Ukrainisches Treibstoffwerk

Zukunft mit Zündstoff: Warum Woyens skeptisch bleibt

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Etwa 300 Menschen aus Woyens, Skrydstrup und Umgebung sind zur Bürgerinformationsveranstaltung am Sonnabend in Woyens gekommen.

In Woyens sorgt eine geplante ukrainische Raketentreibstofffabrik für Ängste und Sorgen – und für Hoffnung auf neue Jobs. Zwischen Sicherheitsbedenken, Pragmatismus und wirtschaftlichen Chancen ringt die Bahnhofsstadt im Gespräch mit der Regierung um Antworten.

Es ist Sonnabendvormittag in Woyens. Die Sonne scheint. Drinnen, in der eher dunklen Sporthalle, stellen sich Dänemarks Verteidigungs- und der Wirtschaftsminister den Fragen von 300 Menschen im Saal. Menschen, die in Woyens und Skrydstrup ihren Lebensmittelpunkt haben. Viele machen sich Sorgen angesichts der geplanten ukrainischen Treibstofffabrik zwischen Woyens und Skrydstrup.

Ende des Jahres soll das Werk in der Nachbarschaft des Jagdflugzeug-Stützpunktes Skrydstrup den Betrieb aufnehmen – so schnell wie noch nie ein Unternehmen zuvor. Eine Dispensation von der bestehenden Gesetzgebung macht es möglich. Anfang Oktober tritt sie in Kraft. Das ist einzigartig in Dänemark.

Verteidigungsminister: Die Zeit drängt

Es gibt viele Wortmeldungen. Die meisten sind kritisch. Doch es gibt auch Stimmen, die auf ein neues Wirtschaftswunder für Woyens hoffen.

„Es eilt“, sagt Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen (Venstre) und versichert – wie Wirtschaftsminister Morten Bødskov von den Sozialdemokraten –, dass trotz der Hast die Regeln, die gestern galten, auch morgen gelten würden.

Zwischen politischen Erklärungsversuchen, Existenzängsten und Hoffnung auf ein Woyenser „Wirtschaftswunder“ zieht sich eine Frage wie ein roter Faden durch das gut besuchte Bürgerinformationstreffen: „Was kommt da eigentlich auf uns zu?“

Anwohnerin: „Es geht zu schnell“

Die Regierungsmitglieder stehen Frage und Antwort.

Rie Jørgensen wohnt nur zwei Kilometer vom künftigen Standort der Treibstofffabrik entfernt: „Sie sagen, sie tun alles für unsere Sicherheit. Glauben muss ich das trotzdem nicht. Wir sind beim Thema Umwelt ohnehin schon im Hintertreffen.“ Sie klingt desillusioniert. „Das geht alles viel zu schnell. Die Antworten auf unsere Fragen sind ziemlich vage.“

Eine weitere Bürgerin, die anonym bleiben möchte, sieht neben den Sorgen durchaus Potenzial: „Wir leben doch ohnehin seit Jahrzehnten mit dem Fliegerhorst. Jetzt gibt’s vielleicht neue Jobs, das bringt auch was für Woyens. Ich glaube, alles wird gut.“

Bürgermeister verspricht Offenheit

Rie Jørgensen wohnt zwei Kilometer von dem geplanten Werk entfernt. Sie ist skeptisch.

Bürgermeister Mads Skau (Venstre) gibt sich als ruhender Pol, wenngleich auch er den Ernst der Lage betont: „Wir sind eine Verteidigungskommune, Uniformen gehören bei uns zum Straßenbild. Jetzt geht es nicht nur um Kampfjets, sondern um Raketenbrennstoff. Das verunsichert viele. Die Sicherheit darf auf keinen Fall geopfert werden – auch wenn das Projekt einen Fast-Track-Status bekommt.“ Skau verspricht Offenheit.

Entschädigung für Betroffene

Der Verteidigungsminister kündigt eine Entschädigungsregelung an. Er erinnert an ein ähnliches Vorgehen wie bei der Stationierung der F-35 in Skrydstrup. Eine kollektive Versicherung gegen mulmige Gefühle ist das zwar nicht, zumal – das räumt der Minister ein – es noch viele offene Fragen gebe und das Risiko, in Russlands Fadenkreuz zu geraten, mit diesen Plänen keineswegs geringer geworden sei. An eine offene Attacke Russlands glaubt er dennoch nicht: „Wir sind Mitglieder der NATO. Dann würde Artikel 5 greifen.“

Zwischen Zaun, Jobs und Wertverlust

Unter anderem in dem Gebäude, das die „Ungdomsskole“ beherbergte, am Tingvejen 2 bis 4 zwischen Woyens und Skrydstrup, soll das Raketentreibstoffwerk entstehen.

Der Wert der Häuser, die Sicherheit der Bevölkerung – und die Hoffnung, dass das missliebige Nachbarschaftsprojekt an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnt – prägen diesen Vormittag in Woyens. Es gibt noch viele Unbekannte. Eines ist ganz gewiss: Die kleine Bahnhofsstadt und das benachbarte Skrydstrup stehen vor einer neuerlichen Bewährungsprobe.