Leitartikel

„Trotzdem gendern“

Trotzdem gendern

Trotzdem gendern

Apenrade/Aabenraa
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Viele Menschen halten das Gendern für einen einzigen Murks, weil es an ihrer Lebens- und Sprachwirklichkeit vorbeigeht, oder sie empfinden es als Zeit- und Energieverschwendung. Aber es gibt gute Gründe, es dennoch zu tun, versichert Redakteurin Marlies Wiedenhaupt.

Stimmt – das Gendern braucht mehr Platz im Text als die früher übliche Schreibweise, bei der Frauen bei den Bürgern, Politikern, Lehrern, Schülern oder Journalisten mitgedacht wurden. Und ja, Schreibende müssen sich ein wenig mehr ins Zeug legen, um erstens an das Gendern zu denken und zweitens einen lesbaren Text abzuliefern.

Trotzdem sollten sie es tun. Und wir beim „Nordschleswiger“ machen es bereits.

Wird gegen die gendergerechte Sprache gewettert, passiert das unter anderem, weil jemand seine eigene Art der Formulierung nicht gespiegelt sieht. Oder es landet das Argument auf dem Tisch, dass zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht nicht der geringste Zusammenhang besteht. Heißt beispielsweise: Der Mensch kann auch eine Frau sein – und die Person auch ein Mann. Stimmt.

Aber verknüpfen wir mit den Begriffen Arbeitgeber, Grundstücksbesitzer und Finanzberater ebenso klar Frauen wie Männer? Eher nicht. Weil Frauen in solch einflussreichen und gewinnbringenden Positionen noch immer unterrepräsentiert sind.

Ein Beispiel aus dem „Nordschleswiger“-Arbeitsleben: Der Korrektur lag kürzlich eine Pressemitteilung vor, in der Professor Sowieso einen Vortrag halten sollte. Wir nennen aber stets auch die Vornamen. Weil der fehlte, bedurfte es der Nachfrage bei der veranstaltenden Einrichtung: Karin hieß die Referentin. Da war die Korrekturleserin doch einigermaßen perplex, als ihr klar wurde, dass sie bei dem Wort Professor automatisch an einen Mann gedacht hatte. Trotz bereits vorhandener Sensibilität für dieses Thema.

Es ist in Sachen Umdenken schon einiges erreicht. Das zeigt sich etwa daran, dass der „taz“ zufolge ein siebenjähriges Mädchen am Ende der Amtszeit von Angela Merkel in der Rubrik „Kinderfrage“ hatte wissen wollen, ob auch ein Mann Bundeskanzlerin werden kann.

Je häufiger also auch Arbeitgeberinnen, Grundstücksbesitzerinnen und Finanzberaterinnen in gesprochener oder geschriebener Sprache auftauchen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen und Frauen sich auch ganz selbstverständlich in diesen Rollen und Positionen sehen können und sehen wollen.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter läuft nicht allein über Sprache. Das ist klar. Aber das Mitdenken allein ist sicher nicht der richtige Weg. Beispielsweise wollen Frauen für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen – und nicht die Differenz mitdenken.

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