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„Armenier aus Arzach: Wir haben keinen Ort, um unsere Toten zu begraben“

Armenier aus Arzach: Wir haben keinen Ort, um unsere Toten zu begraben

Arzach: Wir haben keinen Ort, um unsere Toten zu begraben

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin/Apenrade
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Es findet ein Massenexodus der Armenierinnen und Armenier aus Arzach statt. In der Enklave regiert die Willkür des Diktators in Aserbaidschan.

Es sind herzzerreißende Bilder, die uns derzeit aus Arzach/Berg-Karabach erreichen. Zu Tausenden fliehen die Bewohnerinnen und Bewohner aus ihrer Heimat. Aus Angst vor den neuen Herrschern – dem Militär aus Aserbaidschan.

In den vergangenen Jahren haben Armenien und Aserbaidschan blutige Kriege geführt. Die Rhetorik aus Aserbaidschan ist erschreckend. Den christlichen Erzfeind gilt es zu vernichten. Natürlich denken nicht alle Menschen aus Aserbaidschan so, aber der Hass gegen die Armenierinnen und Armenier ist Staatsraison und hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder in bestialischen Morden und Folterungen von Armeniern Bahn gebrochen.

Wenn die beiden islamistischen Autokraten Ilham Alijew und dessen Waffenbruder Recep Erdogan aus der Türkei nun über den Blitzsieg gegen die Armenier in Berg-Karabach gemeinsam frohlocken, zeigt sich erneut, was geschieht, wenn man den politischen Islam nicht als das wahrnimmt, was er ist: eine akute Gefahr für Frieden und Sicherheit in Europa sowie die gesamte Region. Ganz unmittelbar gefährlich und sogar tödlich ist er für alle anders-denkende, -liebende oder -gläubige Menschen.

Die Armenierinnen und Armenier, die nun zu Zehntausenden aus ihrer Heimat fliehen, haben eines gemeinsam: Niemand glaubt den Sicherheitsbekundungen aus Baku. Der sogenannte Westen gilt dort mit seinen hehren Worten gar nichts, und die angebliche christlich-orthodoxe „Schutzmacht“ Russland hat die Armenier nicht beschützt, als die aserbaidschanischen Panzer rollten.

Von den rund 120.000 Armenierinnen und Armeniern in Arzach sollen bereits rund ein Drittel geflohen sein. Mit keiner Aussicht, im Laufe ihres Lebens noch mal in die Heimat zurückkehren zu können.

Wer die Geschichte der Armenier kennt und den Völkermord der Jungtürken 1915 an geschätzten 1,5 Millionen Armeniern (bis heute weigert sich Ankara, das Menschheitsverbrechen anzuerkennen) – der kann vielleicht erahnen, was für generationsübergreifende Traumata sich derzeit entfalten mögen. In diesen Tagen muss ich immer wieder an den großen, schrecklichen Roman von Franz Werfel, „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, denken. Was in den Köpfen, den Seelen der Armenierinnen und Armenier derzeit vorgehen mag? Sie wissen nicht, was die Zukunft bringt, nur dass sie ihre Heimat wohl nie wieder sehen werden. Sie betrauern ihre Toten oder wie es ein Armenier der BBC erzählte: „Wir haben keinen Ort, um unsere Toten zu begraben.“

Es ist beschämend, wie komplett machtlos die Europäische Union mit ihren „besorgten Mahnungen“ dasteht, wenn sie den Diktator in Baku nach seinem über Monate wenig kaschierten Angriff „an den Verhandlungstisch“ zu drängen sucht. Doch warum soll er verhandeln? Er hat alles erreicht. Noch im Juli hatten die EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen und auch Bundeskanzler Olaf Scholz den Diktator aus Baku als einen „verlässlichen Partner“ gelobt. Verlässlich, weil er mit seinen reichen Vorkommen an Gas den Ausfall des russischen Lieferanten kompensieren half. Da macht man gute Miene zum bösen Spiel, wenn es um Menschenrechte geht, die in Aserbaidschan schon immer mit Füßen getreten werden.

Die vergangenen Tage zeigen einmal mehr die Gefahr, wenn die Europäische Union sich mit Diktatoren und Autokraten abgibt und wie im Fall von Baku sogar abhängig macht. Die Macht des Stärkeren setzt sich durch. An welches Szenario erinnert das? Genau, an 2014, als Putin den Krieg gegen die Ukraine begann, indem er die Krim besetzte. Es gab damals viele Stimmen, die meinten, „ach, das müssen wir dem Putin zugestehen“, sonst gibt es einen „richtigen“ Krieg. Wohin uns diese Haltung gebracht hat, das zeigt sich derzeit in den Schützengräben und Minenfeldern der Ukraine.

Doch was nun? Einfach die Vertreibung von 120.000 Armenierinnen und Armenier akzeptieren? Nach dem Motto, Pech gehabt, „wrong place, wrong time?“ Europa muss sich fragen, was uns unsere Demokratie wert ist. Sind wir angewiesen auf Deals mit den Mördern und Diktatoren dieser Welt? Dann sollen wir uns nicht wundern, wenn diese Welt unsere wohlfeilen moralischen Vorhaltungen nur mit Verachtung aufnimmt. Die Armenier werden uns kaum mehr vertrauen.

Hintergrund

Aserbaidschan hat am Dienstag, 19. September, „Anti-Terror-Aktivitäten“ in der Region Berg-Karabach eingeleitet. Da weder die russischen „Friedenstruppen“ vor Ort noch das armenische Militär eingriff, war jeder Widerstand zwecklos. Zahlreiche Menschen wurden getötet. Tausende Bewohnerinnen und Bewohner fliehen.

Armenien und Aserbaidschan haben in den drei Jahrzehnten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der beide Länder angehörten, bereits zwei Kriege um Karabach geführt, und mehrere kriegerische Auseinandersetzungen folgten.

Berg-Karabach, von den Armeniern Arzach genannt, ist eine Bergregion am südlichen Ende des Karabach-Gebirges, die auf dem Staatsgebiet Aserbaidschans liegt. Die 120.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind jedoch (bislang) fast ausschließlich ethnische Armenier. Sie hatten ihre eigene Regierung und Verwaltung, die Armenien nahestanden, aber weder von Armenien noch von einem anderen Land offiziell anerkannt war.

Die christlichen Armenierinnen und Armenier leben seit Jahrhunderten in der Region. Aserbaidschan, dessen Einwohnerschaft mehrheitlich türkische Muslime sind, verweist ebenfalls auf lange historische Bindungen in der Region, die im Laufe der Jahrhunderte unter die Herrschaft von Persern, Türken und Russen geriet. Der blutige Konflikt zwischen den beiden Völkern reicht mehr als ein Jahrhundert zurück.

Unter der Sowjetunion wurde Berg-Karabach eine autonome Region innerhalb der Republik Aserbaidschan.

Als die Sowjetunion zerfiel, brach der erste Karabach-Krieg (1988-1994) zwischen Armeniern und ihren aserbaidschanischen Nachbarn aus. Etwa 30.000 Menschen wurden getötet und mehr als eine Million vertrieben, als die armenische Seite die Kontrolle über Berg-Karabach selbst und weite Teile von umliegenden Bezirken erlangte.

Nach jahrzehntelangen Scharmützeln begann Aserbaidschan 2020 den zweiten Karabach-Krieg und durchbrach rasch die armenischen Verteidigungslinien und eroberte die sieben Bezirke und etwa ein Drittel von Berg-Karabach.

Russland, das einen Verteidigungsvertrag mit Armenien hat, aber auch gute Beziehungen zu Aserbaidschan unterhält, handelte einen Waffenstillstand aus. Die Vereinbarung sah vor, dass 1.960 russische Friedenstruppen die Lebensader des Gebiets zu Armenien bewachen sollten: die Straße durch den „Lachin-Korridor".

Im Dezember 2022 begannen aserbaidschanische Akteure, die sich als Umweltaktivisten ausgaben, den Lachin-Korridor zu blockieren, und im April 2023 richtete Aserbaidschan einen offiziellen Kontrollpunkt ein, um angeblichen Waffenschmuggel zu verhindern. Der Personen- und Warenverkehr zwischen Armenien und Berg-Karabach war weitgehend unterbrochen. Die Vereinigten Staaten beklagten die „sich rasch verschlechternde humanitäre Lage“.

Nun hat die Diktatur in Baku vollendete Tatsachen geschaffen, und Arzach ist für die Armenier verloren.

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