September 1925 und 1975 – So war das Knivsbergfest damals
Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
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Vor 100 Jahren erhielt die Kirche von Atzbüll im Rahmen einer Generalsanierung ihren Glockenstuhl wieder, der im 19. Jahrhundert wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste. Näheres unter dem 24. September 1925.Foto: wikipedia.com / Erik Christensen
Die Schlagzeilen dieses Septembers unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Donnerstag, 3. September 1925
Foto: DN
Knivsbergfest
Früher lag das Knivsbergfest auf dem letzten Junisonntag, weil man auf die spielende und turnende Jugend Rücksicht nahm, für die in den ersten Junitagen die großen Ferien anfingen. Nach der Abtretung wurde das Fest in den Frühherbst verlegt, wiederum teilweise mit Rücksicht auf die Jugend; denn nun hatten und haben wir ja keine nennenswerte Zahl von Schuljugend mehr, die höheren Schulen zumal, die früher eine so große Menge Mannschaften stellten, sind ganz verschwunden. Die spielende Jugend ist vor allem die Jugend der freien Jugendvereine, die schon seit der Konfirmation ins Arbeitsleben straff eingespannt ist und darum längere Zeit braucht, um sich einzuspielen.
Aber doch nicht allein der Jugend wegen wurde der Tag verlegt, mehr noch der Alten wegen. Hat auch die Heuernte nicht überall eingesetzt, so beanspruchen die Rüben alle Kräfte, und an weite Ausflüge mag man dann nicht denken. Jetzt ist die Sommerarbeit vorbei. Was aus dem Acker herauszuholen war, ist geborgen. Nun haben wir Zeit, einen Sonntag lang zu feiern.
Das Programm ist hinausgegangen. Vielleicht steht aber das Beste, was der Knivsberg will, garnicht darauf. Er will, dass alle Deutschen der Heimat einander hier die Hände drücken sollen. Dazu winkt der Turm über Land und Meer, auch über die neue Grenze hinüber: Kommt, lasst uns an seinem Fuße Wiedersehen feiern.
Bei den Durchführungen der Knivsbergefeste war man stets bemüht, sie an die jeweiligen sozialen und politischen Gegebenheiten und Notwendigkeiten anzupassen. Das war nicht bei allen willkommen. Eingeübte Tätigkeiten werden schnell zur unhinterfragten Tradition. So war auch die damalige Verlegung des Knivsbergfestes auf einen späteren Termin damals nicht unumstritten. Wie schwierig es auch heute ist, das Fest an die jeweiligen Bedürfnisse anzupassen, zeigen die Bemühungen der letzten Jahre. Der Autor der obigen Zeilen stammt offenbar aus Sonderburg, er zeichnete mit dem nicht aufzuschlüsselnden Pseudonym „Der Turmwächter“.
Freitag, 4. September 1925
Zum Knivsbergfest beabsichtigen die Sonderburger Festteilnehmer gemeinsam mit den Flensburgern wie im Vorjahre ein Schiff zu benutzen. Da die Flensburger infolge des dänischen Passkrieges die geplante Fahrt haben aufgeben müssen, kann für die Sonderburger auch kein Dampfer gestellt werden. Die Spielmannschaften werden mittels Lastkraftwagen befördert werden. Sollten sonst noch Sonderburger es wünschen, zum Knivsbergfest zu fahren, so wird gebeten, dieses sofort der Geschäftsstelle der „Sonderburger Zeitung“ zu melden, damit rechtzeitig weitere Kraftwagen besorgt werden können.
Freitag, 4. September 1925
Die Kirche in Uberg
Die Kirche in Uberg ist in diesem Sommer repariert worden. Diese Kirche ist die einzige in hiesiger Gegend, die auf einer Warft liegt und an die Zeiten erinnert, als noch keine schützenden Deiche die Nordsee am Überfluten der Niederungen hinderten. Einige seltene alte Grabsteine sind in die Kirchenmauer eingelassen worden und frühere Fenster wiederhergestellt und mit kleinen Scheiben bleiverglast.
Die Kirche von Uberg (Ubjerg) wurde nach der Abtretung Nordschleswigs an Dänemark wie viele andere Kirchbauten in unserem Landesteil durch das Kopenhagener Nationalmuseum restauriert. (Wie z. B. auch die Kirche in Atzbüll, vgl. mehr dazu unten unter dem 24. September 1925.) Gerade dem damaligen Direktor des Museums, Mouritz Mackeprang (1869-1959), war sehr an Nordschleswig gelegen, stammte er doch vom Hof Kieding (Kiding) bei Gravenstein. 1926 begründete er als Museumsleiter die General-Inventarisation der dänischen Kirchbauten. 1933 veröffentlichte das Nationalmuseum den ersten Band. Im Jahre 1957 erschien mit Band XXI „Tønder Amt“, in dem ausführlich über Uberg gehandelt wird.
Montag, 7. September 1925
Das Knivsbergfest
Die Kirche von Uberg heuteFoto: wikipedia.com / Hjart
Ein frischer Westwind strich über den nordschleswigschen Landrücken daher, ballte Wolkenmassen zusammen und zerteilte sie wieder, in Böen ergoss sich zeitweilig ein Regenschauer, und zwischendurch strahlte und „stach“ die Sonne, ließ bald hier, und bald dorthin ihr Licht fluten und verlieh somit dem wechselvollen Landschaftsbild, das sich von der Knivsberghöhe aus dem Auge darbietet besondere Reize. Es war ein Bild herb und groß, so recht ein Ausdruck des jahrhundertelangen Grenzkampfes, den zu führen der Bevölkerung der Nordmark beschieden ist. An solchem Herbsttag begingen wir gestern das Knivsbergfest.
Als um 10 ½ Uhr das Fest mit einer kirchlichen Morgenfeier auf der Terrasse vor dem Turm eröffnet wurde, waren schon mehr als tausend Festgäste versammelt. Der Gesang des niederländischen Dankgebetes leitete die Feier ein. Pastor Gottfriedsen-Tingleff legte seiner eindringlichen Predigt das Schriftwort Epheser 6,10 zugrunde: „Und nun, meine Brüder, seid stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke“, und wandte sich gegen Unrecht, Unwahrhaftigkeit und Untreue als Grundübel menschlicher Schwäche. Der Gesang des Lutherliedes beschloss die ernste Feier.
Auf den Spielplätzen entwickelte sich bald reges Leben. Es wurden trotz der Ungunst der Witterung etwa 20 Schlagball-, mehr als 40 Faustball- und einige Tamburinspiele ausgefochten. Dazu ein Dreikampf im Weitwurf, Wettsprung und 100-Meter-Lauf.
Gegen ein Uhr lief der Kieler Dampfer „Voßbrook“ in die Gjenner Bucht ein. Auf Kalö hatten sich Verwandte und Freunde der etwa 300 Kieler Gäste zur Begrüßung eingefunden. Das Landen und die umständliche Passkontrolle nahm mehr als eine halbe Stunde in Anspruch; dank der geschmähten und anerzogenen „Preußischen Disziplin“ ging dieses Geschäft aber glatt von statten. Für die älteren Gäste standen Kraftwagen zur Beförderung nach dem Knivsberg bereit; die übrigen zogen im geschlossenen Zuge hinaus zur Höhe, wo sie um etwa zwei Uhr eintrafen. Eine herzliche Begrüßung wurde ihnen zuteil, da sie trotz aller Hindernisse den weiten Weg nicht gescheut hatten, um einige festliche Stunden mit nordschleswigschen Landsleuten zusammen zu verbringen, und mancher warme Händedruck wurde ausgetauscht mit Freunden, die infolge der Vorgänge von 1920 die alte Heimat hatten verlassen müssen.
Inzwischen hatten in der Mulde die Aufführungen begonnen. Das Kaspertheater war wieder erschienen, und die derben Späße fanden, wie immer, dankbare Aufnahme. Schwerer wog eine ernste Aufführung der nordschleswigschen Jugend: das Tellspiel „Die Schweizer Bauern“ vom Süddeutschen Weinreich. Dank guter Besetzung der Hauptrollen und einer sorgfältigen Vorbereitung kam die straff geführte Handlung zu starker Wirkung. Es ist ein rechtes Volksstück, für eine Freilicht-Aufführung vortrefflich geeignet. Den Darstellern wurde lebhafter Beifall zuteil.
Ein Fanfarenstoß rief dann die Festteilnehmer zur Rednerkanzel, und nun scharte sich die nach Tausenden zählend Menge auf der Terrasse zusammen, besetzte auch die Treppen und Aufbauten der Turmanlage. Unser nordschleswiger Wortführer, Folketingsabgeordneter Pastor Schmidt, hielt eine Ansprache, von der die Herzen ergriffen wurden, und dann erklang das Lied von unserer meerumschlungenen Heimat und im Anschluss daran das Deutschlandlied.
Es folgte die Verteilung der Preise für die Wettspiele, bei denen der Kreis Sonderburg nicht leer ausging. Im Faustball siegte die Sonderburger Mittelschule mit 95:71 gegen Süder-Wilstrup, Broacker Jugendbund I mit 68:51 gegen Tingleff, Broacker mit 45:44 gegen Jündewatt; im Schlagball der Sonderburger Mädchen-Wanderbund gegen Apenrader Mittelschule, ferner Augustenburg gegen Sonderburger Pfadfinder. Die Schenkendorff-Plakette erhielt der kaufmännische Turnverein Tondern. Die Banner fielen der deutschen Schule zu Braoacker, dem Apenrader „Globus“ und dem kaufmännischen Turnverein Tondern zu.
Für die Kieler Gäste schlug nun die Scheidestunde, und viele gaben ihnen das Geleit nach Kalö, von wo nach Erledigung der umständlichen Passgeschäfte der Dampfer unter gegenseitigem Grüßen in See ging.
Die Jugend vergnügte sich noch eine Weile an Volkstänzen. Den feierlichen Ausklang des Festes bildete ein Feuer, das am Turm abgebrannt wurde und dessen Schein weit hinausleuchtete über unser umstrittenes Heimatland.
Über die Besucherzahl des Festes wird von der Leitung noch mitgeteilt, dass reichlich 3.000 Eintrittskarten für Erwachsene und rund 1.300 für Kinder verkauft worden sind. Außerdem befand sich ein Spielfeld vor der Kontrolle. Die Zahl der Besucher hat daher 4.500 bis 5.000 betragen. Trotz des dänischen Passkrieges waren über 30 Spielmannschaften mehr als im Vorjahre erschienen.
Wir haben die damaligen Berichte über das Knivsbergfest ungekürzt hierher gesetzt, weil sie lebhaft und bunt und aus dem Bewusstsein der damaligen Zeit heraus geschrieben vor Augen führen, wie ein Knivsbergfest Mitte der Zwanziger Jahre begangen und erlebt wurde und weil dergleichen Festbeschreibungen bislang nicht publiziert wurden. Der Autor ist unbekannt, ich vermute in ihm aber den langjährigen Schriftleiter der Sonderburger Zeitung, Emil Kühler, dem wir in anderen Monats-Chroniken bereits begegnet sind.
Donnerstag, 10. September 1925
Ein Heinedenkmal gegenüber dem Siebengebirge
Wie in der „Vossischen Zeitung“ aus Bonn berichtet wird, machen sich seit einiger Zeit Bestrebungen geltend, dem zur Jahrtausendfeier etwas vergessenen rheinischen Dichters Heinrich Heine ein Denkmal gegenüber dem Siebengebirge zu errichten. Man interessiert sich bereits in ganz Deutschland für diese Pläne. Auch in Hamburg und Düsseldorf scheint durch dieses aktive Vorgehen in Godesberg die Denkmalsidee für Heinrich Heine eine Wiederbelebung gefunden zu haben. Namhafte Persönlichkeiten, wie Thomas Mann, Fritz von Unruh, Herbert Eulenbereg, Stefan Zweig, Hermann Hesse, Carl Sternheim und andere haben dem Plane bereits zugestimmt und sich zur Mitarbeit bereit erklärt. Das Komitee beabsichtigt, in Bälde mit einem Aufruf an die deutsche Öffentlichkeit zu treten.
Heine-Denkmäler hatten es bis in unsere Tage hinein nicht gerade leicht. Das geht deutlich aus dem Entfernen und dem Verkauf eines berühmten Heinedenkmals im Jahre 1908 hervor. Im Jahr zuvor hatte Kaiser Wilhelm II. das Schloss Achilleion der Kaiserin Elisabeth („Sissi“) auf Korfu gekauft, in dessen Park eine marmorne Sitzfigur Heinrich Heines stand, die übrigens von einem Dänen geschaffen worden war. Sofort ließ der Kaiser das Denkmal des ihm verhassten Dichters entfernen. Heine war der Lieblingsdichter der österreichischen Kaiserin, die bekanntlich 1898 ermordet wurde. Die antisemitische und rechtsgerichtete und auch große Teile der bürgerlichen Presse bejubelten die Motive des Kaisers und die Entfernung des Denkmals. Heine sei ein Franzosenfreund, kein Patriot, ein innerer Feind Deutschlands usw. und vor allem – Jude!
Das Denkmal gegenüber dem Siebengebirge kam nicht zustande. In Bad Godesberg lehnte der Stadtrat ein Heine-Denkmal schlichtweg ab. Seit der Kaiserzeit gab es in deutschen Männerchören heftige Auseinandersetzungen darüber, ob Heine-Lieder gesungen werden sollten. Da sie beliebt und unausrottbar waren, konnten sie in der Nazi-Zeit nicht verboten werden – wie alles andere von dem „Kulturjuden“ Heine –, sondern sie lebten in den Liederbüchern als „Volksmund“ weiter.
Der Heine-Denkmal-Plan wurde, wie in der obigen Meldung erwähnt, von zahlreichen Geistesgrößen der Weimarer Zeit begrüßt. Verfolgen wir das Engagement des Erstgenannten: Thomas Mann war damals, im September 1925, als das Denkmal-Komitee an ihn herantrat, auf der Reise nach Italien. Auf Ischia bewohnte die Familie ein kleines Hotel. „Wir wohnen hoch, unten ist ein kleiner Strand, an dem wir baden.“ Dort entstand für die Denkmal-Werbeschrift der kleine Beitrag „Über Heinrich Heine“. Da der Standort Bad Godesberg und der von anderen in der Nähe wenige Zeit später ausfiel, wurde die Broschüre nicht gedruckt. Gleichwohl war das Denkmal-Projekt nicht vergessen. Im November 1929 wird Thomas Mann dem Ehrenausschuss für das Düsseldorfer Heine-Denkmal beitreten und unterzeichnet im Dezember einen Spendenaufruf. Er schrieb: „Heinrich Heine, einer der anmutigsten, freiesten, kühnsten und künstlerischsten Geister, die Deutschland hervorgebracht hat, hätte als Sohn jedes andern Landes längst sein Denkmal. Dass wir es ihm verweigern, muss in der Welt finstere Vorstellungen von unserm Gemütszustand wecken und kann nicht dazu dienen, uns Sympathien zu werben. Es ist nicht wahr, dass er ein Feind Deutschlands war. Er hat, wie alle großen Deutschen, wie Goethe, Hölderlin, Nietzsche, die sämtlich Erzieher zum Deutschtum, nicht Lobhudler des Deutschtums waren, unter gewissen Schattenseiten des deutschen Wesens gelitten und seinen schmerzlichen Witz daran geübt. Aber sein Gefühl für Deutschland ging, wie alles Gefühl bei ihm, oft genug bis zur Sentimentalität, und wenn der gelegentliche Anschein patriotischer Kälte und Unverbundenheit ein Grund wäre, einem Dichtergeist das Denkmal vorzuenthalten, so dürfte Goethe keine Monumente haben.“ Aus dem späteren Wettbewerb ging 1932 der Berliner Bildhauer Georg Kolbe als Sieger hervor, dem wir in unserer vergangenen Chronik vom August begegnet sind (Ebert-Büste). Er schuf die allegorische Figur „Der aufstrebende Jüngling“, deren Aufstellung aber im Jahr darauf von den Nationalsozialisten verboten wurde. Die Bronze überstand jedoch glücklicherweise den Krieg und wurde 1949 im sog. NRW-Forum in Düsseldorf aufgestellt. Die Sockelaufschrift „Heinrich Heine gewidmet“, ohne die die Figur nicht verständlich ist, wurde allerdings erst 2002 angebracht. Das wiederum erinnert an den jahrelangen Streit um die Namensnennung der 1965 gegründeten Düsseldorfer Universität. Erst nach langen, quälenden und schmerzlichen Debatten erhielt sie 1988 den Namen „Heinrich-Heine-Universität“. Am Boden der Bonner Republik schwelten antisemitische Reste weiter.
Freitag, 24. September 1925
Atzbüll
Der neue Glockenturm bei der hiesigen Kirche wird in diesen Tagen errichtet. Das Gerüst wird nicht, wie ursprünglich geplant, aus Eiche, sondern aus Föhrenholz hergestellt.
Der Glockenturm von Atzbüll (Adsbøl) wurde direkt an die Westwand der kleinen romanisch-gotischen Anlage angefügt. In der Spätgotik war das Langhaus von Atzbüll um ein Joch nach Westen verlängert worden, und die Mauerstärke wurde dabei ungleich mächtiger als die des älteren romanischen Teils. Um 1900 vermutete man, dass ein nicht ausgeführter steinerner Glockenturm diese Westerweiterung bekrönen sollte. Aber spätere Untersuchungen ergaben, dass ein hölzerner Glockenstapel bereits 1598 in Atzbüll erwähnt wurde. Er stand frei und etwas entfernt vom Kirchbau, wie etwa die Glockenstapel von Quars (Kværs), Hörup (Hørup) oder Eken (Egen). Wegen Baufälligkeit wurde der Abriss des alten Glockenstapels um 1860 empfohlen, um mehr Platz für die Erweiterung des Friedhofes zu erlangen. Etwa zehn Jahre später gab es den alten Glockenstapel nicht mehr. Heute haben wir jenen Glockenturm von 1925.
Sonnabend, 25. September 1925
Die letzte Fahrt
Die Fregatte „Jylland“, eines der ältesten Fahrzeuge der dänischen Flotte – die Fregatte „Jylland“ kämpfte 1864 bei Helgoland –, wurde in den Kopenhagener Hafen eingeschleppt. Die Fregatte soll dort abgewrackt werden.
Dieser kurzen Meldung ging bereits eine andere in unserer Zeitung vom 4. September voraus. Unter der Überschrift „Das Ende der Fregatte ‚Jylland‘“ heißt es:
„Wie Berlingske Tidende“ schreibt, soll die alte Fregatte „Jylland“, die 1864 an dem Seegefecht bei Helgoland teilnahm, jetzt aufgehauen werden. Es wird beabsichtigt, für den Erlös ein Legat zugunsten des Marinevereins zu stiften.“ Hinter den Kulissen waren bereits andere Ziele ins Auge gefasst. Wie bekannt, wurde die „Jylland“ nicht den Abwrackern überantwortet, sondern liegt restauriert und wohlgepflegt heute jedermann zugänglich im Hafen von Ebeltoft.
Freitag, 12. September 1975
113.000 Proteste gegen Jesus-Film
Die Christliche Volkspartei nahm am Donnerstag eine Liste mit rund 113.000 Unterschriften entgegen, die Uhrmacher Jens Østergaard und Gastwirt Poul Haman, Farsø, im ganzen Land für einen Protest gegen Jens Jørgen Thorsens Jesus-Film-Projekt gesammelt hatten. KrF will die Protestunterschriften vom Vorsitzenden des Kulturausschusses, R. Lysholt Hansen, weitergeben. Die Partei hofft, dass die Unterschriften mit dazu beitragen, das Filmförderungsgesetz zu ändern.
Kristeligt Folkeparti (KrF), heute Kristendemokraterne, die im Januar 1975 bei den Folketingswahlen mit 3,4 % ihr bestes Ergebnis überhaupt nach ihrer Gründung 1970 erreicht hatte (Folketingswahlen 2022: 0,5 %), hatten mit ihrer Unterschriften-Aktion nicht gerade großen Erfolg. Der Produzent und Regisseur des geplanten Jesus-Films war mit dem 1970 gedrehten Film „Stille Tage in Clichy“ nach dem gleichnamigen Roman von Henry Miller zwar auf dem Erfolgsweg. Zuvor war er als Maler, Buchautor, Kritiker usw. hervorgetreten. Er gründete übrigens die jedem Dixi-Fan und auch anderen bekannte und heute noch immer berühmte „Papa Bue´s Viking Jazzband“. Aber während die KrF ihre Unterschriften sammelte, sammelte der Regisseur das fehlende Geld für seinen Film. Denn sein Film-Ersterfolg hatte nicht genügend eingespielt. Deswegen erschien 1975 bei Borgen in Kopenhagen auch das 174 Seiten umfassende Buch „Thorsens Jesusfilm – The love affairs of Jesus Christ“. Der Titel deutet schon an, welche Richtung der Streifen nehmen sollte und warum die KrF gegen den Film Sturm zu laufen sich angeschickt hatte. Aus dem Film wurde aber dennoch nichts. Ob Proteste oder Geldmangel entscheidend waren, wollen wir nicht entscheiden. Immerhin gelang es Torsten dann doch noch 1992 sein Filmprojekt mit dem Streifen „Jesus vender tilbage“ zu verwirklichen. Aber niemand nahm davon Notiz.
Notiz aber wurde von Anfang an von den anderen Kultur-Provokationen genommen, die Thorsten mit Kollegen schon immer in Szene zu setzen wusste. Bereits am Dienstag, dem 16. September 1975, wird unsere Zeitung Folgendes melden: „ Mit Handschellen aneinander gefesselt und in gestreifter Gefängniskleidung wurden die beiden Künstler Jørgen Nash und Jens Jørgen Thorsen am Montag vom Kopenhagener Amtsgericht zu 20 Tagesbußen von je 100 Kronen wegen Ruhestörung im Folketingsaal am 23. Januar verurteilt.“ Jørgen Nash, der Freund Thorsens und CoBrA-Mitglied usw., wird zumindest mit einer Tat in Erinnerung bleiben: Mit der (erstmaligen) Köpfung der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen. Für eine Liste der weiteren Taten und Provokationen beider Verurteilten fehlt hier der Platz.
Dienstag, 30. September 1975
Zwei prominente Vertreter des dänischen Kulturlebens, der Orchesterleiter und Komponist Johan Hye-Knudsen und der Schriftsteller Jacob Paludan, sind am Wochenende, beide im Alter von 79 Jahren, verstorben. […].
Die Fregatte „Jylland“ in Ebeltoft, zur Besichtigung freigegeben.Foto: wikipedia.com / Sebastian Nils
Foto: DN
Jacob Paludan war einer der meistgelesenen dänischen Schriftsteller. 1964 wurde er mit dem Großen Literaturpreis der Dänischen Akademie für seine „Verdienste als Porträtist, Essayist und Kulturkritiker war nicht zuletzt durch seine Romane“ ausgezeichnet worden.
Während es unsere Zeitung bei den wenigen Worten beließ, waren natürlich die dänischen Blätter voller ausführlicher Nachrufe. Auch in den deutschen Feuilletons südlich der Grenze wurde das Werk Paludans gewürdigt. Denn auch in Deutschland war der Autor mit seinen Werken seit 1924 bekannt. Er hatte keinen festen Verlag dort, er publizierte bei Samuel Fischer oder Gustav Kiepenheuer. Sein zweibändiges Hauptwerk (Jørgen Stein 1932/33) erschien 1940 in Bremen bei Schünemann als „Gewitter von Süd“, dann in der DDR 1969 und nochmals 1985 im Ostberliner Verlag Volk und Welt. In Westdeutschland erschien anderes von ihm, nicht aber sein Hauptwerk. Der deutsche Leser wird sich bei manchen Episoden des Romans sogleich an Tonio Kröger, Hanno Buddenbrook und sogar an Hans Castorp erinnert fühlen. Und tatsächlich haben die Werke des Deutschen einigen Einfluss auf Paludan gehabt. Zudem hat er mehrere Essays über Thomas Mann verfasst. Sein Roman endet jedoch auf eine spezifisch dänische Art.