Deutsch-Dänisch

„Die Grenze muss spürbar sein“: Wechselvolle Grenzkontrollen seit 105 Jahren

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Die Grenzkontrolle an der Grenze bei Krusau war im Zeitraum 1950 bis 1980 umfangreich.

Seit 1920 erlebt die Bevölkerung im deutsch-dänischen Grenzland Kontrollen – mal mehr, mal weniger. Hier sind die wichtigsten Meilensteine der Geschichte.

Gut 14.500 Menschen pendeln über die deutsch-dänische Grenze: Ganz normale Menschen müssen morgens zur Arbeit und abends ihre Kinder abholen.

Seit 10 Jahren haben sich die Pendler und alle anderen daran gewöhnt, dass es eine Kontrolle geben kann, wenn die Grenze in die eine oder andere Richtung überquert wird. In den knapp 15 Jahren zuvor war die Grenze offen, ohne Polizisten, Zöllner oder Angehörige der Heimwehr, die den Verkehr kontrollierten. Und gehen wir noch weiter zurück, wird das Bild wieder ganz anders. 

Mogens Rostgaard Nissen, Archiv- und Forschungsleiter an der Dänischen Zentralbibliothek, nimmt uns mit auf eine kurze Reise durch die letzten 105 Jahre mit Grenzkontrollen zwischen Dänemark und Deutschland.

Vor 1920: Die Grenze verschiebt sich

Die Grenzlandmedien „JydskeVestkysten“, „Flensborg Avis“, „Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag“ und „Der Nordschleswiger“ berichten in diesen Tagen über die Lage an der Grenze. Grund sind die von Dänemark vor 10 Jahren eingeführten Grenzkontrollen.

Der erste Meilenstein ist der Sommer 1920, als Nordschleswig nach den Abstimmungen im Februar und März desselben Jahres Teil Dänemarks wird.

Vor 1864 gab es keine Grenzkontrolle zwischen dem Königreich und dem Herzogtum Schleswig. Damals gab es zwar eine Grenze zwischen Holstein und Lauenburg und dem Gebiet südlich davon, aber keine Landesgrenze, wie wir sie nach 1864 kennen.

„Vorher gab es keine eigentlichen Landesgrenzen. Das kommt erst nach der dänischen Niederlage 1864, als man eine stark befestigte Grenze zu Deutschland mit zwei Grenzübergängen bei Vamdrup im Osten und bei Ribe im Westen bekommt“, erzählt Mogens Rostgaard Nissen.

1920: Furcht vor Deutschlands Rückkehr

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Abstimmung wird die Grenze dorthin verschoben, wo sie heute verläuft. Auch hier wird es für den dänischen Staat sehr wichtig, die Grenze mit einer Grenzkontrolle durch Zöllner und Grenzgendarmen zu markieren. Heute kann man in Nordschleswig noch immer entlang des Gendarmenwegs wandern und sehen, wo die dänischen Grenzgendarmen patrouillierten und darauf achteten, dass die neue Grenze nicht verletzt wurde.

„Sowohl für die dänischen Behörden als auch für die dänisch gesinnten Nordschleswiger ist es damals sehr wichtig zu zeigen, dass nun Dänemark hier Herr ist. Diese Symbolik ist absolut entscheidend zu verstehen: Die Grenze muss spürbar sein", sagt Mogens Rostgaard Nissen.

„Und dafür gibt es guten Grund. Von 1864 bis 1945 hat Dänemark drei große außenpolitische Probleme: Deutschland, Deutschland und Deutschland. Man hat höllische Angst, dass das Nachbarland, wenn es wieder auf die Beine kommt, versuchen wird, die Grenze wieder nach Norden zu verschieben", fügt er hinzu.

Ein gutes Beispiel ist, dass die Stadt Flensburg einen Teil des Kollunder Waldes besitzt, aber die dänischen Behörden erlauben den Bürgern der Stadt keinen freien Zugang zum Wald. Und um die Grenze zu überqueren, braucht man sowohl Pass als auch Visum. Die deutschen Behörden stellten Visa aus, die drei Monate lang zur Reise nach Dänemark berechtigten. Auch die dänischen Behörden verlangten Genehmigungen.

1945: Nach dem Krieg wird abgeriegelt

Autos fahren über die Grenze bei Pattburg.

Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Grenze – zumindest in den ersten Jahren – weitgehend geschlossen. Es wird ein dänisches Visum benötigt, wenn deutsche Staatsbürger nach Dänemark einreisen wollen.

„Damals haben die dänischen Behörden große Angst, dass alte Nazis nach Dänemark kommen und Einfluss auf die deutsche Minderheit nehmen", sagt Mogens Rostgaard Nissen.

Auch der Verkehr von Dänemark nach Deutschland ist schwierig. In diesen Jahren wächst die dänische Minderheit gewaltig. Die Zahl der Mitglieder im Südschleswigschen Verein (SSF) wächst von 3.000 auf 75.000 im Jahr 1948. Die Zahl der Schüler in den dänischen Schulen steigt von gut 500 im Jahr 1939 auf mehr als 14.000 im selben Zeitraum.

„Das bedeutet, dass überall in Südschleswig Schulen gebaut werden. Dafür braucht man Lehrer. Aber es ist schwierig, Dänen über die Grenze zu bekommen."

Die britischen Behörden, die in den ersten Jahren nach dem Krieg die Verwaltung innehaben, sind nämlich nicht daran interessiert, mehr Dänen in diesen Teil der Besatzungszone zu lassen. Sie werden als mögliche Quelle von Unruhe gesehen.

„Man führt alle möglichen praktischen Hindernisse mit Pässen, Visa und Arbeitsgenehmigungen ein. Und es wird nicht besser dadurch, dass wieder mehr deutsche Beamte in die Ämter zurückkommen“, sagt Mogens Rostgaard Nissen.

2001: Die Grenzkontrolle wird abgeschafft

Der Widerstand gegen die offene Grenze, die 2001 umgesetzt wurde, war beträchtlich und führte zu Demonstrationen.

Um 1950 herum gibt es eine Veränderung, bei der die Barrieren für den Verkehr gelockert werden. Sowohl Dänen als auch Deutsche überqueren die Grenze zum Einkaufen. Besonders dänische Butter und andere Molkereiprodukte sind in den 1950er-60er Jahren bei den deutschen Verbrauchern gefragt.

Auch die fahren Dänen zum Einkaufen über die Grenze. Anfangs sind die dänischen Behörden von diesem Verkehr nicht begeistert und versuchen ihn zu begrenzen. Aber mit der Mitgliedschaft in der EWG – der späteren EU – werden die Restriktionen gelockert.

„In den 70er und 80er Jahren dürfen die Dänen immer mehr von der anderen Seite der Grenze mitnehmen", erzählt Rostgaard Nissen.

Mit dem Schengen-Abkommen wird die Grenzkontrolle trotz Widerstand in Teilen des Grenzlandes abgeschafft. Es gibt großen Widerstand gegen eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

„1997 bildet man eine Menschenkette über die Grenze, um gegen eine verstärkte Zusammenarbeit über die Grenze zu protestieren. Von dänischer Seite waren es Kulturschaffende wie der Schriftsteller Ebbe Kløvedal Reich und der Schauspieler Jens Okking, die dabei waren, während von südschleswigischer Seite Karl-Otto Meyer am Protest teilnahm“, berichtet Mogens Rostgaard Nissen.

2019: Die Pandemie schließt die Grenze

Trotz des Widerstands oder der Skepsis vor allem von Seiten der politischen Mitte-Links gewöhnen sich die meisten laut Rostgaard Nissen an die offene Grenze: „Die Öffnung erfolgt über drei bis vier Jahre hinweg und wird 2001 endgültig abgeschlossen“. 

Der letzte Fixpunkt, den Mogens Rostgaard Nissen hervorhebt, ist die Schließung der Grenze im Zusammenhang mit der Pandemie. Sie findet in derselben Woche statt, in der die Volksabstimmung über die Grenze im März 1920 stattfand.

„Viele von uns, die nahe an der Grenze leben, waren erschüttert darüber, dass die Grenze hermetisch geschlossen wurde. Zwar wurde 2015 in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise eine Kontrolle eingeführt, aber nicht auf demselben Niveau“, sagt er.