Grönland

Zwangsverhütung: Immer mehr Frauen klagen gegen dänischen Staat

Zwangsverhütung: Immer mehr Frauen klagen gegen dänischen Staat

Zwangsverhütung: 143 Frauen klagen gegen dänischen Staat

Lorcan Mensing & Ritzau
Kopenhagen
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Die Hälfte aller fruchtbaren Frauen der arktischen Insel soll in den 1960er und 1970er Jahren betroffen gewesen sein. Foto: Emil Helms/Ritzau Scanpix

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Die dänische Kolonialmacht ließ Grönländerinnen zwischen 1966 und 1975 gegen ihren Willen Spiralen zur Empfängnisverhütung einsetzen. 143 der betroffenen Frauen verklagen Dänemark nun wegen der Verletzung der Menschenrechte. Eine grönländische Arbeitsgruppe, die sich dafür einsetzt, die Übergriffe durch den dänischen Staat aufzudecken, wurde kürzlich vom Rat für Menschenrechte mit dem Menschenrechtspreis 2023 ausgezeichnet.

Die Vergangenheit des stets als so gemütlich beschriebenen „Hygge-Dänemarks“ ist nicht so rosig, wie viele denken – zumindest dann nicht, wenn ein Blick auf die koloniale Vergangenheit des Landes geworfen wird. 

Erst kürzlich hat sich Staatsministerin Mette Frederiksen bei mehreren Grönländerinnen und Grönländern dafür entschuldigt, dass sie als Kinder in den Fünfzigerjahren nach Dänemark zwangsadoptiert wurden. Neben der Verschleppung von Kindern aus ihrer arktischen Heimat soll Dänemark grönländischen Frauen zwischen 1966 und 1975, um die Geburtenrate zu senken, systematisch Spiralen zur Empfängnisverhütung eingesetzt haben. Als Begründung wurden vom dänischen Staat angeblich die Befürchtungen vor höheren Kosten für Kindertagesstätten, Schulen oder Kliniken in Grönland herangezogen. 

Eine Untersuchung des Falls wurde 2023 von der grönländischen Regierung, Naalakkersuisut, und der dänischen Regierung eingeleitet. Die noch laufenden Ermittlungen werden voraussichtlich im Jahr 2025 abgeschlossen sein.

143 Frauen fordern 43 Millionen Kronen als Schadensersatz

143 der grönländischen Frauen, denen in den 1960er und 1970er Jahren von dänischen Ärzten ungewollt Spiralen eingesetzt wurden, verklagen Dänemark wegen der Verletzung der Menschenrechte. Das berichtet das grönländische Medium „KNR“. Die Frauen fordern insgesamt 43 Millionen Kronen Schadensersatz. Dies tun sie, weil die dänische Regierung nicht auf die Schadensersatzforderung reagiert hat, die die Frauen im Oktober vergangenen Jahres eingereicht haben, berichtet das Medium. Hier forderten 67 Frauen jeweils 300.000 Kronen als Schadenersatz. Seitdem ist die Anzahl der Frauen auf 143 gestiegen.

Die grönländische Regierung Naalakkersuisut verlangt eine Untersuchung der Behandlungen, die darauf abzielten, die Geburtenrate auf Grönland zu senken. Foto: Lucas Jackson/Reuters/Ritzau Scanpix (Archiv)

Neuen Untersuchungen zufolge wurden überwiegend Schülerinnen des Landes im Alter von 14 oder 15 Jahren Spiralen bei Schulärzten implantiert. Insgesamt sind etwa 4.500 junge, gebährfähige Frauen der überwiegend indigenen Bevölkerung von den Zwangsverhütungsmaßnahmen betroffen gewesen. Viele der Frauen – damals zum großen Teil Kinder – seien Berichten zufolge sowohl physisch als auch psychisch traumatisiert worden. 

Es gibt keine Regierung, die entscheiden sollte, ob wir Kinder haben dürfen oder nicht.

Naja Lyberth

Mehrere grönländische Frauen haben sich inzwischen gewagt, öffentlich davon zu berichten, dass ihnen die Spirale ohne ihr Wissen eingesetzt wurden. Naja Lyberth bekam unter anderem, ohne ihre Zustimmung, als junges Mädchen eine Spirale von einem dänischen Arzt eingesetzt. Sie ist heute die Sprecherin der Frauen, die Schadensersatz fordern.

„Die Ältesten von uns sind über 80 Jahre alt, und deshalb können wir nicht länger warten. Solange wir leben, möchten wir unser Selbstwertgefühl und den Respekt für unsere Gebärmütter wiedererlangen. Es gibt keine Regierung, die entscheiden sollte, ob wir Kinder haben dürfen oder nicht“, sagt Naja Lyberth laut „KNR“.

Menschenrechtspreis für Naja Lyberth

Im Jahr 2017 brach Lyberth nach mehr als 40 Jahren ihr Schweigen, als sie in einem Facebook-Beitrag mitteilte, dass sie im Alter von 14 Jahren ohne ihre Zustimmung oder die ihrer Eltern eine Spirale eingesetzt bekommen hatte. Dieser Facebook-Beitrag legte den Grundstein für den Menschenrechtskampf, den sie nun seit mehreren Jahren gemeinsam mit anderen grönländischen Frauen führt.

Mit sieben weiteren Frauen bildete Lyberth zudem eine Arbeitsgruppe, um die Übergriffe aufzudecken, denen Tausende grönländische Frauen und Mädchen durch den dänischen Staat ausgesetzt waren. Lyberth und die Frauen der Arbeitsgruppe wurden am 26. Februar mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnet. 

Damals konntet ihr euch nicht wehren. Aber das tut ihr jetzt. Deshalb verdient ihr es, den Menschenrechtspreis 2023 zu erhalten.

Rasmus Grue Kristensen

Der Preis wird jährlich vom Rat für Menschenrechte in Dänemark verliehen, der dem Institut für Menschenrechte in Kopenhagen angegliedert ist. Es handelt sich hierbei um einen unabhängigen Rat, der aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen, Vereine, Räte, Parteien und Ministerien in Dänemark besteht. 

„Nun sind wir ganz besonders motiviert, für unsere Sache zu kämpfen, weil wichtige Personen, die sich mit Menschenrechten befassen, an uns glauben“, sagte Lyberth bei der Preisverleihung in Kopenhagen.

Ein Preis für die Stärke und den Mut der Frauen

Laut dem Institut für Menschenrechte sei es wichtig, die Frauen für ihren Mut zu ehren, den Menschenrechtskampf anzunehmen. Dies betonte der Vorsitzende des Rates für Menschenrechte in Dänemark, Rasmus Grue Kristensen, in seiner Ansprache an die Frauen.

„Der Rat für Menschenrechte in Dänemark vergibt den Preis für eure Stärke und euren Mut, die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, denen der dänische Staat euch in den 1960er und 1970er Jahren ausgesetzt hat. Damals konntet ihr euch nicht wehren. Aber das tut ihr jetzt. Deshalb verdient ihr es, den Menschenrechtspreis 2023 zu erhalten“, so Kristensen.

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