Cannabis-Anbau in Schleswig-Holstein

„Die Dänen freuen sich, weil wir uns selber im Wege stehen“

Barbara Glosemeyer, SHZ
Flensburg
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Hendrik Knopp ist Geschäftsführer des kanadischen Unternehmens Nuuvera. Foto: Franz Schepers

Der Hamburger Hendrik Knopp will in Schleswig-Holstein Cannabis legal produzieren – für medizinische Zwecke.

Hendrik Knopp kennt die Vorurteile: „Immer noch stellen sich viele Leute, auch in der Politik, ein paar Hippies vor, die Joints drehen.“ Das aber hat mit der Geschäftsidee des Hamburgers in Wirklichkeit nur wenig zu tun.

Knopp ist in Deutschland Geschäftsführer des kanadischen Unternehmens Nuuvera, das Cannabis für medizinische Zwecke herstellt und verkauft. Ein riesiger Markt, den der 46-Jährige nach der Legalisierung von Cannabis auf Rezept Anfang 2017 hierzulande blühen lassen will. Genauer gesagt: an zwei Standorten in Schleswig-Holstein.

Verteilungszentrum in Bad Bramstedt – Plantage in Neumünster

In Bad Bramstedt soll für einen zweistelligen Millionenbetrag ein Hochsicherheitslager gebaut werden, das importiertes Cannabis aus Kanada im Warenwert von fünf bis zehn Millionen Euro fasst, um es an deutsche Apotheken zu verteilen. Und wenn Nuuvera die Lizenz für das Cannabis-Business in Deutschland bekäme, soll auf einem bis zu 20.000 Quadratmeter großen, bereits für einige Millionen Euro gekauften Grundstück im Gewerbegebiet in Neumünster Cannabis in Gewächshäusern angebaut werden.

In sechs Bundesländern haben sich die Cannabis-Anbauer umgesehen. Schleswig-Holstein hat sich als attraktivster Standort herauskristallisiert, weil man mit der „liberalen Landesregierung“ und offenen Bürgermeistern in beiden Städten „verständnisvolle und vorurteilsfreie Partner“ gefunden habe, berichtet Knopp. Zudem könne sich Nuuvera an einem Forschungsprojekt an der Uni Kiel beteiligen.

Zu 60 Prozent bei chronischen Schmerzpatienten eingesetzt

In Kanada mit etwa 36 Millionen Einwohnern würden 300.000 Patienten monatlich mit Cannabis versorgt. In Deutschland, schätzt Knopp, sind es derzeit 20.000 bis 30.000 Patienten, es könnten aber bis zu 800.000 sein. Cannabis werde zu 60 Prozent bei chronischen Schmerzpatienten eingesetzt, darüber hinaus in der HIV- und in der Krebstherapie.

Cannabis hilft, aber es heilt nicht

Vielen Ärzten sei aber noch nicht klar, wofür sie Cannabis verschreiben können und dürfen. Dennoch will der Cannabis-Unternehmer keine falschen und überhöhten Hoffnungen wecken: „Es hilft, aber es heilt nicht.“

Wieder bei Null anfangen

Noch müssen sich der deutsche Geschäftsführer und seine börsennotierten Arbeitgeber in Kanada weiter in Geduld üben. Denn nachdem eine erste Ausschreibung für den Anbau und Verkauf von Cannabis für medizinische Zwecke im Frühjahr wegen eines Formfehlers vom Oberlandesgericht Düsseldorf gestoppt wurde, „sind wir wieder bei Null angefangen“, sagt der Pharma-Manager.

„Die Dänen freuen sich, weil wir uns selber im Wege stehen“

Nach einem neuen Anlauf wird das ausschreibende Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nun voraussichtlich Anfang 2019 den Zuschlag erteilen. Mehr als 100 Firmen bewerben sich um eine Lizenz, nur zwei oder drei Firmen werden am Ende eine bekommen: „Es ist schade für Deutschland, das man sich hier so schwer tut und die Dänen freuen sich, weil wir uns selber im Wege stehen“, sagt Knopp.

Im nördlichen Nachbarland blüht der Handel mit dem Medizin-Kraut schon länger. Jeder, der die rechtlichen Rahmenbedingungen erfüllt, erhält dort eine Lizenz zum Anbau von Cannabis. Zehn kanadische Unternehmen haben dort laut Geschäftsführer Knopp schon bis zu 100 Millionen in den Aufbau dieser Industrie investiert − inklusive Exportlogistik nach Deutschland. In Kanada ist die Cannabis-Industrie weit entwickelt, weil medizinisches Marihuana dort seit 2001 erhältlich ist und in diesem Jahr sogar für Genusszwecke legalisiert werden soll.

Über 10,4 Tonnen Cannabis in vier Jahren

Nuuvera-Mann Knopp will in der ersten Liga des deutschen Cannabis-Business mitspielen und dafür sorgen, dass genügend Haschisch auf Rezept in Deutschland verfügbar wird. Knopp: „Es geht um die Lizenz, über 10,4 Tonnen Cannabis in Deutschland über vier Jahre anzubauen, weiterzuverarbeiten, zu lagern, zu verpacken und zu liefern.“

Anbau in Neumünster wäre hochtechnisiert

Der Anbau, wie er in Neumünster angewendet werden würde, ist hochtechnisiert: „Da baut nicht einer ein paar Pflanzen an. Licht, Wasser- und Nährstoffgehalt der Pflanzen werden ständig kontrolliert und auf einem konstanten Niveau gehalten, was für medizinische Produkte enorm wichtig ist und konstante Wirkstoffe liefert.“ Die Pflanze werde außerdem so optimiert, dass „wir in den Gewächshäusern bis zu sechsmal im Jahr ernten können“. Hanfpflanzen blühen normalerweise ein- bis zweimal im Jahr.

„Zum ersten Mal bekomme ich Mails von Menschen, die dankbar sind, weil ihnen geholfen wurde“

Für Knopp ist das Marihuana-Business in Deutschland ein weiteres berufliches Abenteuer. Der umtriebige Hamburger hat schon als Anwalt und bei einem Sportwetten- und Poker-Anbieter gearbeitet. Manchmal wurde der Wechsel durch äußere Umstände erforderlich, aber es mache ihm auch Spaß, „komplett in ein neues Thema einzusteigen“. Das sei „wie wieder zur Schule zu gehen“. Sein aktueller Job ist für ihn etwas Besonderes: „Zum ersten Mal bekomme ich Mails von Menschen, die dankbar sind, weil ihnen geholfen wurde.“

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