Heimunterricht in Nordschleswig

Bildung ohne Schule: Wie die Kinder der Tillers lernen

Veröffentlicht Geändert
Vor drei Jahren entschieden sich Saskia Tiller und ihr Mann, nach Dänemark zu ziehen. Die flexiblen Lernmöglichkeiten waren der ausschlaggebende Grund dafür.

Wie viele deutsche Zugezogene in den nordschleswigschen Kommunen haben sich Saskia Tiller und ihr Mann für einen unkonventionellen Bildungsweg entschieden: Ihre Kinder gehen nicht in die Schule, sondern lernen zu Hause. Die Mutter dreier Mädchen erzählt, wie das aussieht und was sie angestoßen hat, damit ihre Töchter mit der dänischen Sprache vertraut werden.

„Mir ist es wichtig, dass meine Kinder ein Mitspracherecht haben und auf ihre individuellen Bedürfnisse eingegangen wird“, hebt Saskia Tiller ihre pädagogischen Grundsätze hervor. Seit August 2024 lebt die dreifache Mutter mit ihrer Familie in der Kommune Sonderburg. Ihre älteste Tochter ist sieben Jahre alt und wäre somit im schulpflichtigen Alter – in Deutschland. In Dänemark gibt es statt der Schul- die Bildungspflicht und damit einhergehend flexiblere Möglichkeiten, das eigene Kind zu unterrichten.

Saskias Siebenjährige geht nicht in die Schule – denn die Tillers wählten einen anderen Weg. „Wir begleiten unsere Töchter dabei, der eigenen Neugierde zu folgen und geben ihnen gleichzeitig Angebote, um Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlangen“, erklärt die gebürtige Brunsbüttelerin.

Bildungspflicht

In Dänemark beginnt die Bildungspflicht für Kinder im Alter von sechs Jahren. Anders als in vielen anderen Ländern gibt es jedoch keine feste Schulpflicht, die eine bestimmte Schulform vorschreibt. Das dänische System bestimmt nur, dass Kinder im schulpflichtigen Alter eine Bildung erhalten müssen.

Auch wenn Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, wird die Qualität der Bildung regelmäßig überprüft. Die zuständigen kommunalen Behörden sind verpflichtet, sicherzustellen, dass die Kinder die nötigen Lernziele erreichen. In der Regel finden solche Überprüfungen durch regelmäßige Tests und Prüfungen statt.

Quelle: Børne- og undervisningsministeriet

Mit den Möglichkeiten in Dänemark im Hinterkopf beschlossen die Tillers vor drei Jahren, in Dänemark sesshaft zu werden: „Wir konnten uns ein Leben hier gut vorstellen. Und die Voraussetzungen waren auch vorhanden.“ Dadurch, dass ihr Mann einen dänischen Arbeitgeber hat, waren die Startbedingungen in Nordschleswig gut. Und Neuland waren Land und Leute auch nicht. Ein weiterer wichtiger Punkt, der bei dieser Entscheidung ausschlaggebend war: Die Familie wollte den Bildungsweg für ihre Kinder offen halten.

Womit sie sich beschäftigen, dürfen die drei Mädchen mitbestimmen. „Ich mache Lernangebote und vertraue zusätzlich darauf, dass die Kinder aus intrinsischer Motivation heraus lernen möchten, Fragen stellen, ausprobieren und mit Ideen kommen, womit wir uns auseinandersetzen können. Auf die entsprechenden Themen gehen wir dann ein. Das ganze Leben ist ein Lernprozess, und der Alltag beinhaltet bereits so viele Lernfelder für unsere Kinder“, so Saskia.

Homeschooling in Sonderburg sehr beliebt

In der Kommune Sonderburg waren 2024 92 Mädchen und Jungen für den Heimunterricht angemeldet. Damit ist die Kommune Spitzenreiterin im Vergleich mit den anderen drei nordschleswigschen Kommunen.

Dabei sind 54 der 92 im Heimunterricht gemeldeten Kinder deutsch, wie die Kommune offenlegt. Der enorme Zuwachs sei eine Herausforderung und regelmäßige Hausbesuche könnten kaum gewährleistet werden, erklärte Marius Havemann Kissov Linnet, Schulkonsulent der Kommune Sonderburg, im vergangenen Jahr gegenüber dem „Nordschleswiger“. Familie Tiller hat bisher noch keinen Besuch erhalten.

Eltern, die sich für den Heimunterricht entscheiden, müssen ihre Kinder bei der Kommune dafür anmelden und bei den Kontrollbesuchen entsprechende Lernfortschritte vorweisen. Das gilt auch für den Dänisch-Unterricht.

Dänisch-Unterricht bei der Nachbarin

Saskia Tiller hat in Deutschland als Grundschullehrerin gearbeitet.

Und dafür ist bei den Tillers gesorgt. Denn dass alle möglichst schnell Dänisch lernen, ist Saskia wichtig. Neben Duolingo, einer Online-Plattform zum Erlernen von Sprachen, sowie verschiedenen Filmen und Büchern, erhalten die drei auch herkömmlichen Unterricht.

„Unsere Nachbarin ist eine pensionierte Grundschullehrerin, und wir haben einen festen Tag in der Woche, an dem die zwei Ältesten zu ihr rübergehen, um auf Dänisch zu spielen, zu singen, zu lernen“, erzählt die dreifache Mutter. Und noch etwas haben die Eltern arrangiert: „Einmal die Woche kommt ein Mädchen aus dem Dorf zum Babysitten. Sie spielt mit den Kindern und spricht ausschließlich Dänisch.“

In den Schulen in Deutschland überwog die extrinsische Motivation mit Bewertung, Belohnung, Bestrafung und Druck, den Lehrplan zu erfüllen.

Saskia Tiller

Außerdem geht es für die Mädchen mehrmals die Woche zum Turnen, wo sie – und nicht zuletzt Saskia und ihr Mann – mit Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern in Kontakt kommen. Dort haben die Kinder bereits Kontakte mit Gleichaltrigen aus der Umgebung knüpfen können.

Die individuellen Bedürfnisse im Fokus

Um den morgendlichen Ablauf mit Struktur und Orientierung zu starten, gibt es einen Planer, der verschiedene Aktivitäten, die auf dem Programm stehen, mit einem Bildchen beschreibt. Ist der entsprechende Punkt erledigt, wird er mit einer Pappklappe abgedeckt. So werden die „To-dos“ Schritt für Schritt umgeklappt.

Saskias mittlere Tochter ist vier Jahre alt und lernt momentan sehr engagiert Lesen. Das letzte Bildchen am Morgen ist auf ihrem Planer also „Vorschule“.

Ist eine Aufgabe erledigt, wird das Bildchen mit der Klappkarte abgedeckt.

Während die Vierjährige sich nun ihrer Schuleinheit widmet, kann es sein, dass sich ihre siebenjährige Schwester ein Hörspiel anhört – „und somit auf ihre eigenen momentanen Bedürfnisse eingeht“, erklärt Saskia.

Bewerten, Belohnen, Bestrafen und Druck

Die Mutter der drei Mädchen hat in Deutschland selbst als Grundschullehrerin gearbeitet und verfügt über Erfahrungen auf diesem Gebiet. In dieser Zeit hat sie erkannt, was sie nicht möchte – für sich und ihre Kinder. „In den Schulen in Deutschland überwog die extrinsische Motivation mit Bewertung, Belohnung, Bestrafung und Druck, den Lehrplan zu erfüllen“, erzählt die 36-Jährige.

Sie bestimme nicht über die Köpfe ihrer Kinder hinweg – sondern beziehe sie in die Entscheidungen, die sie betreffen, mit ein. „Und das tun wir auch bei den Entscheidungen, die letztlich von uns Eltern getroffen werden. Wir sind ja diejenigen, die die Konsequenzen absehen können und verantworten.“

Ob und wann ihre Kinder den Schul-Weg wählen, wird die Zukunft zeigen. Möglich ist der Heimunterricht bis einschließlich Klasse 9.

Schule als Angebot

Aber ist Schule bei den Tillers überhaupt ein Thema? „Wir sprechen die Möglichkeit immer mal an und haben uns die Schule im Ort schon mal von außen angesehen. Wenn meine Töchter dorthin gehen möchten, werden wir sie bei diesem Wunsch begleiten und eine Möglichkeit finden.“ Zurzeit sei dies aber kein Thema, sagt Saskia.

Sollte der Tag kommen, sei eine deutsche Schule jedoch nicht angedacht. „Zu der dänischen Schule hier im Ort könnten sie selbstständig laufen, würden Kinder aus der Umgebung treffen und natürlich sehr intensiv Dänisch lernen“, beschreibt Saskia die Vorteile und fügt hinzu, dass sie gleichzeitig auch für andere Optionen offen seien.

In einem Leserbrief machten die nordschleswigschen Kommunen jüngst deutlich, dass die steigende Anzahl von Kindern, die zuhause unterrichtet werden, die Kommunen vor eine große Herausforderung stellt. Die vier Kommunen fordern daher klare und einheitliche Vorgaben, die das Lernen und soziale Wohlbefinden der Kinder stützen sollen, heißt es.

Saskia Tiller lebt seit August in der Kommune Sonderburg.

Mehr zum Thema Heimunterricht in Nordschleswig:

Alle Artikel aus der Reihe und weitere spannende Schwerpunktthemen gibt es auf unserer Themen-Seite.