100 Jahre Deutsche MInderheit

Teil 2: Knochenschnitzereien aus dem Faarhuslager

Hauke Grella
Nordschleswig
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Aus Rinderknochen stellten die Internierten filigrane Gegenstände her. Foto: Marco Freitag

Nagelreiniger, Brieföffner, Löffel und Gabeln, Anhänger oder Armreife: Aus Rinderknochen schnitzten Insassen des Faarhuslagers vielfältige kleine Kunstwerke. Denn es galt, die Zeit zu vertreiben.

Faarhus-Frøslev


Schon seit dem Jahr 1944 existierte an dem Ort ein Internierungslager unter dem Namen Fröslee-Lager/Frøslevlejren. Mit der Einrichtung des Fröslee-Lagers versuchte man von dänischer Seite, die Deportation von Dänen in die deutschen Konzentrationslager zu verhindern.

Am 5. Mai 1945 wurde Dänemark offiziell von der deutschen Besatzungsmacht befreit. Danach begann ein Prozess, der die Geschehnisse während der fünfjährigen Besatzungszeit aufarbeiten sollte. Für den Zweck der Inhaftierung von Landesverrätern wurde in Dänemark eine Anzahl von Strafanstalten errichtet. So auch das Faarhus-Lager in der Nähe von Pattburg/Padborg. Die Gefangenen dieses Lagers waren zum größten Teil Angehörige der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

Nach der Volksabstimmung 1920 war es das Ziel der deutschen Minderheit, einen erneuten Anschluss Nordschleswigs an Deutschland zu erwirken. Um dies zu erreichen, setzte man auf einen starken „Zusammenarbeitspartner“ im Süden, die Nationalsozialisten. Demensprechend setzte ein Prozess der Nazifizierung und der Gleichschaltung innerhalb der deutschen Minderheit nach reichsdeutschem Vorbild ein. Ein Prozess, der mit der Besetzung Dänemarks durch Deutschland am 9. April 1940 noch weitergeführt wurde. Über 2.000 Angehörige der deutschen Minderheit meldeten sich für den deutschen Kriegsdienst. Weitere Minderheitenangehörige stellten sich in Dänemark für bewaffnete Korps zur Verfügung. Diese Teilnahme führte dann mit Ende des Krieges zu einer umfassenden rechtlichen Abrechnung der Geschehnisse und der Inhaftierung von Angehörigen der deutschen Minderheit.

Um es gleich vorwegzunehmen, die Inhaftierung der Angehörigen der deutschen Minderheit in Dänemark und die Rechtsabrechnung in Dänemark nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht zu vergleichen mit den Ereignissen in vielen anderen Ländern Europas. So gab es weder eine kollektive Verurteilung, Vertreibung, noch wurde ihnen nach dem Leben getrachtet. Trotzdem gab es gerade in der Anfangszeit der Inhaftierung Klagen über die Behandlung der Gefangenen im Faarhus-Lager. Geklagt wurde unter anderem über Ton- und Wortwahl, Drohungen gegen Leib und Leben, Strafexerzieren, allgemeine Gewalt, nicht ausreichende Verpflegung, Diebstähle und Schießereien.

Diese Klagen fielen in die Anfangszeit der Inhaftierung und lassen sich zum Teil damit erklären, dass in dieser Zeit das Lager vom dänischen Widerstandskommando geführt wurde. Erst mit der Aburteilung der Gefangenen wurden diese in die Obhut des allgemeinen dänischen Gefängniswesens überführt. Auch scheint bei einigen Klagen die Perspektive nicht unerheblich zu sein. Ein Bauer, der bis zur Gefangennahme an seinem heimischen Esstisch Platz nahm, wird über die Verpflegung im Lager anders geurteilt haben, als ein Soldat, der direkt von den letzten Kriegshandlungen in das Lager kam. Nichtsdestotrotz waren einige der Klagen aus der Anfangszeit wohl begründet.

Foto: Marco Freitag

Die Gefangenen wurden zu verschiedenen Arbeitsdiensten herangezogen. In der Großküche des Lagers fanden die meisten Gefangenen ihre Beschäftigung. Neben den Arbeitsdiensten ging man unterschiedlichen Beschäftigungen nach. So wurde unter anderem viel gelesen, werden Brettspiele und Skat gespielt. Viele versuchten, die Zeit zu nutzen und bildeten sich weiter.

Nach Überlieferung von Inhaftierten boten kundige Mitgefangene, zum Teil auch vom Beruf her Lehrer, unterschiedliche Unterrichtsangebote an. Dies konnte unter anderem die Unterweisung in Fremdsprachen oder der Mathematik sein. Zum Zeitvertreib führten einige auch ihre Zauberkünste auf, oder man sang am Abend deutsche Volkslieder. Auch künstlerisch wurde sich betätigt. Mitgefangene Künstler brachten anderen das Malen und das Schnitzen von Holz bei.

Als Grundmaterial für das Schnitzen wurden später auch Rinderknochen genutzt. Die möglichst großen Rinderknochen wurden in der Lagerküche abgekocht. Danach wurden die Knochen auf Länge aufgesägt. Um die Platten plan zu bekommen, wurden sie dann auf Zementboden geschliffen. Nach dem Schleifen wurden die Muster auf die Platten übertragen und dann grob ausgesägt. Dann begann, mit „organisiertem“ Werkzeug, die Feinarbeit. Die Verzierungen mussten herausgearbeitet werden. Wenn dies ohne Brechen der teils harten und spröden Knochen gelang, wurden die Schnitzereien dann mit Zahnbürste und Pasta poliert.

Aus den Rinderknochen wurden viele unterschiedliche Gegenstände hergestellt. Unter anderem Nagelreiniger, Brieföffner, Löffel und Gabeln. Oftmals waren die Knochenschnitzereien auch als Geschenk für Familienmitglieder gedacht. Dann waren es typischerweise Anhänger, Armreife oder Ähnliches.

Betrachtet man die vielen Knochenschnitzereien, die im Deutschen Museum Nordschleswig abgeliefert wurden, so sticht ein Gegenstand besonders hervor. Es ist ein Stativ mit Punschstäben. Nicht nur die Verbindungen zwischen den Einzelteilen sind bemerkenswert, sondern auch die filigran gearbeiteten Enden der Punschstäbe.

Foto: Marco Freitag

Alle zwölf Punschstäbe sind am Ende mit Tieren verziert. So sind unter anderem Hase, Eichhörnchen, Fuchs, Specht und eine Eule zu sehen. Die Tierfiguren sind nicht größer als zwei Zentimeter. Erstellt wurde das Stativ mit Punschstäben von Kurt Mahler aus Apenrade. Neben dem Stativ liegen noch viele weitere Knochenschnitzereien, von ihm und auch von anderen Gefangenen, in der Sammlung des Deutschen Museums Nordschleswig. Die Besonderheit bei Kurt Mahler ist aber die Tatsache, dass er nicht nur sehr künstlerisch ansprechende Schnitzereien, sondern auch für viele seiner Mitgefangenen die Skizzen und Vorlagen für deren Knochenschnitzereien erstellt hat. Eine Sammlung dieser Vorlagen kann auch in der Ausstellung des Museums betrachtet werden.

Ist die Inhaftierung im Faarhus-Lager nicht ohne Grund und sind die Begleiterscheinungen nicht immer leicht gewesen, ob für die Inhaftierten oder dessen Angehörige zu Hause, so zeigen gerade die Schnitzereien, dass auch aus einer misslichen Situation etwas Schönes entstehen kann.

Der Artikel ist bereits im Magazin "Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden" erschienen.

Foto: BDN
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