Diese Woche in Kopenhagen

„Sommerballons“

Sommerballons

Sommerballons

Kopenhagen
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Die Sommerruhe hat sich über die „Burg“ gesenkt, und Walter Turnowsky hält daher nach politischen Versuchsballons Ausschau. Die kommenden Wochen wird er dies jedoch vom Strandtuch aus tun.

Es ist still geworden auf den Gängen von Christiansborg. Kaum hatte der Untersuchungsausschuss des Folketings (Granskningsudvalget) endgültig den Bericht der Mink-Kommission am 5. Juli beraten, verschwanden die Politikerinnen und Politiker in den Sommerurlaub.

Einige hatten bereits vorher schon die Ferien ein wenig eingeleitet: Die Vertreterin der Sozialistischen Volkspartei und der Vertreter der Radikalen waren nur mehr virtuell bei der Ausschusssitzung dabei. So wichtig war ihnen die so ernste Kritik an der Regierung dann offenbar auch wieder nicht.

Auch ich habe es vorgezogen, statt über die verödeten Gänge der Burg zu wandeln, in den vergangenen Tagen vom Ferienhaus aus zu arbeiten, bin also diese Woche sozusagen auch nur noch virtuell in Kopenhagen. Die Arbeitstage können dann als Aufwärmübung für den Urlaub dienen, den ich, während du diese Zeilen liest, bereits angetreten habe.

Ein paar Lockerungsübungen dieser Art hat am Mittwoch auch der Venstre-Häuptling Jakob Ellemann-Jensen durchgeführt. Allerdings ging es ihm weniger um die Vorbereitung auf die Ferien, sondern um die Wahl, die irgendwann, wenn wir die Strandtücher wieder eingerollt haben und aus dem Ferienhaus, von Kreta, aus der Toskana oder dem Schwarzwald wieder zurück sind, stattfinden wird.

Ellemann und zwei seiner Venstre-Kollegen erklärten, sie würden dann, also während des Wahlkampfes, nicht auf einer Abschaffung der Arne-Rente bestehen. Ein wenig überraschend, hatte die liberale Partei doch bisher gegen die Vorruhestandsregelung gewettert, sie würde dem Arbeitsmarkt kerngesunde Arbeitskräfte entziehen.

Die Frage ist, wie sich dieser wundersame Wandel des Jakobs und seiner Apostel vom Arne-Saulus zum Arne-Paulus erklären lässt. Einen Hinweis finden wir in einer Umfrage von Kantar Gallup, die „Berlingske“ am Tag davor veröffentlicht hatte. Demnach sind 57 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Regelung und nur 21 Prozent dagegen. Selbst unter bürgerlichen Wählern wollen nur 43 die Regelung loswerden.

Nun wird Venstre selbstverständlich nicht von einem Tag auf den anderen wegen einer einzelnen Umfrage ihre Politik umkrempeln. Aber sämtliche Parteien führen im Vorfeld der Wahl ihre eigenen Analysen und Umfragen durch. Und da war wohl klar: Mit der Abschaffung der Arne-Rente kannst du keinen Blumentopf, keinen Ballon und schon gar keine Wahl gewinnen. Womit Ellemann nun tatsächlich die Wahl gewinnen will, ist noch etwas unklar, es dürfte jedoch etwas mit Freiheit sein.

Vielleicht hast du dich vor einem Augenblick gefragt, wie der Kolumnist plötzlich auf Ballons kommt. Das hängt damit zusammen, dass ich, um mich als gewiefter Polit-Fuchs zu geben, nach ihnen Ausschau halte, und zwar in der Form von Versuchsballons. Einen Versuchsballon lässt man steigen, um zu untersuchen, woher der Wind weht, bevor man beim eigentlichen Ballon die Vertäuung löst.

So machen es auch einige Politikerinnen und Politiker während der Sommerzeit, um eine – gute oder auch weniger gute – Idee zu testen. Weht der Wind aus der richtigen Richtung, kann an der Idee weitergearbeitet werden. Reißt ein Sturm den Ballon weg, braucht man ihn nicht zu suchen.

Dabei nutzen die Politikerinnen und Politiker geschickt, dass es nicht nur auf den Gängen von Borgen sehr still ist, sondern im politischen Geschehen insgesamt. Die politische Journalistin und der politische Journalist, die oder der immer verzweifelter versucht, über den Rand des Sommerloches zu spähen, ist daher dankbar, wenn plötzlich so ein Ballon über den Himmel schwebt.

Aber bislang ist noch nichts gewesen, denn Jakobs Ansage ist nicht als ein solcher Ballon zu werten. Persönlich überlasse ich jetzt, wie bereits erwähnt, das Spähen den Kolleginnen und Kollegen. Häufig kann das ganz ertragreich sein, auch wenn wir es im Laufe eines Sommers noch nie auf 99 Ballons gebracht haben – aber in einer guten Saison können es schon einige werden.

Allerdings werden die Parteispitzen mit der nahenden Wahl eher vorsichtig sein, diverse Ballons in alle Himmelsrichtungen zu schicken. Dafür könnten aus genau demselben Grund hoffnungsfrohe Politikerinnen und Politiker auf den hinteren Rängen versucht sein, einen knallroten, quietschgelben oder cyanblauen Ballon steigen zu lassen. Auch in Nordschleswig haben wir ein paar von der Sorte.

Ich werde mir dann im August ansehen, wo der Wind sie hingetragen hat – also die Ballons, nicht die Politiker.

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Henning Kracht
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