Dezemberorkan

Forstmitarbeiter Niels Adserballe beim Sturm im Wald gefangen

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Niels Adserballe im Wald, wo vor 25 Jahren der Orkan tobte

Für den damals 39-Jährigen entwickelte sich ein alltäglicher Arbeitstag zu einem dramatischen Zwischenspiel, das nachhallt. 25 Jahre später gibt er im Wald Einblick in seine Erlebnisse.

„Ich ging davon aus, dass es ein ganz gewöhnlicher Tag wird“, sagt Niels Adserballe mit Blick auf Freitag, 3. Dezember 1999. Damals hatte er sich nicht vorgestellt, dass er sich auch 25 Jahre später genau an diesen Tag erinnern würde.

Der Forsthüter (skovløber) wohnte mit seiner Familie im Forsthaus Råbjerghus am Rande des ungefähr 500 Hektar großen Lovrup Skov zwischen Lügumkloster (Løgumkloster) und Scherrebek (Skærbæk).

„Ein frischer Sturm“

„Ich bemerkte, dass es etwas in den Bäumen zerrte. Ich dachte, das würde sich sicher zu einem frischen Sturm entwickeln, wie wir es oft erlebten. Das würde sicher alles ruhig und still gehen. Das tat es aber nicht“, erzählt Niels Adserballe beim Vorbeifahren am früheren Forsthaus Råbjerghus. Dort am Waldesrand standen mal riesengroße Edeltannen.

Am besagten Freitag um 15.30 Uhr gab es einen Anruf von seinem Chef. Ein Lastwagenfahrer, der im Lovrup Wald Holz holte, kam mit seinem Fahrzeug nicht aus dem Wald, da ein Baum sich quergelegt hatte.

„Daraufhin sage ich meinen Kindern, dass ich mal eben schnell in den Wald muss. Daran waren sie gewöhnt“, so Adserballe. Seine Frau hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht Dienstschluss.

Eine voraussichtlich leichte Aktion

„Ich springe schnell ins Auto und entdecke, dass die großen Edeltannen umgestürzt sind. Aber ich kenne ja den Wald wie meine Westentasche und habe keine Bedenken. Als ich rechts in einen Waldweg einbiege, ist dieser komplett mit Fichtenzweigen bedeckt. Ich sehe, dass der Lastwagen am Ende des Waldweges in der Nähe der T-Kreuzung hält. Ich denke, es wird ein Leichtes, ihn da herauszuholen.“

„Hier steht noch eine herrliche Buche. Damals standen dort auch schöne 20 Meter hohe Tannen“, veranschaulicht er beim Gang durch den Wald.

„Als ich aus dem Auto steige, höre ich Lärm. Es sind Bäume, die umknicken. Ich laufe auf den Lastwagen zu. Ein Baum ist über den Anhänger gekippt. Ich schlage dem Fahrer vor, einfach den Anhänger vom Lkw abzukuppeln. Das gefällt ihm aber nicht. Daher laufe ich zum Auto zurück, um die Motorsäge zu holen.“

Bäume versperren den Weg

Unweit dieser Stelle gab es Probleme für den Lastwagenfahrer mit seinem Holztransporter.

Dabei entdeckt Niels Adserballe zu seinem Schreck, dass hinter seinem Auto Bäume umgestürzt sind und den Rückweg versperren. Er ist aber zuversichtlich, dass er leicht einen anderen Ausweg finden wird.

Nach dem Einsatz der Säge wird der Baum mit dem Kran weggehoben, und der Lkw-Fahrer setzt seine Fahrt fort. Er kommt jedoch nicht sehr weit, bevor ein Baum wieder Probleme bereitet.

Aus Sicherheitsgründen lassen die zwei Männer den Baum liegen, und der Lkw-Fahrer lässt den Anhänger stehen. Mittlerweile knicken große Bäume um wie Streichhölzer, und der Wind trägt sie mehrere Meter, bevor sie auf der Erde landen. „Der Fahrer zeigt sich sehr besorgt, bevor er abfährt. Er hat früher Ähnliches erlebt und befürchtet das Schlimmste“, so Adserballe.

Es wird durch einstürzende Bäume hell

Der Forstmitarbeiter klettert indes über auf dem Weg liegende Bäume zurück. Sein Puls steigt, als er das Rauschen und das Umknicken der Bäume hört. In der Ferne sieht er, wie der Wald sich durch umstürzende Bäume lichtet.

Er versucht, mit dem Auto einen anderen Ausweg zu finden. Vergeblich. Er parkt schließlich am Ende einer Spur. Dort stehen die Tannen etwas weiter auseinander und haben auch in der Höhe von zehn Metern noch grüne Zweige. „Sie scheinen sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen“, so die Einschätzung des Fachmanns.

Als Mobiltelefone noch ziemlich neu waren

Niels Adserballe hat eine alte Karte von seinem früheren Zuständigkeitsbereich.

Damals war das Handy noch eine verhältnismäßig neue Erfindung. Er entdeckt zu seinem Schreck, dass nicht besonders viel Strom auf dem Akku ist. Er ruft seine Frau an und erläutert ihr die Situation. Sie nimmt von ihrer Arbeit aus telefonischen Kontakt zu einer Nachbarin auf, die die Kinder zu sich holt.

„Mein Sohn erinnert sich, dass er waagerecht in der Luft lag, als sie mit der Nachbarin zu ihrem Haus gingen. Nachdem die Kinder in Sicherheit waren, konnte ich mich darauf konzentrieren, aus dem Wald herauszukommen“, so Adserballe.

„Eine Rettungsaktion hielt ich für übertrieben“

Es folgt ein Anruf von seinem etwas besorgten Chef. „Ich erkläre ihm zuversichtlich, dass ich klarkomme, da ja jetzt für die Kinder gesorgt ist. Der Wind wird sich sicher bald legen, und eine Rettungsaktion ist übertrieben. Er kannte mich und wusste, dass er dagegen nicht ankam. In meiner Naivität dachte ich, dass ich das packe“, so Adserballe.

Für den 39-Jährigen heißt es jedoch, erst mal im Auto abwarten, während der Orkan weiter tobt. Ihm war es damals wichtig, das Fahrzeug mit aus dem Wald zu bekommen.

Eine kleine Stärkung

Im Laufe des Abends macht sich der Hunger bemerkbar. „Ich habe seit mittags nichts gegessen. Es fällt mir ein, dass ich hinten im Auto eine Flasche Gammel Dansk liegen habe. Aus der hatte ich am vorausgegangenen Wochenende bei einer Jagd einen Willkommenstrunk eingeschenkt. Nach ein, zwei Schlückchen denke ich aber, dass ich lieber einen klaren Kopf behalten muss, wenn ich hier heil herauskommen will.“

Mit dem Radio als Ratgeber

Tannen in dieser Größenordnung knickten während des Orkans um wie Streichhölzer.

Gegen 23 Uhr hört er in den Radionachrichten, dass es wieder sicher ist, hinauszugehen. Er steigt aus dem Auto, das mit Tannenzweigen übersät ist, und macht sich zu Fuß auf den Weg.

„Es ist ganz verrückt, daran zu denken, dass ich das Auto abschließe. Keiner kann dort hingelangen“, erzählt er 25 Jahre später am Ort des Geschehens.

Es soll sich aber zeigen, dass die Gefahr für ihn nicht gebannt ist. Um weiterzukommen, krabbelt er unter einen dicken Baum, der auf der Erde liegt. Kaum ist Adserballe durch, folgt ein kräftiger Windstoß. Ein Nachbarbaum drückt den Baum flach, wo er sich eben noch durchgerobbt hat.

Ein Gefühl der Panik

„Mein Puls ist hoch, und ich gerate in Panik. Plötzlich falle ich drei bis vier Meter runter. Als ich entdecke, dass ich Kies unter meinen Füßen habe, bin ich erleichtert. Ich weiß, dass ich auf dem Povlskrovej bin“, so der 64-Jährige.

Danach nimmt er querfeldein Kurs auf den Wohnsitz seines Ex-Chefs, der weiterhin in einer Dienstwohnung wohnte. „Als ich ihn bei meinem Eintreffen etwas außer Atem frage, ob er draußen gewesen ist, sagt er nein und meint, dass die Lage nicht so schlimm ist. Wir gehen raus und leuchten mit Taschenlampen. Bei dem Anblick, wo einmal der Wald war, haben wir nur noch geschwiegen“, sagt Adserballe.

Ein Käsebrot fürs Leben

Danach ruft er seine Frau an. Sie fährt gemeinsam mit einer Kollegin einen größeren Umweg, um ihn abzuholen. In der Zwischenzeit kommt die Frau des früheren Chefs von der Arbeit nach Hause. Sie bemerkt die Niedergeschlagenheit der beiden Männer.

„Ich bin ein Freund von Käse. Das Käsebrot, das sie uns an dem Abend anbietet, ist aber das beste, das ich jemals gegessen habe“, sagt Niels Adserballe rückblickend. „Es fühlte sich gut an, dass meine Familie wohlauf war und auch die Dienstwohnung noch stand.“

Es stellt sich heraus, dass der Lkw-Fahrer es auch nicht ganz aus dem Wald geschafft, sondern in seinem Fahrzeug übernachtet hatte.

So groß waren die Schäden

Niels Adserballe an einem Baum, der als „Livstræ" eingestuft worden ist

Im Lovruper Wald wurde die Hälfte der Bäume vom Dezember-Orkan gefällt. „Wir waren durch die vielen alten Eichendickichte, die dem Orkan Stand hielten, etwas privilegiert“, erklärt Niels Adserballe.

Er hatte am Tag nach dem Orkan keine große Lust, hinauszugehen und sich die Zerstörungen anzusehen. „Salopp sagten wir damals unter Kollegen, der Wald hat sich um 17 Uhr hingelegt. Er war unser Stolz. Forstwirtschaft erledigt man nicht über Nacht, sondern es braucht Generationen. Vor dem Orkan hatten wir angefangen, den Wald naturfreundlicher zu gestalten“, sagt Niels Adserballe.

Aufräumarbeiten bestimmten den Alltag

Sein Auto konnte übrigens eine Woche später unbeschädigt aus dem Wald geholt werden. Für die Aufräumarbeiten gab es Unterstützung aus Schweden.

Niels Adserballe berichtet, dass 16 Maschinen im Einsatz waren und 2.000 Kubikmeter Holz am Tag entfernt wurden. Da die Sägewerke nicht das ganze Material abnehmen konnten, wurde in Hønning ein Wasserlager mit 100.000 Kubikmetern eingerichtet. Der Forstmitarbeiter war für den dortigen Betrieb mit dem Berieseln des Holzes zuständig, um es frisch zu halten.

Ein neuer Lebenskurs

Ein Jahr nach dem Orkan stellte Niels Adserballe die Weichen für sein Leben neu. Ausschlaggebend dafür waren Probleme mit dem Rücken, kombiniert mit der Traurigkeit darüber, dass es den Wald, in dem er seit 1983 arbeitete, nicht mehr gab.

Er bildete sich am Seminar als Pädagoge aus und beschäftigte sich mit unangepassten jungen Menschen und Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Adserballe, der in Rothenkrug (Rødekro) wohnt und im Vorruhestand ist, freut sich auch heute noch, dass er während seiner Seminarausbildung bis 2005 im Forsthaus wohnen durfte. Inzwischen ist Råbjerghus keine Dienstwohnung mehr.

Ein Kenner des Waldes

Und auch wenn Niels Adserballe seit mittlerweile zwei Jahrzehnten nicht mehr im Wald arbeitet, so kennt er sein ehemaliges Revier weiterhin wie seine Westentasche.

„Wäre ich damals nicht so erpicht darauf gewesen, das Auto mit aus dem Wald zu bekommen, hätte ich unweit der T-Kreuzung über das Feld gehen können“, sagt der Naturkenner 25 Jahre nach dem einschneidenden Ereignis.

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