Bonn-Kopenhagener Erklärungen

Deutsche und dänische Minderheit als Brückenbauerinnen in der Ukraine?

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Gösta Toft
FUEN-Vizepräsident Gösta Toft meint, die Dachorganisation europäischer Minderheiten kann die zentrale Rolle als Vermittlerin einnehmen, um alle an einen Tisch zu bringen – aber es braucht Geld.

Wie kann das Miteinander im deutsch-dänischen Grenzland Hoffnung für die Ukraine geben? Wo Minderheiten heute in Frieden leben, war einst Konflikt. Kann dieses Modell helfen, Vertrauen und Zusammenhalt auch in der Ukraine zu stärken?

Wenn im deutsch-dänischen Grenzland das Minderheitenmodell und die Bonn-Kopenhagener Erklärungen gefeiert werden, geht es nicht nur um festliche Worte. Die gelebte Vorbildfunktion verpflichtet – davon ist Benny Engelbrecht (Soc.), Vorsitzender des Südschleswig-Ausschusses im dänischen Folketing, überzeugt.

„Weil es uns gelungen ist, in einem früheren Konfliktgebiet friedliches Zusammenleben zu schaffen, haben wir auch die Verantwortung, diese Erfahrung weiterzugeben“, sagt er dem „Nordschleswiger“.

Engelbrecht denkt dabei konkret an die Ukraine – ein Land mit über hundert Minderheiten. Schon vor zwei Jahren schlug er vor, die deutsche und die dänische Minderheit sollten sich auf einen Einsatz nach einem möglichen Friedensschluss vorbereiten. Jetzt hält er den Zeitpunkt für gekommen, die Idee neu zu beleben.

„Wir sollten unser Wissen anbieten – aber auch ehrlich sagen: Der Weg vom Krieg zum Miteinander braucht Zeit.“

Vielfalt und Herausforderungen in der Ukraine

Ein Blick auf die gesellschaftliche Vielfalt der Ukraine zeigt die Komplexität: Rund ein Fünftel der Bevölkerung gehört einer nationalen Minderheit oder Sprachgruppe an – darunter Ungarn, Griechen, Roma oder Krimtataren.

„Die Lebensbedingungen dieser Gruppen unterscheiden sich je nach Region erheblich“, erklärt Gösta Toft, Vizepräsident der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN).

Seit dem russischen Angriff im Februar 2022 sei die Arbeit zur Stärkung von Minderheitenrechten nahezu zum Erliegen gekommen. „Derzeit geht es der Ukraine vor allem ums Überleben“, sagt Toft. Doch auch Minderheitenangehörige würden solidarisch an der Front kämpfen.

Toft und die FUEN richten ihren Blick bereits auf den Wiederaufbau. „Wenn die Ukraine ein stabiler, demokratischer Staat werden will, müssen die Minderheiten eine zentrale Rolle spielen“, betont er. Auch eine Annäherung an die EU sei nur möglich, wenn Minderheitenrechte gelebt werden.

Ein Modell mit Vorbildcharakter

Das deutsch-dänische Modell könne hier als Beispiel dienen, meint Toft – wenngleich nicht alles übertragbar sei. Was das Modell hier im Grenzland ausmacht, hat Minderheitenforscher Jørgen Kühl von der Universität Flensburg (Flensborg) untersucht.

Drei zentrale Elemente hebt er hervor:

Minderheitenforscher Jørgen Kühl hat das deutsch-dänische Minderheitenmodell untersucht, um herauszufinden, welche Elemente auch für Minderheiten in der Ukraine funktionieren könnten.

1. Grenzabstimmung von 1920:

Die friedliche Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg war Teil eines umfassenden Friedensprozesses. Eine Übertragung auf heutige Konflikte wie auf der Krim hält Kühl für irreführend: „Dort agiert Russland als Aggressor.“

2. Bonn-Kopenhagener Erklärungen (1955):

Das Abkommen garantiert nicht nur Rechte, sondern verpflichtet Deutschland und Dänemark zur aktiven Förderung der Minderheiten. „Solche Vereinbarungen sind derzeit nur mit befreundeten Staaten denkbar“, so Kühl. Aber die habe die Ukraine – „Polen zum Beispiel.“

3. Staatlich geförderte Bildungssysteme:

Das staatlich finanzierte Bildungswesen erlaubt es den Minderheiten, Sprache, Kultur und Identität eigenständig zu pflegen. Dieses Modell kann dort helfen, wo demokratische Strukturen und Kooperation vorhanden sind.

Grenzen der Übertragbarkeit

Die Voraussetzungen im deutsch-dänischen Grenzland – stabile Demokratien, geringe Konfliktpotenziale, gegenseitige Anerkennung – sind in vielen Regionen der Ukraine nicht gegeben. Mit rund 130 Gruppen sei die Lage dort deutlich komplexer. Zudem würden besonders russischsprachige Minderheiten von Russland politisch instrumentalisiert.

Erste Eindrücke aus der Praxis

Erfahrungen vor Ort hat Harro Hallmann, Kommunikationschef des Bundes Deutscher Nordschleswiger, schon vor dem Krieg gesammelt. Er war – wie auch Glsta Toft – im Rahmen einer EU-Mission in der Ukraine.

„Besonders beeindruckend war der respektvolle Umgang in unserer Delegation – ganz anders als das Verhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitsgruppen in der Ukraine“, erinnert er sich.

Harro Hallmann während der Mission in der Ukraine

Für künftige Einsätze sei es wichtig, das gleichberechtigte Miteinander im Grenzland erlebbar zu machen – etwa durch Delegationsbesuche.

Minderheitenpolitik braucht Ressourcen

Zum Schluss richtet Toft einen Appell an Politik und Gesellschaft: Die Minderheitenfrage sei zentral für den Frieden in der Ukraine. Die FUEN wolle als Vermittlerin auftreten und bringe dafür ein starkes Netzwerk mit – aber es benötige finanzielle Mittel. „Wenn unsere Projekte nicht gefördert werden, sind uns die Hände gebunden.“

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