Leitartikel

„Digitalisierung: Pflicht oder Angebot?“

Digitalisierung: Pflicht oder Angebot?

Digitalisierung: Pflicht oder Angebot?

Apenrade/Aabenraa
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Nicht alle kommen beim digitalen Wandel mit. Ein Kommentar von „Nordschleswiger“-Redakteur Helge Möller.

Was die Digitalisierung des Alltags anbelangt, liegt Dänemark recht weit vorn, vor allem, wenn man den Vergleich zur Bundesrepublik wagt. Wer beide Systeme kennt, der weiß: Vieles geht nach einer gewissen Eingewöhnungszeit einfacher und schneller im Königreich, beispielsweise die Steuererklärung. Dass Dänemark Vorreiter ist, wird auch in Deutschland gesehen, Dänemark gilt dort oft gar als Vorbild. Dort geht alles schneller, einfacher und besser, während in Deutschland in den Gesundheitsämtern noch die Faxgeräte ihren Dienst verrichten. So hörte man es in der Corona-Pandemie als eine Art Wehklage.

Aber kann Dänemark wirklich als ein solches Vorbild dienen? Eine Untersuchung der Denkfabrik Justitia zeigt zumindest eine Schattenseite der Digitalisierung. Es kommen auch hier nicht alle mit. Für rund ein Viertel der Bevölkerung stellt die Digitalisierung der öffentlichen Hand ein Problem dar. Die Denkfabrik sieht ernste Folgen für diese Menschen, weil sie die Angebote und die ihnen vom Gesetz her zustehenden Leistungen nicht mehr in Anspruch nehmen können.

Dänemark legt Wert darauf, eine Gesellschaft, eine Gemeinschaft zu sein. Die Gefahr besteht, dass sich eine Zweiklassengesellschaft in Dänemark etabliert. Dabei geht es nicht um Arm und Reich, sondern um digital und nicht digital. Die Nichtdigitalen, die ihr Leben ohne Software und Internetkenntnisse in der Vergangenheit meistern konnten, werden zu Hilfsbedürftigen, vor allem dann, wenn es keine Verwandten und Bekannten gibt, die helfen können. Immer neue Innovationen, wer will, wer kann im fortgeschrittenen Alter da immer mithalten?

Der digitale Wandel, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, und das ist auch gut so. Denn es zeigt sich: Die digitalen Produkte, die Dänemark seinen Bürgerinnen und Bürgern bietet, sind schon recht benutzerfreundlich, wenn man die Grundvoraussetzungen mitbringt. Das kann man von digitalen Angeboten auf deutscher Seite nicht unbedingt sagen. Bei aller Begeisterung für eine digitale Verwaltung und die darin enthaltenen Einsparmöglichkeiten müssen Politikerinnen und Politiker in Dänemark aber darüber nachdenken und entscheiden, was die Digitalisierung des Landes für die Menschen bedeuten soll: eine Pflicht oder ein Angebot. Denn wenn wirklich ein Viertel der Menschen abgehängt ist, dann ist das zu viel.

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