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70 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen: Drei Generationen blicken zurück

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Elsbeth „Elli“ Kardel Knutz (links), Lorenz Feddersen, Mia Nasima Gregersen

Seit 1955 sichern die Bonn-Kopenhagener Erklärungen die Rechte der Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland. Drei Generationen berichten von ihrem Aufwachsen in Nordschleswig – und zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen der deutschen Minderheit und dänischen Mehrheitsgesellschaft im Alltag wandelte.

Mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen wurde vor 70 Jahren ein Meilenstein für das friedliche Zusammenleben der deutschen Minderheit mit der dänischen Mehrheitsgesellschaft in Nordschleswig gesetzt. Was einst von Spannungen und Abgrenzung geprägt war, entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem Modell der Zusammenarbeit und des kulturellen Austauschs. Wie sich das Leben in der Minderheit im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, berichten zwei Zeitzeuginnen und ein Zeitzeuge dem Nordschleswiger

Elli Kardel Knutz: Zwischen Heimatgefühl und Distanz

Elli Kardel Knutz' Erinnerungen an ihre Jugendjahre sind zwiegespalten.

Als eines von fünf Geschwistern wächst Elli – 1938 in Flensburg geboren – in Apenrade auf. Beide Elternteile sind deutsche Muttersprachler und verlebten ihre Jugend in Nordschleswig, als die Region noch Teil Preußens war.

„Ich habe einzelne Erinnerungsblitze an diese Zeit“, sagt Elli. Ganz klar sind die Bilder von einem Tag im Jahr 1945, der ihr Leben nachhaltig prägen sollte: „Ich erinnere mich daran, dass die Polizei kam und mein Bruder loslaufen musste, um meinen Vater nach Hause zu holen.“ Die Beamten nehmen den Familienvater, Harboe Kardel, mit – die folgenden Jahre verbringt er im Faarhuslager.

1945 soll es für Elli endlich losgehen: Die Einschulung in die Deutsche Bürgerschule in Apenrade steht an. Doch es kommt anders. Am ersten Schultag steht sie vor verschlossenen Türen. „Von da an war ich ein knappes Jahr zu Hause.“ Es folgt eine Übergangszeit in einer dänischen Schule: „Da war ich richtig glücklich – alles war gut“, erinnert sich Elli an ihre ersten Schultage.

„Dann erwachte die Minderheit langsam wieder, und 1947 öffnete die Deutsche Privatschule Apenrade.“

Die deutsche Schullaufbahn beginnt für Elli in der dritten Klasse – jedoch unter erschwerten Bedingungen: wenige Schülerinnen und Schüler, nur eine Lehrerin für die Klassenstufen drei bis sieben und keine Schulbücher.

In den folgenden Jahren müssen die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen dreimal die Lokalitäten wechseln. Die achte Klasse, Ellis letztes Schuljahr, kommen die Schülerinnen und Schüler in jenen Räumlichkeiten unter, in denen sich heute der Kindergarten Jürgensgaard befindet.

Diese Zeit hat bei Elli Spuren hinterlassen: „Es gab keine feste Basis, und von der Minderheit kam keine Hilfe. So entwickelte sich bei mir eine Antipathie gegenüber der Minderheit.“

Auch zu Hause ist die Lage schwierig. Ihr Vater kehrt zwar 1948 aus der Internierung zurück, unterliegt zunächst aber einem Arbeitsverbot.

Ich hatte genug vom Deutschen!

Elli Kardel Knutz

Trotz der mitunter auch bedrückten Stimmung ihres Vaters genießt Elli ihre Freiheiten. „Als junger Mensch nimmt man die Dinge einfach so hin, aber man merkte, dass etwas nicht stimmte.“

Ellis Vater möchte seine Tochter am liebsten auf die Deutsche Nachschule in Tingleff schicken. Doch die Jugendliche weigert sich: „Ich hatte genug vom Deutschen!“ Elli entscheidet sich für einen anderen Weg, probiert viel aus, reist, und beginnt schlussendlich ihre Traum-Ausbildung als Krankenschwester.

Doch diese unterbricht sie – für die große Liebe.

Elli lernt einen in Kanada lebenden Nordschleswiger kennen, als dieser auf Heimatbesuch ist – und lässt sich auf das Abenteuer Ausland ein.

Zweieinhalb Jahre später kehr das Paar als kleine Familie in die Heimat zurück. Doch es verschlägt sie nicht nach Nordschleswig. „Wir wollten in Dänemark sein, aber nicht so viel mit der Minderheit zu tun haben“, gesteht sie. „Die ständigen Konflikte zwischen Deutsch und Dänisch hatten mich erschöpft.“

Ihren Kindern will sie ermöglichen, woran sie selbst die besten Erinnerungen hat: „Ich wollte, dass meine Kinder auf eine dänische Schule gehen.“ Für sie selbst hatte Deutschsein hauptsächlich Probleme bedeutet.

Ganz von der Minderheit verabschiedet hat sie sich jedoch nie. Elli ist Mitglied im Bund Deutscher Nordschleswiger, liest regelmäßig den „Nordschleswiger“ und nimmt an verschiedenen Veranstaltungen teil, etwa den Theaterfahrten des BDNs. „Es ist eine sehr starke Prägung da. Vor allem durch meinen Vater. Er hat die Minderheit geliebt, zu Hause drehte sich alles darum.“

Und natürlich gibt es da auch die schönen Erinnerungen an die Tage ihrer Kindheit und Jugend: Als junges Mädchen genießt sie die Ferien und Feste auf dem Knivsberg und treibt viel und gerne Sport. Nach der Schulzeit lebt sie einige Zeit in Berlin und in London. „Ich hatte alle Freiheiten und konnte nach der Schule frei entscheiden, welche Wege ich gehen wollte.“

Lorenz Feddersen: Weltoffener Europäer

Lorenz Feddersen ist in Lügumkloster (Løgumkloster) aufgewachsen, und hat die deutschen Institutionen durchlaufen. „Ich habe mich in der Minderheit immer wohlgefühlt“, sagt der 60-Jährige.

Mit einer deutschen Mutter und einem Nordschleswiger als Vater sei er mehr deutsch aufgewachsen, sagt er heute rückblickend. Besonders die kleinen Klassen „waren gemütlich und wir hatten einen guten Kontakt unter den Schülern und auch mit den Lehrern“, erzählt er.

Allerdings war ein enges Verhältnis zur Mehrheitsbevölkerung kaum vorhanden. So erinnere er sich an Sprüche von Gleichaltrigen: „Nazis wurde uns nachgerufen.“ Es sei auch zu Handgemengen gekommen. Jedoch seien solche Beschimpfungen – und als solche hat er es aufgefasst – nicht von den erwachsenen Däninnen und Dänen ausgegangen. „Das waren nur die anderen Jungs“, erinnert er sich.

So blieben Feddersen und seine Freunde unter sich. „Es war isoliert, aber das hat mich nicht gestört“, sagt er. Man habe es einfach so hingenommen, ohne darüber nachzudenken.

Ich bin offener anderem gegenüber.

Lorenz Feddersen

Doch das Aufwachsen habe ihn geprägt. „Ich bin offener anderem gegenüber“, sagt er. So hat sich Lorenz Feddersen bei der Jugendorganisation der Föderalistischen Organisation Europäischer Nationalitäten (FUEN) engagiert und war 1984 bei der Gründung der Jugend Europäischer Volksgruppen (JEV) auf dem Knivsberg dabei. Das passe mehr zu seinem Selbstverständnis: „Ich sehe mich vorrangig als Europäer“, sagt er heute.

Die Bonn-Kopenhagener-Erklärung habe er zwar im Unterricht behandelt, doch „einen direkten Einfluss habe ich nicht erkennen können“.

Nach dem Elektrotechnikstudium hat sich Lorenz Feddersen beruflich in der Windenergiebranche niedergelassen, hat unter anderem für Vestas gearbeitet, bevor er sich selbstständig gemacht hat. Sein Unternehmen hat sich auf Wechselrichter für die Windenergiebranche spezialisiert. Kürzlich hat er seine letzten Anteile verkauft und sich in den Ruhestand verabschiedet.

Mia Nasima Gregersen: Eine Kindheit voller Möglichkeiten

Für Mia Nasima Gregersen war das Aufwachsen in der deutschen Minderheit ein Privileg. „Ich hatte dadurch mehr Möglichkeiten als andere Kinder und Jugendliche, weil ich ein größeres Verständnis für unterschiedliche Kulturen entwickelt habe“, sagt sie rückblickend. Die Zweisprachigkeit und das Leben zwischen der dänischen und deutschen Kultur empfand sie als große Bereicherung. „Das Zusammenleben mit der dänischen Mehrheitsbevölkerung war sehr angenehm. Wir haben uns gut verstanden, und das war immer schön.“

Gregersen wurde in Bangladesch geboren und 1978 als Adoptivkind von dänischen Eltern in Rinkenis (Rinkenæs) aufgenommen. Obwohl ihre Eltern nicht zur deutschen Minderheit gehörten, wollten sie ihr die Möglichkeit geben, die deutsche Sprache zu lernen.

Besonders prägend waren für sie die Jahre im deutschen Kindergarten in Rinkenis und an der Förde-Schule. „Das war meine schönste Zeit“, erzählt sie. Die engagierten Lehrkräfte, der kreative Unterricht mit viel Musik und Sport sowie inspirierende Persönlichkeiten wie Schulleiter Manfred Ritter oder ihr damaliger Dänischlehrer Claus Evermann beeinflussten ihren Werdegang maßgeblich. „Beide haben mir sehr am Herzen gelegen. Claus Evermann sagte mir damals, ich solle Journalistin werden, weil ich gut im Schreiben sei – das habe ich mir zu Herzen genommen.“

Gregersen besuchte nach der 7. Klasse die Internationale Schule in Sonderburg (Sønderborg) und später die Handelsschule in Apenrade (Aabenraa). Ihr Weg führte sie über ein Marketing-Studium in den USA, die Handelsakademie in Wien und einen Spanisch-Kurs in Guatemala. In Aarhus machte sie eine Ausbildung zur zweisprachigen Korrespondentin und studierte Germanistik sowie Informationswissenschaft. Beruflich war sie unter anderem bei Eniro, Ekstra Bladet und dem Naturhistorischen Museum Aarhus tätig. Heute ist sie Direktorin bei Business Horsens und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Vertrieb, Kommunikation und Führung.

Mein Aufwachsen in der Minderheit hat mir sehr viel Positives mitgegeben – davon profitiere ich bis heute.

Mia Nasima Gregersen

Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen haben die deutsch-dänischen Beziehungen nachhaltig geprägt und den Rahmen für vielfältige Möglichkeiten geschaffen. Gregersens Lebensweg zeigt, wie kulturelle Offenheit und Mehrsprachigkeit individuelle Chancen erweitern können. Obwohl sie heute mit ihrer Familie in Skanderborg lebt und kaum noch Kontakt zur deutschen Minderheit hat, bleibt die Prägung aus ihrer Kindheit für sie bedeutsam: „Mein Aufwachsen in der Minderheit hat mir ganz viel Positives mitgegeben – davon profitiere ich bis heute“, sagt sie.

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