Kommentar

„Unerreichbare Früchte“

Unerreichbare Früchte

Unerreichbare Früchte

Apenrade/Aabenraa
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Tantalos wird laut Sage für seine Frevel bestraft und muss bis in alle Ewigkeit nach unerreichbaren Früchten greifen. Dass aber in unserer Gesellschaft Unschuldige für die Taten anderer büßen müssen, findet Hannah Dobiaschowski nicht nur ungerecht, sondern blickt als Resultat daraus auch in eine düstere Zukunft.

Gleichberechtigung, Gleichstellung, der Abbau von Benachteiligung: in den vier Jahrzehnten, in denen ich auf der Welt bin, ist einiges passiert in diesen Bereichen. Oder um genau zu sein: Es wurde den Regierungen mühsam vieles abgerungen.

Der Weg zur totalen Gleichstellung und Gleichberechtigung ist steinig und stößt oft auf Widerstand. Auf dem Berg der Errungenschaften, auf dem wir aber mittlerweile stehen, haben wir bereits eine fantastische Aussicht auf eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichgestellt sind, Behinderte nicht ausgeschlossen werden und Hautfarbe keine Rolle spielt. Aber noch sind wir dort nicht angekommen.

Tatsächlich fühlt es sich eher so an, als säße man wie Tantalos in einem Teich mit klarem Wasser und über einem hängen die saftigsten Früchte vom Baum. Greift man nach den Früchten, weil man hungrig ist, verschwinden sie, möchte man vom Wasser trinken, weil man durstig ist, leert sich der Teich.

Man hat also alles, was einem beim Stillen der Grundbedürfnisse – oder bei der Ausführung der Grundrechte – helfen kann, direkt vor Augen, kann es aber niemals erreichen.

Schaut man in die USA, so kann man deutlich sehen, dass Wasser und Früchte immer unerreichbarer werden. Fast konnte man sie greifen, aber jetzt verrotten sie auf dem Kompost. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Für Menschen mit Privilegien und Macht mag das zutreffen. Für alle anderen schon lange nicht mehr.

Dass dort tatsächlich das Recht auf Abtreibung abgeschafft wurde, ist nicht nur unbegreiflich, sondern geradezu erschütternd.

Geht es nach Clarence Thomas, christlich-konservativer Richter am Obersten US-Gerichtshof, ist das nur der Anfang. Er hat Bestrebungen, auch weitere Grundrechte infrage zu stellen, wie der Spiegel schreibt: „Allen voran die gleichgeschlechtliche Ehe, die Straffreiheit von gleichgeschlechtlichem Sex und die Empfängnisverhütung.“

Unfassbar. Frauen haben dort jetzt weniger Rechte als ihre Mütter und Großmütter und müssen, wie auch verschiedene Minderheiten, fürchten, dass ihre Rechte weiter beschnitten werden. Dass das überhaupt möglich ist, war vor einigen Jahren noch unvorstellbar. Und es ist beängstigend. Ist die Entwicklung, die uns in die Nähe der Erfüllung gebracht hat, schon am Ende angekommen? Ist das, was wir erreicht haben, schon das Maximum? Geht der Weg ab jetzt nur noch zurück?

Es steht zu befürchten, dass es zu viele Menschen gibt, die ihr Glück auf dem Leid der anderer aufbauen, zu viele Männer mit Allmachtsfantasien. Zu viele Leute, die lieber einem starken Anführer folgen, der sie in der Spur hält und andere aktiv ausschließt und diskriminiert, statt Anerkennung, Solidarität und Gemeinschaft zu leben.

Leider reicht auch schon der Blick vor die eigene Haustür. Die Idee vom offenen und vereinten Europa hängt wie eine reife Frucht vom Baum und verschwindet jedes Mal, wenn man über Krusau nach Dänemark einreisen möchte.

Sie verschwindet, wenn man sich vorstellt, wie gewisse Parteien und ihre Befürworter in Deutschland, in Dänemark, Polen, Ungarn, ja in der gesamten EU heimlich oder offensichtlich beklatschen, was in den USA vor sich geht.

Um das Bild von Tantalos vollständig zu machen: er wird als mächtiger und unermesslich reicher griechischer König beschrieben, der die Götter erzürnt, weil er sie bestiehlt, lügt, und sie auf die Probe stellt. Dafür wird er zur Strafe in den Teich gesetzt.

Damit entblößt sich eine weitere himmelschreiende Ungerechtigkeit unserer Gesellschaft: Die Reichen, die Mächtigen, die Intriganten, diejenigen, die andere auf die Probe stellen, sind nicht diejenigen, die betraft werden. Sondern diejenigen, die auf Freiheit für alle pochen, sind dazu verdammt, vielleicht für immer nach unerreichbaren Früchten zu greifen.

Und wie schlägt man nun eine Brücke von der griechischen Antike bis in die Zukunft? Mit einer düsteren Prognose. Wenn die negativen Entwicklungen weiter vorangetrieben werden, stellen Forscher in zweitausend Jahren fest, dass wir ja eine erstaunlich entwickelte Gesellschaft gewesen wären, und werden versuchen herauszufinden, warum danach für 1.500 Jahre eine Art finsteres Mittelalter herrschte.
 

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