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Heimunterricht: Ministerium schmettert Notruf aus Nordschleswigs Kommunen ab

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Unterrichtsminister Mattias Tesfaye möchte die Aufsicht der Kommunen mit dem Heimunterricht nicht kommentieren.

Eine steigende Anzahl Zugezogener aus Deutschland unterrichtet ihre Kinder zu Hause. Die vier Kommunen in Nordschleswig haben in einem Brief an das Unterrichtsministerium geschrieben, dass ihnen die Mittel für eine ausreichende Aufsicht fehlen. Dieser sieht jedoch wenig Handlungsspielraum.

Heimunterricht wird in Nordschleswig immer beliebter. Dies gilt besonders unter Eltern, die aus Deutschland in den Landesteil gezogen sind. Die Kommunen machen sich jedoch Sorgen, weil sie mit der Aufsicht nicht nachkommen. Die Anzahl der Kinder im Homeschooling ist in Nordschleswig von 25 im Schuljahr 2018/19 auf 200 gestiegen.

Die für Kinder und Ausbildung zuständigen Ausschussvorsitzenden der vier Kommunen haben sich vor Weihnachten mit einem Brief an das Kinder- und Unterrichtsministerium gewandt und um Hilfe gebeten.

„Die große Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die Heimunterricht erhalten, ist eine ressourcenmäßige Herausforderung, eine qualifizierte Aufsicht zu gewährleisten“, schreiben die vier Kommunen. Unterzeichnet ist der Brief von den Vorsitzenden der jeweiligen Ausschüsse im Schulbereich.

Heimunterricht ist im Grundgesetz verankert

Ein großer Anteil der Mädchen und Jungen im Heimunterricht stammt aus Deutschland. In Dänemark gibt es im Gegensatz zu Deutschland eine Bildungs-, aber keine Schulpflicht. Dies geht aus dem Grundgesetz hervor, heißt es im Antwortschreiben des Ministeriums.

„Das Recht der Eltern, die eigenen Kinder zu unterrichten, ist ein Freiheitsrecht, das nicht durch ein Gesetz eingeschränkt werden kann“, heißt es in dem Schreiben vom 31. Januar.

Kommunen kämpfen mit der Aufsichtspflicht

Die Kommunen haben die Pflicht zu gewährleisten, dass der Heimunterricht dem Niveau in den dänischen Volksschulen entspricht (står mål med). Die Kommunen können das mit einer jährlichen Prüfung testen. Die vier nordschleswigschen Kommunen stellen in ihrem Schreiben aber fest, dass sie mit der laufenden Aufsicht und der Überprüfung des Wissens der Kinder nicht hinterherkommen.

„Wir appellieren an das Ministerium, den Kommunen bei der Entwicklung des Heimunterrichts mit Beratung und Vorschlägen beizustehen“, so die vier Ausschussvorsitzenden.

Eine solche Hilfestellung plant das Ministerium momentan jedoch nicht: „Es ist Aufgabe des Stadtrats zu entscheiden, wie die Aufsicht geplant wird, um zu gewährleisten, dass das Niveau des Unterrichts dem der Volksschule entspricht“, so die Antwort.

Sorgen um die Integration von Zugezogenen

In der Kommune Sonderburg (Sønderborg) waren im September 2024 54 der 92 Schülerinnen und Schüler im Heimunterricht Deutsche. In Tondern (Tønder) sind es momentan sogar 44 von 50.

Die Kommunen machen sich daher auch Sorgen um das soziale Wohlbefinden der Kinder. Die Partei der deutschen Minderheit, die Schleswigsche Partei (SP), sieht die Tendenz ebenfalls als eine Herausforderung für die Integration der Kinder.

„Leider beobachten wir jedoch eine Tendenz, dass insbesondere viele deutsche Zuzügler den Heimunterricht als Option wählen und sich damit gegen die Schulen und das Gemeinschaftsgefühl, das Schulen schaffen, entscheiden“, schreibt die Tonderner Stadtratsabgeordnete Louise Thomsen Terp in einem Leserbrief.

Diesem Anliegen erteilt das Ministerium jedoch eine regelrechte Abfuhr. Die soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler sei nicht Teil der kommunalen Aufsicht. Man dürfe lediglich das Wissensniveau der Kinder überprüfen.

Gesetzesänderung ist nicht ausgeschlossen

Bei einem anderen Anliegen der Kommunen öffnet das Ministerium die Tür zumindest einen Spalt. Sie wünschen sich eine Gesetzesänderung, die die Pflichten der Eltern beim Heimunterricht präziser festlegt. Nach ihrer Vorstellung sollen sie vor Beginn und danach jährlich einen Lehrplan vorlegen. Zudem soll der Unterricht auf Dänisch stattfinden.

Das Ministerium hat sich diese Vorschläge notiert: „Eure Vorschläge werden in mögliche zukünftige Überlegungen zu einer möglichen Gesetzesänderung einfließen“, heißt es in der Antwort, die von einer Abteilungsleiterin unterschrieben ist.

Sonderburg beauftragt Verwaltung mit Untersuchung

Jesper Smaling (Sozialdemokratie) ist Vorsitzender des kommunalen Ausschusses für Kinder und Ausbildung in Sonderburg. Die Antwort aus dem Ministerium sei sehr unkonkret, findet Smaling. „Die Antwort bestärkt uns darin, was wir ohnehin schon wissen: Wir sind sehr begrenzt in unseren Aufsichtsmöglichkeiten. Hier und jetzt hilft uns die Antwort nicht weiter. Aber wir hoffen, dass das Thema mehr und mehr in den Fokus rückt, vor allem in den nordschleswigschen Kommunen.“

Auf dem nächsten Netzwerktreffen der vier Kommunen im Frühjahr wird diskutiert, welche nächsten Schritte die Kommunen gehen können, um die Qualität des Heimunterrichts zu sichern.

Was das für Sonderburg bedeutet, erklärt Jesper Smaling. „Wir haben die Kommunalverwaltung gebeten, den heutigen Umgang mit unserer Aufsichtspflicht der Heimschulkinder zu evaluieren“, sagt der Stadtratspolitiker. Diese Einschätzung wird dann im Ausschuss diskutiert. Daraufhin wird die Kommunalpolitik Stellung dazu nehmen, welche Handlungsmöglichkeiten in Betracht kommen.

„Wir erleben einen außergewöhnlich starken Anstieg von Heimschülern. Mehr und mehr Kinder müssen beaufsichtigt werden. Wir sollten sicherstellen, dass die Aufsicht gut läuft und herausfinden, ob wir dafür aktuell genügend Ressourcen haben“, sagt Smaling. „Es geht uns immer um die Kinder. Wir müssen sicherstellen, dass sie nicht nur fachliches Wissen und Fähigkeiten erlernen, sondern auch, dass sich die Kinder sozial und sprachlich gesund entwickeln.“

Tondern: Problematik nicht im Blick

„Aus dem Schreiben geht eigentlich nichts hervor, was wir nicht schon wissen. Das ist eine sehr vage Antwort. Damit verhält das Ministerium sich nicht zu der Problematik, die wir in Nordschleswig haben“, sagt Kim Printz Ringbæk (Soz.), Vorsitzender des Ausschusses für Kinder und Schulen in der Kommune Tondern.

„Wir haben gegenwärtig 50 Kinder im Homeschooling und wissen, dass es noch mehr werden. Um eine relativ einheitliche Beurteilung zu bekommen, haben wir vier Kommunen uns für einen gemeinsamen Aufsichtsführenden entschieden“, erklärt Printz Ringbæk.

Das Schreiben der Kommunen ist von folgenden Personen unterzeichnet: Rasmus Elkjær Larsen (Kons.) für die Kommune Apenrade (Aabenraa), Henrik Rønnow (Soz.) für die Kommune Hadersleben (Haderslev), Kim Printz Ringbæk (Soz.) für die Kommune Tondern sowie Jesper Smaling (Soz.).

„Der Nordschleswiger“ hat Kinder- und Unterrichtsminister Mattias Tesfaye (Soz.) um einen Kommentar gebeten. Die Pressestelle des Ministeriums teilt mit, er habe „keine Möglichkeit“, etwas beizutragen.

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