Lebenshilfe Inseln

Zwischen Verunsicherung und Aufmunterung: Betreuer und Bewohner kämpfen sich durch die Corona-Krise

Betreuer und Bewohner kämpfen sich durch die Corona-Krise

Betreuer und Bewohner kämpfen sich durch die Corona-Krise

Frank Deppe/shz.de
Sylt
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19 Frauen und Männer mit Handicaps leben im Wohnheim der Lebenshilfe auf Sylt. Foto: Frank Deppe

Die aktuelle Situation wirkt sich auch auf die Sylter Bewohner und Betreuer im Haus der Lebenshilfe aus.

Vertraute Menschen wegen Corona nicht einmal mit Handschlag zu begrüßen, geschweige denn sie umarmen zu können, das fällt vielen Syltern nicht leicht. Noch schwerer freilich denen, die den Grund nicht verstehen: Die 19 Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses der Lebenshilfe auf Sylt stellt die Pandemie auf eine besondere Probe.

Es ist daher für unser Team schwer machbar, Nähe nicht zuzulassen, wie sie bei der Pflege ohnehin unausweichlich ist.

Oliver Marco Pohl, Leiter der für Sylt, Amrum und Föhr zuständigen Lebenshilfe Inseln

Und auch ihm selbst, gesteht der Leiter der für Sylt, Amrum und Föhr zuständigen Lebenshilfe Inseln, fehle die körperliche Nähe in einer Einrichtung, die so familiär aufgebaut sei.

Umso mehr genoss Pohl im vergangenen Herbst eine Halloween-Feier mit den Bewohnern im Alter zwischen 20 und 70 Jahren: "Ich hatte ein Gespenster-Kostüm mit einer Maske angezogen, so dass mich alle nach Belieben umarmen konnten – wovon auch ausgiebig Gebrauch gemacht wurde." Als die Pandemie im vergangenen Jahr in deutschen Gefilden Einzug hielt, reagierte Oliver Marco Pohl umgehend – angefangen von Hygienemaßnahmen bis hin zur Absage aller externen Veranstaltungen, die im Seminarraum der Lebenshilfe stattfinden sollten.

Besuche nur noch eingeschränkt möglich

"Dabei sind wir gerne Gastgeber. Und ich habe mich gefragt: Bist du vielleicht übervorsichtig? Aber ich war mir sicher: Da braut sich etwas zusammen", erinnert sich Pohl. Und so kam es dann auch. Manches hat sich seitdem bei den vertrauten Abläufen, die für die Bewohner so wichtig sind, ändern müssen. Angehörige etwa konnten nicht mehr wie gewohnt ein- und ausgehen, Geburtstage wurden virtuell gefeiert.

Und als die "Sylter Werkstätten", in denen viele der Bewohner mit Handicap arbeiten, zeitweilig schlossen, musste auch dies von Pohl und seinem Team kompensiert werden. Umso dankbarer war das Team, dass es dabei von den Kolleginnen und Kollegen der Frühförderung unterstützt wurde.

Kleine Feste und kreative Angebote als Highlight

Doch Corona schweißte Bewohner und Betreuer auch stärker zusammen und sorgte für neue Ideen. Das kreative Angebot wurde ausgebaut, der Kinotag kurzerhand ins Haus verlegt, gekocht und Sport getrieben. Pastoren kamen von draußen mit den Bewohnern ins Gespräch, der Sylter Musiker Oliver Strempler spielte auf der Terrasse Gitarre.

Ein Highlight: Als im Sommer die Bewohner des südlichsten Lebenshilfe-Hauses im bayerischen Sonthofen – allesamt zuvor negativ auf Corona getestet – die Lebenshilfe auf Sylt besuchten. "Es gab ein tolles Fest, das allen große Freude bereitet hat." Auch organisatorisch musste in dem Haus in der Bastianstraße vieles umstrukturiert werden werden.

Wir haben den Personalschlüssel erhöht und drei statt zwei Arbeitsschichten eingeführt, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten.

Oliver Marco Pohl, Leiter der Lebenshilfe Inseln

Dass die Betreuung von behinderten Sylt-Urlaubern um etwa 90 Prozent zurückgegangen ist und außerdem deutlich weniger Spenden fließen, sorgt für eine zusätzliche Belastung.

Allen Anstrengungen zum Trotz ist der Alltag daher kein einfacher, gerade auch in emotionaler Hinsicht: "Den Eingriff in ihre persönlichen Freiheiten haben einige Bewohner mit Verhaltensauffälligkeiten quittiert", sagt Oliver Marco Pohl, der es in diesen Zeiten als eine seiner zentralen Aufgaben sieht, "Bewohnern wie Mitarbeitern Ängste zu nehmen".

Mimik durch die Masken nicht sichtbar

Doch das ist nicht immer einfach, gerade auch durch die Maskenpflicht: "Unsere Bewohnerinnen und Bewohner fassen alles emotional auf und es verunsichert sie, dass sie die Mimik der Betreuerinnen und Betreuer durch die Masken schwer deuten können." Kürzlich fragte Pohl einen Bewohner, was dieser sich zum Geburtstag wünsche. "Schaff bitte das doofe Corona ab", lautete die umgehende Replik.

Dass die Angehörigen der Bewohner für die Corona-Einschränkungen großes Verständnis zeigen, freut den Lebenshilfe-Geschäftsführer ebenso sehr wie das tatkräftige Engagement seines Teams. "Es läuft wirklich ganz prima, wobei sich jeder auf den anderen verlassen kann.

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