Diese Woche in Kopenhagen

„Wechselzeiten am rechten Rand“

Wechselzeiten am rechten Rand

Wechselzeiten am rechten Rand

Kopenhagen
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Zwei sehr unterschiedliche Parteien konkurrieren um die ausländerskeptischen bis -feindlichen Wähler. Außer der Abneigung dem Islam gegenüber, haben die Dänische Volkspartei und die Neuen Bürgerlichen wenig gemeinsam, meint Walter Turnowsky, Korrespondent in Kopenhagen.

Die Umfragen zeigen ein immer deutlicheres Bild. Am rechten Rand sind die Neuen Bürgerlichen derzeit in, die Dänische Volkspartei (DF) out. Während DF die Talfahrt anscheinend nicht aufhalten kann, klettern die Neuen Bürgerlichen stetig nach oben.

In den vergangenen Wochen hat DF obendrein sechs Stadtratsabgeordnete verloren. Drei von ihnen gingen zur Konkurrenz von den Neuen Bürgerlichen. Die Kritik der drei ist gleichlautend: DF-Chef Kristian Thulesen Dahl sei vor allem in der Ausländerpolitik nicht mehr deutlich genug. Die Neuen Bürgerlichen um Pernille Vermund dagegen würden Tacheles reden.

Ob dies tatsächlich der wichtigste Grund ist, darf bezweifelt werden. Es geht wohl auch darum, das sinkende DF-Schiff noch rechtzeitig zu verlassen. Und dies ist in Wirklichkeit viel ernster für die DF-Führung. Denn wenn die eigenen Leute erst das Vertrauen in das Projekt verlieren, dann sitzt die Krise wahrlich tief.

Der Jaguar

Wie bereits früher beschrieben, hat DF lange die Rolle der ewig Gekränkten gespielt. Doch mittlerweile nehmen die Wähler der Machtpartei DF diese Rolle nicht mehr ab.

Ganz anders geben sich die Neuen Bürgerlichen. Parteichefin Pernille Vermund düste im Wahlkampf mit einem Jaguar durch die Gegend. Und auch wenn es ein älteres Modell ist, so signalisiert es doch einen völlig anderen Stil als DF. Auch macht sie kein Hehl daraus, dass sie aus dem reichen Nordseeland stammt. Die gezielt geplante Botschaft ist, dass ihre Ablehnung gegenüber Muslimen nicht daher komme, dass diese ihr persönlich etwas wegnehmen würden, sondern weil sie sich sorge um das, was sie als dänische Werte sieht.

Liberale Partei

Auch inhaltlich unterscheiden die beiden rechten Parteien sich grundsätzlich. Bis auf die Ablehnung gegenüber Ausländern im Allgemeinen und Muslimen im Besonderen haben sie wenig gemein. Wo DF in weiten Teilen eine Politik führt, die als „sozialdemokratisch“ bezeichnet werden kann, sind die Neuen Bürgerlichen auf vielen Politikfeldern der Liberalen Allianz am nächsten. Und da passt der Jaguar natürlich auch gut dazu.

Doch warum kommen der Stil und die Politik der Neuen Bürgerlichen bei einem Teil der Wähler gut an? (Es sind trotz allem lediglich ungefähr 5 Prozent in den Umfragen)

Hochburg Nordschleswig

Erst einmal profitieren sie sicherlich vom Niedergang der mittlerweile bald 25 Jahre alten DF. Vermund und ihre Mannschaft stellen etwas Neues dar, und sie können mit der noch etwas schärferen Rhetorik der DF Wähler abjagen. Da ist es natürlich auch kein Zufall, dass Vermund persönlich in der früheren DF-Hochburg im Großkreis Südjütland kandidierte.

Während der Corona-Krise hat sie sehr viel schneller als Thulesen Dahl erkannt, dass die geschlossenen Grenzen für viele Menschen im Grenzland eine Belastung waren. So nahm sie dann auch an einer der Demonstrationen an der Grenze teil. DF vollzog erst später eine Kehrtwende in der Grenzfrage.

Neue Wählergruppen

Doch sind bei Weitem nicht alle enttäuschten DF-Wähler zu den Neuen Bürgerlichen gegangen. Mette Fredriksen (Soz.), die sich erst recht im Umfragehoch sonnt, hat auch Thulesen Dahl Wähler weggenommen.

Vermund spricht mit ihrer Politik wohl auch neue Wählerschichten an. Dass sie eine tüchtige Kommunikatorin ist, dürfte offensichtlich sein.

Eigene Positionen

Gleichzeitig ist sie jedoch auch ausgesprochen fleißig. Auf Christiansborg ist sie dafür bekannt, dass sie so gut wie alle Papiere liest. Das hat ihr während der Corona-Krise ermöglicht, eine eigenständige Rolle im bürgerlichen Lager zu spielen. Manchmal, indem sie weitreichendere Forderungen zur Öffnung gestellt hat. Aber oft genug hat sie Staatsministerin Frederiksen für die Handhabung gelobt. Und dies kommt bei Teilen der Bevölkerung im Augenblick besser an als die Kritik der übrigen bürgerlichen Parteien.

Platz für beide

So haben die Neuen Bürgerlichen sich ihre Nische geschaffen.

DF wird wohl auch überleben, wenn auch sie die Macht, die sie noch vor etwas mehr als einem Jahr hatte, nicht in absehbarer Zeit wiedererlangen wird. Denn gerade weil die beiden Parteien unterschiedlich sind, dürfte für beide Platz sein. Denn Menschen, die man mit scharfer Rhetorik in der Ausländerfrage anspricht, gibt es genug im Lande.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Heldin Linde“