia Knauer
Apenrade/Aabenraa
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Sprache entwickelt sich – und das ist gut so, findet Büchereidirektorin Claudia Knauer. Wenn allerdings betriebswirtschaftliche Ausdrücke überhandnehmen, dann wird es weniger lustig.

Wenn ich onboarding höre, denke ich an Flugreisen. Wie ich jüngst lernte, liege ich damit verkehrt. In der Welt der Betriebswirtschaftler und der Verantwortlichen für Human Resources geht es darum, neue Mitarbeitende in den Betrieb einzuführen und einzuarbeiten (Früher waren diejenigen, die HR auf ihrer Visitenkarten stehen haben, Personalverantwortliche. Mittlerweile sind die Menschen, die die Arbeit machen, eine Ressource – das entmenschlicht ein wenig. Zumindest in meiner Optik, wobei ich dem- oder derjenigen, die diesen Job machen, nicht zu nahe treten will).

Grässlicher sprachlicher Mischmasch

In einer Fortbildungskonferenz, bei der es um die Nachwuchsgewinnung ging, war dann die Rede von „Design und Wording“, das vermutlich auch geframt werden muss. Abgesehen davon, dass hier ein grässlicher sprachlicher Mischmasch entsteht, werden so manche nicht verstehen, worum es geht. Bei Wording wahrscheinlich darum, wie Worte genutzt werden und beim Framing darum, in welchem Zusammenhang oder Rahmen bestimmte Inhalte verankert werden sollen. Beim Branding müssen natürlich auch die Claims berücksichtigt werden. Es kann an mir liegen, aber bei Claims kommen mir Western und Goldschürfen in den Sinn. Tatsächlich geht es um Werbeslogans.

Sprachen entwickeln sich

Jede Sprache entwickelt sich und dass es englische Ausdrücke im Deutschen gibt, ist auch kein Drama, sondern Normalität. Und gerade wir im Grenzland sind gut darin, in die Gehstraße zu gehen und einen „husmester“ zu suchen.

Aber wenn solch betriebswirtschaftliche Ausdrücke, die Menschen zur Ressource wie Geld oder Energie machen, überhand nehmen, wird es weniger lustig.

Aufgabe zentraler Identität

Ganz zu schweigen davon, dass gerade im Deutschen, nicht nur in der Betriebswirtschaft, sondern ganz verstärkt auch in der Wissenschaft, Englisch das Alleinseligmachende ist und kein Nachwuchswissenschaftler/in weiterkommt, wenn die Veröffentlichungen nicht auf Englisch sind. Damit gibt eine Nation aber etwas Zentrales von ihrer Identität auf. Kongresse über Kant oder Goethe in Deutschland ausschließlich auf Englisch bedeuten keine Weltgewandtheit, sondern Ignoranz der eigenen Sprache gegenüber, die doch solch ein Schatz ist.

Formulieren wir einmal Kant um: „Habe Mut, dich deiner eigenen Sprache zu bedienen.“

Die in diesem Kulturkommentar vorgebrachten Inhalte sind nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.

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