Gleichberechtigung

Projekt „Heroes": Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Projekt „Heroes": Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Projekt „Heroes": Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Marle Liebelt/shz.de
Schleswig
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Rebecca Arnold und Turgay Yildirim bringen das Projekt „Heroes“ in den Kreis Schleswig-Flensburg. Foto: Marle Liebelt

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Junge Männer mit Migrationsgeschichte reflektieren in Schleswig ihre Rolle in einer gleichberechtigten Gesellschaft.

Ehre, Familienehre, „Ehrenmann“, Ehrenamt, Ehrengast. Wer versteht eigentlich was unter „Ehre“? Und wer verteidigt sie gegen wen? Und warum überhaupt?

Junge Männer wollen sich in Schleswig zusammentun, um gemeinsam über das Thema Ehre und Ehrenkultur im Kontext der Gleichberechtigung zu sprechen. „Heroes“ heißt das Projekt, das sich an 16- bis 23-jährige Männer mit familiärer Migrationsgeschichte richtet.

Auseinandersetzung mit „Ehrenkultur“

„Heroes ist ein feministisches Projekt, das jungen Männern einen Raum geben soll, sich mit dem Begriff der Ehrenkultur und ihrer eigenen Rolle in dieser Kultur auseinanderzusetzen“, erklärt Projektleiterin Rebecca Arnold von der Jugendbildungsstätte Scheersberg. Dabei gehe es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Konzept „Ehrenkultur“ Teil einer Gesellschaftsstruktur ist, in der für Männer und Frauen klare Verhaltensregeln und Hierarchien gelten.

Nicht nur Frauen leiden unter patriarchalen Strukturen.

Rebecca Arnold, Projektleiterin

„Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Für Gleichberechtigung.“ entstand 2007 aus einer deutschlandweit geführten Debatte über „Ehrenmorde“ und Zwangsverheiratung und wird seitdem vor allem in Großstädten umgesetzt. Nun soll „Heroes“ zum ersten Mal in einem Flächenkreis aus dem Gruppenprojekt hervorgehen. Mit einer Laufzeit bis August 2023 ist es als Langzeitprojekt zu verstehen. „Ich freue mich, dass dieses Projekt, nach langer Planung endlich im Kreis Schleswig-Flensburg umgesetzt werden kann und die erste Gruppe schon bald in Schleswig startet“, sagt Schleswigs Bürgermeister Stephan Dose (SPD). Eine zweite Gruppe soll im Sommer in Flensburg starten.

Das Patriarchat ist genauso ein Problem westlicher Gesellschaften.

Turgay Yildirim, Gruppenleiter

Teilnehmer und Leiter teilen eine ähnliche Sozialisationsgeschichte

Turgay Yildirim ist Gruppenleiter des Projektes und wird über mehrere Monate mit den Teilnehmern arbeiten. „Ich habe ebenfalls eine Migrationsgeschichte. Uns war wichtig, dass alle Gruppenteilnehmer, auch der Leiter, eine ähnliche Sozialisation teilen“, sagt er.

Er betont, dass Ehrenkulturen und patriarchale Strukturen keineswegs Phänomene seien, die vorwiegend in migrantischen Milieus vorherrschend sind: „Das Patriarchat ist genauso ein Problem westlicher Gesellschaften.“ Deshalb sei das Projekt „Heroes“ auch nicht als Integrationsprojekt zu verstehen, sondern als „eines von vielen feministischen Projekten, die für mehr Selbstbestimmung und Gleichberechtigung kämpfen“.

Auch Männer müssen sich emanzipieren

Junge Männer, die aus einer Familie mit Migrationsgeschichte kommen, werden in Deutschland stark in der Rolle der Unterdrücker und Täter von Gewalt gegen Frauen gesehen. „Heroes“ soll das ändern. Yildirim: „In der ersten Gruppenphase reflektieren wir gemeinsam unsere Sozialisation, was von uns erwartet wird und wie wir uns in dieser Rolle fühlen.“

Helden kämpfen für Gerechtigkeit.

Turgay Yildirim, Gruppenleiter

Dabei gehe es vor allem darum, die eigene Geschichte als Teil einer ganzen Gesellschaftsstruktur zu erkennen und sie zu hinterfragen. Emanzipation sei kein Frauenthema, erzählt Yildirim. Auch Männer müssten sich emanzipieren, um Gleichberechtigung zu erlangen. „Sie müssen sich aus der Rolle des Unterdrückers und den gesellschaftlichen Erwartungen von Männlichkeit rausemanzipieren.“

Heroes

In der zweiten Gruppenphase können die Teilnehmer selbst als Leiter kleiner Gruppen fungieren. Yildirim: „Sie lernen, wie sie das Thema Gleichberechtigung in ihrem Umfeld ansprechen und andere junge Männer sensibilisieren können.“ Sei es in Workshops oder einfach im Freundeskreis. „Helden haben eine Vorbildfunktion und kämpfen für Gerechtigkeit.“

Turgay Yildirim betont: „Wir wollen ihnen nicht diktieren, wie sie denken sollen. Aber wir wollen sie dazu bringen, ihre eigene Rolle zu reflektieren und ihnen helfen, den Begriff Ehre neu zu besetzen. Sie sollen im Sinne einer gleichberechtigten Gesellschaft als Beispiel vorangehen.“

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