Folkemødet 2018

Große Politik und Protestkultur hautnah: „Volkstreffen“ auf Bornholm

Große Politik und Protestkultur hautnah: „Volkstreffen“ auf Bornholm

Große Politik und Protestkultur hautnah: „Volkstreffen“ auf Bornholm

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Allinge
Zuletzt aktualisiert um:
Nackte Tatsachen unter bald verbotenen Burkas: Protest gegen „Symbolpolitik“. Foto: Ólafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix

Zum achten Mal treffen sich in Allinge auf Bornholm dieser Tage ganz normale Bürger mit Führungspersönlichkeiten aus allen Gesellschaftsbereichen – vor allem aus der Politik. Jedes Jahr ist das „Volkstreffen“ Austragungsort kontroverser Debatten und kreativer Proteste.

Als einen „Livetest von Meinungen und Ideen“ hat die heutige EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager (Radikale Venstre) das Volkstreffen (Folkemødet) auf Bornholm einmal bezeichnet. Rund 100.000 Besucher kommen zu den vier Tagen nach Allinge, um Politik – und Lobbyismus – zum Anfassen zu erleben.

Die Vorsitzenden aller im Folketing vertretenen Parteien sprechen traditionell auf der großen Bühne, dieses Jahr also unter anderem Regierungschef Lars Løkke Rasmussen (Venstre), seine sozialdemokratische Herausforderin Mette Frederiksen und der dänische Außenminister Anders Samuelsen von der Liberalen Allianz. Alle Parteien und zahlreiche Verbände und Unternehmen nutzen die vier Tage, um bei Diskussionsrunden, Workshops und anderen Treffen auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen.

Interessenverbände entdecken Allinge

Zunehmend nehmen auch Privatunternehmen und Wirtschaftsverbände die Reise nach Bornholm auf sich. Im vergangenen Jahr, das ergab laut Nachrichtenagentur Ritzau eine Untersuchung des PR-Büros Operate, waren 40 Prozent aller Besucher in Allinge nicht aus privaten – sondern aus beruflichen Interessen angereist.

„Ich finde es doch fantastisch, dass wir sowohl Herrn und Frau Kofoed anziehen als auch viele Menschen, die die Richtung für das Dänemark der Zukunft abstecken“, sagt der Veranstaltungsdirektor Mads Akselbo Holm zu Ritzau. Auch der aus Randershof in Nordschleswig stammende Folketings-Veteran Bertel Haarder (Venstre), der das Volkstreffen einst mit initiierte, sieht das so. „Das passt meiner Meinung nach gut zum Grundgedanken des Volkstreffens, dass alle Meinungen und Ansichten die Möglichkeit haben sollen, vertreten zu sein“, sagt er. Und außerdem würden die Interessenvertreter ja auch nicht die ganze Zeit nur ihrer Arbeit nachgehen.

Kulturministerin Mette Bock (Liberale Allianz) meint, dass die Bürger ja auch deshalb nach Allinge kämen, eben weil sie auf die Entscheidungsträger und Interessenvertreter treffen wollten. „Diese kurze Distanz zur Macht ist doch genau das einzigartige am Volkstreffen und deshalb braucht es diesen Mix mit Übergewicht bei denen, die kein berufliches Interesse verfolgen“, sagt sie.

Vorbild des Folkemøde ist die schwedische Almedalwoche (Almedalsveckan) auf der Ostseeinsel Gotland, die dort seit 50 Jahren abgehalten wird.

Ein letztes Mal Burkas in Dänemark?

Am ersten Tag des Volkstreffens 2018 bekamen die Besucher unter anderem die Protestaktion einer Gruppe zu sehen, die sich gegen das Burkaverbot in Dänemark richtete und bei der die Teilnehmer in Burkas gehüllt – aber darunter nackt waren.

Vom 1. August an wäre ihnen dieser Auftritt wohl nicht mehr möglich gewesen – dann nämlich tritt das Vermummungsverbot in Dänemark in Kraft. Doch wie sollte die Polizei dann reagieren, fragen die Aktivisten. Denn wenn Polizisten die Burka-Träger darum bitten würden, die Burka abzulegen, würden die Aktivisten nackt dastehen. Und auch dies ist verboten.

Mehr lesen