Kultur

Bücherbusse: Kitt für die Minderheit und internationales Bindeglied

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Bücherbusse laden alle ein, hereinzuschauen.

Bücherbusfahrerinnen und -fahrer bringen Bücher und mehr zu all jenen, die abseits der Städte und Standortbüchereien leben. Mehr als 200 Engagierte trafen sich zuletzt in Cuxhaven, darunter auch Bibliothekarinnen der Deutschen Zentralbücherei Apenrade. Warum das Ganze kein bloßer Lieferservice ist und wie die Zukunft der Gefährte aussehen könnte.

„Für uns Bücherbusfahrerinnen und -fahrer ist das nicht nur ein Job, sondern eine Passion." Das sagt Angelika Olzcak, die zwar erst seit Anfang diesen Jahres als Bücherbusfahrerin in Nordschleswig unterwegs ist, trotzdem aber schon mit viel Leidenschaft dabei.

Diese Leidenschaft verbindet wohl alle 220 Gäste des zweiten Internationalen Fahrbibliotheken-Kongress in Cuxhaven Anfang September. Aus 12 Nationen waren sie angereist, um sich über die Fortschritte, Probleme und Zukunft der Fahrbibliotheken auszutauschen. 20 Personen fuhren sogar mit ihren Bussen an: Kurze und lange, moderne und ältere, bunte und fast futuristisch anmutende Modelle gab es zu bestaunen. Mit dabei auch einer der Bücherbusse der Deutschen Zentralbücherei Apenrade (Aabenraa), begleitet von Bücherbusfahrerin Angelika Olzcak und Bibliothekarin Irina Bogovic.

Bei dem Kongress ging es um Austausch, Vernetzung und das Sichtbarmachen des Themas. Neben Bücherbusfahrerinnen und -fahrern und anderem Bibliothekspersonal waren auch Außenstehende eingeladen, sich die am Cuxhavener Hafen aufgereihten Busse anzuschauen und sich zu informieren. Denn Fahrbüchereien werden zu oft als wichtiger Teil des Kulturwesens übersehen und deswegen zu wenig gefördert, da waren sich zumindest die Gäste des Kongresses einig.

Am Cuxhavener Hafen waren alle 20 anwesenden Bücherbusse aufgereiht, hier einer aus Polen.
Am Cuxhavener Hafen waren alle 20 anwesenden Bücherbusse aufgereiht, hier einer aus Polen.

Bücherbusse sind speziell für die Menschen da, die sonst von vielen kulturellen Angeboten ausgeschlossen sind. Menschen, die weit auf dem Land leben oder auch Ältere, für die der Gang zu Bibliothek oder zu Veranstaltungen zu anstrengend ist. So wird ein Bücherbus zu mehr als einem Lieferservice – vielmehr zur Chance zur sozialen Interaktion.

Was wir machen, ist gelebte, direkte Demokratie.

Irina Bogovic, Bibliothekarin

Für kleine Gemeinschaften wie die deutsche Minderheit in Nordschleswig können sie besonders wichtig sein. Als „Sprachrohr, Bindeglied, Vermittler und Werbeträger“ bezeichnet Olzcak die fahrenden Büchereien, Irina Bogovic als „Kitt der Minderheit“. „Sie bringen die Minderheit zu den Leuten und sorgen so für ein Gefühl der Gemeinschaft und Anerkanntheit.“

Bücherbusse sind sehr beliebt

Die Bibliothekarin kennt sich besonders gut mit dem Thema aus. Sogar ihre Bachelorarbeit hat sie über die Fahrbüchereien geschrieben. Über die Ergebnisse sprach sie bei ihrem Vortrag auf dem Kongress, den sie zusammen mit Karl Fischer von der Dänischen Zentralbücherei für Südschleswig hielt. Das Grundfazit: Fahrbüchereien haben ein positives Image, sind sehr beliebt bei den Nutzenden.

Viele der Bücherbusse sind besonders bunt und kinderfreundlich gestaltet, um auch für die kleinsten Leseratten attraktiv zu sein.
Viele der Bücherbusse sind besonders bunt und kinderfreundlich gestaltet, um auch für die kleinsten Leseratten attraktiv zu sein.

Und das nicht nur in Dänemark: Die Teilnehmenden des Kongresses kamen aus Deutschland, Polen, Schweden und anderen europäischen Ländern – aber auch aus dem mittelamerikanischen Nicaragua. Dort sind die Bücherbusse über eine NGO komplett spendenfinanziert, werden aber von der repressiven Regierung behindert statt unterstützt.

Wohl auch, weil Kultur und Bildung bekanntlicherweise Demokratie stärken. Das sagt auch Irina Bogovic: „Was wir machen, ist gelebte, direkte Demokratie.“ Und das an Orten, die sonst nicht erreicht werden. Kostenlos, für alle zugänglich.

Allgemein waren sich die Teilnehmenden einig, dass Bürokratie und fehlende Finanzierung die größten Hürden für ihre Arbeit sind. Trotzdem machen sie sie alle gern. Eine Bücherbusfahrerin aus Estland ist zum Beispiel noch allein in der Branche in ihrem Land. Sie war laut Bogovic sehr glücklich über den Austausch mit Gleichgesinnten.

Irina Bogovic in der Zentralbücherei Apenrade
Irina Bogovic in der Zentralbücherei Apenrade

Engagement von Einzelnen

Denn egal, ob große Gemeinde oder Einzelkämpfer, ob gut finanziert oder um jeden Cent ringend: Die eine Sache, die alle Fahrbibliothekarinnen und -bibliothekare verbindet, ist die Leidenschaft für die Arbeit. Beeindruckt waren Angelika Olzcak und Irina Bogovic von der Geschichte eines polnischen Bücherbusfahrers. Beim ersten Fahrbüchereienkongress 2019 hatte es dort nur zwei Fahrbüchereien gegeben – bald sollen es durch sein Engagement 40 werden.

Karl Fischer und Irina Bogovic bei ihrem Vortrag in Cuxhaven
Karl Fischer und Irina Bogovic bei ihrem Vortrag in Cuxhaven

Von dem Kongress nehmen die Apenrader Bibliothekarinnen vielfältige Eindrücke, Kontakte, Ideen und Visonen mit – auch für ein neues Busmodell, das demnächst den älteren der zwei nordschleswigschen Bücherbusse ersetzen soll.

Was würden sich die Apenrade Bibliothekarinnen für eigene neue Busse wünschen? „Eine neue Regalabteilung und auch eine andere Sitzordnung, mit der man den Platz besser nutzt. Der Möglichkeiten gibt es wahnsinnig viele“, sagt Angelika Olzcak. Bei einer Betriebsfahrt nach Berlin schauen sie sich neue Modelle an. Wie lange es dann dauert, bis tatsächlich ein neues Fahrzeug auf dem Parkplatz der Zentralbücherei steht, ist noch offen.

Angelika Olzcak bei der Arbeit im nordschleswiger Bücherbus
Angelika Olzcak bei der Arbeit im nordschleswiger Bücherbus