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Schleswig-Holsteinische Erhebung und wie der Kiers-Hof zu seinem Namen kam

Schleswig-Holsteinische Erhebung und wie der Kiers-Hof zu seinem Namen kam

Wie der Kiers-Hof zu seinem Namen kam

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Nordschleswig
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Der Kiers-Hof in Hoyer – das Gebäude stammte aus dem Jahr 1759, aber schon seit dem 15. Jahrhundert stand an selber Stelle ein Hof. Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Museumsgegenstände werden oft erst besonders durch die Geschichte, die dahintersteckt / So auch das Foto der Gebrüder Kier mit ihren Ehefrauen

Mit den modernen technischen Möglichkeiten stellen Fotografien für uns heutzutage nichts Besonderes mehr dar. Auch die gezeigte Fotografie und dessen Motiv würde heute nichts Besonderes darstellen. Es zeigt zwei Brüder in Uniform, zusammen mit ihren Ehefrauen.
Besonders wird dieses Foto durch den Zeitpunkt und die Geschichte, die sich hinter der Aufnahme verbirgt. Sie stammt aus dem Jahr 1850 und wurde mit dem ersten kommerziellen Fotografie-Verfahren, der Daguerreotypie, erstellt. Da die Technologie noch verhältnismäßig neu war, sie wurde 1839 eingeführt, stellen Fotografien aus der Zeit, auch elf Jahre danach, etwas Besonderes dar.

Noch interessanter wird die Fotografie, wenn man die Geschichte dahinter erfährt. Gezeigt werden Christiane Kier, geborene Todsen, und ihr Mann Johann Ernst Kier sowie Marie Kier, geborene Roll, mit ihrem Mann Bernhard Kier. Die beiden Männer sind Brüder. Beide tragen sie eine Uniform der Schleswig-Holsteinischen Marine. Johann Ernst Kier die Uniform eines Leutnants zur See 1. Klasse und Bernhard Kier die eines Fähnrichs zur See. Wir befinden uns also mitten in der Geschichte der Schleswig-Holsteinischen Erhebung und in der Geschichte einer deutsch-nordschleswigschen Familie.

Auch der Vater der Brüder ist in die Geschehnisse der Schleswig-Holsteinischen Erhebung eingebunden. Otto Kier, ein 1792 in Hadersleben geborener Rechtsanwalt, wird 1848 von der provisorischen schleswig-holsteinischen Regierung zum Bürgermeister von Hadersleben erklärt. Dieses Amt hatte er bis zum März 1850 inne.

1849 entsandten die Schleswig-Holsteiner fünf Kanonenboote durch den Eider-Kanal in die Nordsee. Dies unter der Führung von Johann Ernst Kier. Ihr Auftrag war es, die nordfriesischen Inseln zu besetzen. Ohne größere Gefechte konnten, bis auf Amrum und Fanø, die Inseln besetzt werden. Die Kanonenboote blieben dann in der Umgebung, um weitere dänische Aktivitäten zu verhindern.

Daguerreotypie Gebrüder Kier mit Ehefrauen um 1850 Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Während dieser Zeit muss Johann Ernst Kier mit einem seiner Kanonenboote auch bei Hoyer/Højer vor Anker gegangen sein. Dabei lernte er Christiane Todsen kennen.

Ihr Vater war Pächter eines Hofes in Hoyer. Das Gebäude stammte aus dem Jahr 1759, aber schon seit dem 15. Jahrhundert stand an selber Stelle ein Hof. Primäre Aktivitäten waren die Landwirtschaft und die Austern-Fischerei. Aber auch als Verladeplatz hatte er seine Bedeutung. Vom Hof aus wurden Rinder nach Holland verschifft. Zurück kamen Tabak, Kacheln und Möbel. Mit der Verlegung des Hoyeraner Hafens an die Wiedau verlor aber der Hof seine Bedeutung als Verladeplatz.

Noch im selben Jahr, im Oktober 1849, kam es zur Hochzeit zwischen Christiane Todsen und Johann Ernst Kier. Später übernahmen die beiden den Hof, womit er seinen bis heute bestehenden Namen erhielt: Kiers Hof/Kiers Gaard. Viele Jahre blieb der Hof in Familienbesitz. 1973 aber verkaufte sie den Hof an die Kommune Hoyer und das Amt Nordschleswig. Heute dient die „selvejende Institution“ als Zentrum für Kunst und Kunsthandwerk.

Bekanntlich war der Kriegsverlauf ein negativer für die Schleswig-Holsteiner. Ende September/Anfang Oktober 1850 versuchte man, die Festung Friedrichstadt zu erobern. Unter dem Kommando von Johann Ernst Kier nahmen auch die Kanonenboote daran teil. Trotz der Bombardierung durch die Kanonenschiffe konnte die Festung nicht eingenommen werden. Johann Ernst Kier wurde bei den Kampfhandlungen verwundet.

Nach Beendigung des Krieges wurde er im Juli 1851 aus dem Dienst entlassen. Danach setzt er seine Karriere in der Handelsschifffahrt fort. 1871 stirbt er auf einer Schiffsreise.

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