Diese Woche in Kopenhagen

„Fünf Jahre Mecker-Recht gibt es am Sonntag im Sonderangebot“

Fünf Jahre Mecker-Recht gibt es am Sonntag im Sonderangebot

Fünf Jahre Mecker-Recht gibt es am Sonntag im Sonderangebot

Kopenhagen
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Es gibt vieles an der EU, was man kritisieren kann und soll. Wer jedoch keine Lust hat zur Wahl zu gehen, sollte nachher nicht schlau über die EU daherreden, meint Walter Turnowsky.

So ein wenig lästern ist doch immer wieder einmal eine schöne Sache, wenn man mit Familie oder Freunden beisammen sitzt. Und je weiter eine Person oder eine Institution weg ist, umso schöner lässt es sich lästern.

Daher bietet sich als bevorzugtes Lästerobjekt immer wieder die Europäische Union im Allgemeinen und das Europaparlament im Besonderen an. Das ist alles irgendwo da unten in Brüssel (oder ist es in Wahrheit Straßburg?), und was die ganz genau machen, ist auch ein wenig unklar.

Wölfe und Strohhalme

Da war doch irgendetwas mit Pappstrohhalmen und mit Plastikkapseln für Sprudelflaschen. Und ist nicht eigentlich auch die EU schuld, wenn ein Wolf eine Schafherde gerissen hat?

Doch aufgepasst: Lästern, ohne seine Bürgerpflicht zu tun, ist nicht. Wer sich nicht die bescheidende Mühe macht, seinen Allerwertesten in Richtung Wahlkabine zu bewegen, um dort sein Kreuzchen zu machen, hat sein Mecker-Recht, was die EU anbelangt, für die kommenden fünf Jahre verloren. 

Wobei bei der Überlegung, wo das Kreuzchen hingehört, am besten ein Körperteil etwas weiter oben als der Allerwerteste eingeschaltet wird. Das könnte einem erzählen, dass der Wolf tatsächlich in der EU unter Artenschutz steht. Nach etwas mehr Arbeit könne es vielleicht auch draufkommen, dass sich Schafherden mit wolfssicheren Zäunen schützen lassen und das Raubtier Menschen am liebsten aus dem Weg geht – außer bei den Gebrüdern Grimm. 

Regeln für die Techgiganten

Und ja, das EU-Parlament hat auch die Entscheidungen gegen Plastik in der Natur getroffen. Ist man der Ansicht, es solle sich mit solchen „Kleinigkeiten“ nicht befassen, gibt es gleich mehrere Parteien, bei den man sein Kreuzchen machen möchte. Also ist auch bei diesen Fragen das Sofa keine Alternative zur Wahlkabine.

Soll die EU bestimmen, wie viel Frucht in die Marmelade gehört? Darüber wird das neue Parlament entscheiden, schreibt „DR“. Im vergangenen Jahr hat es bestimmt, dass Facebook, TikTok und Co. die Verbreitung von Hass unterbinden müssen, um den Schutz von Minderjährigen zu stärken. Übrigens war eine dänische Abgeordnete, nämlich die Sozialdemokratin Christel Schaldemose, federführend bei dieser Arbeit. 

Wahlbeteiligung steigt

Wer also kritisieren möchte, die EU tut immer noch zu wenig, um die Techgiganten zu bändigen, hat das Recht dazu nur, wenn er oder sie wählen war. Und gleiches gilt, wenn man in die Diskussion bei der Familienfeier einstreuen möchte, sie schränke die Meinungsfreiheit in den sozialen Medien zu stark ein. 

Überhaupt gibt es kaum einen Bereich, bei dem die EU nicht mitmischt. Und viele dieser Fragen betreffen unseren Alltag – und eben nicht irgendwelche Bürokraten in Brüssel. 

Immer mehr Menschen haben in Dänemark die Bedeutung des EU-Parlaments mitbekommen. Vor fünf Jahren lag die Wahlbeteiligung am oberen Ende der Mitgliedsstaaten. Neben dem Mecker-Recht ist hier vielleicht ein weiterer Grund hinzugehen. Wer möchte schon betreten schweigen müssen, wenn alle anderen sagen, dass sie selbstverständlich bei der Wahl waren. 

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Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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