Minderheiten, Mode und Mut – Das war der Oktober vor 100 und 50 Jahren
Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
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Vor 100 Jahren wurde die deutsche Schule in Bülderup eingeweiht, deren Bau nach jahrelangen Verhandlungen und Streitigkeiten mit den dänischen Behörden zustande kam. Zum Einweihungstag mehr unter dem 28. Oktober 1925. Das Foto stammt aus den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Schule 44 Schüler hatte.Foto: Deutsches Archiv Nordschleswig, Sonderburg
Die Schlagzeilen dieses Oktobers unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Mittwoch, 21. Oktober 1925
Foto: DN
Der Vertrag von Locarno
Im Schlussprotokoll von Locarno vom 16. Oktober 1925 geben die Vertreter der deutschen, belgischen, britischen, französischen, italienischen, polnischen und tschecho-slowakischen Regierung ihre Zustimmung zu den von der Konferenz ausgearbeiteten Entwürfen der betreffenden Verträge und Abkommen.
Die Locarnoverträge, die seit dem 5. Oktober 1925 im schweizerischen Tessin ausgehandelt und am 1. Dezember in London unterzeichnet wurden, schufen einen „Sicherheits-, Rhein- und Westpakt“. Er hatte die Bürgschaft zur Einhaltung der Westgrenzen des Deutschen Reiches, die Entmilitarisierung des Rheinlandes, ein Verbot eines Angriffs und die friedliche Regelung aller Streitigkeiten zum Inhalt. Über die Bedeutung der Verträge wird zweifellos von berufenen Seiten an anderen Stellen berichtet werden. Zur gleichen Zeit fand damals in Genf eine Tagung der organisierten nationalen Gruppen in den europäischen Staaten statt, an der auch Vertreter aus Nordschleswig teilnahmen. Wegen der für uns großen zeitgeschichtlichen Bedeutung dieser Tagung, über den auch ein Erlebnisbericht Schmidt-Wodders vorliegt, geben wir hier etwas gekürzt den Bericht der Monatsschrift „Grenzdeutsche Rundschau“ vom 1. November 1925 wieder, die von 1924 bis 1933 erschien und die damals nicht betont national-völkisch orientiert war, obwohl sie im Namen des „Deutschen Schutzbundes“ herausgegeben wurde (über den wir bereits mehrfach berichteten). Die Monatsschrift wurde von der „Arbeitsgemeinschaft der Grenzverbände in Hamburg und Umgebung“ betreut: „In den Tagen vom 14. bis 16. Oktober, als die Konferenz von Locarno sich ihrem Ende zuneigte, traten in Genf Vertreter der nationalen Minderheiten zu einem Kongress zusammen. Die Tagung behandelte nur einen Teil der Fragen, die mit dem Problem der nationalen Minderheiten zusammenhängen. Man hatte sich von vorneherein darauf beschränkt, allgemeine Grundsätze für eine Lösung des Problems der Minderheiten auf dem Wege der kulturellen Autonomie zu finden. Beschwerden einzelner Minderheiten gegen die Staaten, in denen sie leben, wurden abgelehnt. Ebenso wurde die besonders von den Vertretern der Ukraine und der Weißrussen gewünschte Besprechung des Selbstbestimmungsrechts der Völker nicht zugelassen. Jeder Teilnehmer hatte sich vor der Zulassung zur Tagung zu einer Reihe von Sätzen bekennen müssen, welche die Forderung nach kultureller Autonomie enthielten. Die Verhandlungssprache war deutsch und französisch. In den Verhandlungen, die mit den Reden der drei Unterzeichner der Einladung – des Slovenen Wilfan, des Ungarn Szüllo und des deutschen Schiemann – eröffnet wurden, traten besonders Dr. Balogh (ein Vertreter der ungarischen Minderheit in Rumänien), Dr. Robinson (Vertreter der Juden in Litauen), der Vertreter der Deutschen in Südslavien, Dr. Kraft, Christiansen als Vertreter der dänischen Minderheit in Südschleswig, Pastor Schmidt-Wodder, Schiemann und Uhlitz, ein Deutscher aus Polnisch-Oberschlesien, hervor. Fast alle Redner sprachen für die kulturelle Autonomie der nationalen Minderheiten; nur Ernst Christiansen meinte, dass die Frage der kulturellen Autonomie wohl diskutabel sei, dass man aber nicht fordern könne, dass alle Nationen sie gewährten. Dänemarks Minderheitenordnung sei mindestens gleichwertig.
Ihren äußeren Ausdruck fand die auf dem Kongress geleistete Arbeit in den folgenden Entschließungen, von denen die zweite mit einem Vorbehalt der dänischen Gruppe und die im Übrigen einstimmig angenommen wurde: „Die in Genf zur Tagung der organisierten nationalen Minderheiten in Europa versammelten Delegierten von 33 Gruppen, die 14 Staaten und nationale Minderheiten und 35 Millionen Menschen umfassen, bekennen sich feierlichst zu den folgenden Grundsätzen:
Die nationalkulturelle Freiheit ist ebenso ein geistiges Gut der Kulturwelt wie die religiöse. Dieser Grundsatz soll als ein ethisches Prinzip für die Völkerbeziehungen anerkannt werden und soll seinen wirksamen Ausdruck in positiven Rechtsnormen und Gesetzesmaßnahmen finden.
Dementsprechend soll jeder Staat, in dem neben der Mehrheit auch andere nationale Volksgruppen leben, gehalten sein, diesen Gemeinschaften die freie kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung und ihren Angehörigen den freien und uneingeschränkten Genuss aller staatsbürgerlichen Rechte zu gewährleisten. Die Anerkennung und praktische Durchführung dieser Prinzipien schafft die Voraussetzung für eine Verständigung der Völker und damit für den Frieden Europas.
Da ein Friede in Europa nur unter der Voraussetzung eines wirklichen Verständigungswillen der Nationalitäten möglich ist, wird der Völkerbund, entsprechend seiner klar formulierten Aufgabe und im Sinne seiner Erklärung vom 21. September 1922, sich besonders eingehend mit der Lösung des Problems auf dem Wege der Durchsetzung der in den obigen Resolutionen formulierten Rechte der Minderheiten zu beschäftigen haben. Es ist der feste Wille der organisierten nationalen Gruppen Europas, im Bereiche ihrer Kräfte beizutragen, dass der Völkerbund dieses Ziel erreiche. Das Präsidium wird beauftragt, für die Bekanntgabe dieser Resolution an die Mitglieder des Völkerbundes Sorge zu tragen.
Der Kongress beschließt, allen internationalen Organisationen, die sich mit der Lösung des Minoritätenproblems befassen, den wärmsten Dank auszusprechen und die Bitte zu unterbreiten, auch in Zukunft auf diesem Gebiete im Sinne ihrer hohen Ziele zu wirken.“
Soweit die Entschließung im Wortlaut, zitiert nach der „Grenzdeutschen Rundschau“ vom 1. November 1925.“
Donnerstag, 22. Oktober 1925
Wickelgamaschen für Damen
In Paris wurde soeben die Parole ausgegeben, im bevorstehenden Winter statt der bisher in der strengen Jahreszeit bevorzugten hohen Damenstiefel Wickelgamaschen populär zu machen. Die Mannequins der großen Modehäuser zeigen sich bereits bei der Vorführung von winterlichen Straßenkleidern in Halbschuhen, zu denen sie Wickelgamaschen in der Farbe des betreffenden Kostüms tragen. Wie versichert wird, wird die geschlossene Ensemblewirkung, die die Damenmode gegenwärtig anstrebt, hierdurch wirksam gesteigert.
Eine kursorische Durchsicht der damaligen führenden Modezeitschriften wie „Die Dame“, „Das Leben“ oder „Die Modenwelt“ zeigte, dass die Gamaschen-Mode Deutschland nicht erobern konnte.
Freitag, 23. Oktober 1925
Unterdrückung der deutschen Presse in Südtirol
Bis nach Nordschleswig haben es die Damen-Wickelgamaschen offenbar nicht geschafft. Jedenfalls waren sie nicht im Sortiment des Sonderburger Damen-Bekleidungs-Geschäfts Nissen & Petersen in der Perlgade, wie eine Anzeige vom 29. Oktober des Jahres ausweist.Foto: Königliche Bibliothek, Kopenhagen
Mehrere Blätter melden aus Bozen: Nachdem der Präfekt die Zeitung „Landsmann“ wegen ihrer unentwegten Verteidigung des Deutschtums verboten hatte, stellen jetzt auch die „Bozener Nachrichten“ nach 33-jährigem Bestehen ihr Erscheinen ein. Damit erscheint jetzt in Südtirol keine große Zeitung mehr in deutscher Sprache. Die „Bozener Nachrichten“ waren bereits zweimal beschlagnahmt worden, weil sie die italienischen Ortsnamen entgegen einer Verfügung nicht angewendet haben.
Die Unterdrückung der deutschen Kultur und Sprache nahm unter dem faschistischen Mussolini-Regime bislang nicht gekannte Ausmaße an. Der Berliner Tageszeitung „Tägliche Rundschau“ schrieb man aus Bozen einige Zeit später: „Nachdem die Italiener einen rücksichtslosen Ausrottungskrieg gegen die deutsche Presse in Südtirol geführt haben, dem bis auf eine, die „Meraner Zeitung“, alle deutschen Blätter zum Opfer gefallen sind, wird jetzt angekündigt, dass demnächst ein deutsch geschriebenes Tageblatt herauskommen wird, das selbstverständlich im faschistischen Sinne gehalten werden soll. Um für die faschistische Gründung auch Abnehmer zu erhalten, haben sich also ihre Urheber zunächst einmal durch die Regierung jede deutsche Konkurrenz vom Halse zu schaffen gesucht. Herausgeber dieses neuen „deutschen“ Blattes wird der berüchtigte Faschist Nori-Leonhardi sein, der bisherige Inhaber der „Amtlichen Presseagentur Brennero“. Die Faschisten kündigen an, dass sie für ihr neues Blatt einen ausgezeichneten Stab von reichsdeutschen Redakteuren erhalten würden (?). Um die deutsche Bevölkerung zu täuschen, sollen Format, Typen und Aufmachung vollständig mit dem derzeit behördlich eingestellten deutschen „Landsmann“ übereinstimmend gemacht werden.“
Mittwoch, 28. Oktober 1925
Einweihung der deutschen Privatschule in Bülderup
Am vergangenen Sonnabend wurde die neue deutsche Privatschule in Bülderup feierlich eingeweiht. Nachdem die deutsche Bevölkerung in Bülderup vier Jahre lang vergeblich um ihr Recht gekämpft hatte, hat sie schließlich zur Selbsthilfe gegriffen und sich selbst die Schule geschaffen, die ihr die dänischen Behörden trotz ihrer bekannten „Liberalität“ nicht geben wollten. Der Schulunterricht, der bereits im Juni dieses Jahres begonnen hat, wurde zunächst im Hause des Müllers Paulsen abgehalten. Dieser stellte ein neben seiner Mühle gelegenes Grundstück zur Verfügung, auf dem sich nun der stattliche Neubau erhebt, in dem neunzehn Kinder deutschen Unterricht empfangen werden.
Die Einweihungsfeierlichkeit wurde eröffnet mit einer Begrüßungsansprache des Müllers Paulsen, in dem die deutsche Schule einen warmen Freund und Förderer gefunden hat. Die eigentliche Weiherede hielt Rektor Koopmann, der zunächst bei der Vorgeschichte des „Bülderuper Schulskandals“ verweilte und dann mit kurzen Strichen zeichnete, welcher Geist in der neuen Schule wohnen solle. Es solle eine deutsche Volkstumsschule sein, ein Glied in der volklichen deutschen Aufbauarbeit in Nordschleswig.
Später ergriff als Vertreter der Patenschaftsstadt Husum Konrektor Klindt das Wort. Indem er der neuen Schule die Werke Theodor Storms vermachte, sprach er den Wunsch aus, dass auch der Geist dieses Heimatdichters in dem neuen Gebäude zu Hause sein möge.
Auch Pastor Schmidt-Wodder, der soeben aus Genf zurückgekehrt war, gab der neuen Schule seine besten Wünsche mit auf den Weg.
Freitag, 3. Oktober 1975
Kinder- und Jugendbücher in einer Ausstellung
In Tondern ist es schon Tradition geworden, dass alljährlich eine Kinder- und Jugendbuchausstellung in der deutschen Bücherei stattfindet. Ab Sonntag stehen die Tore dafür wieder drei Tage offen. Eine Ausstellung wie diese soll nicht nur einen Überblick über neue und alte Bücher geben, sie soll auch zum Lesen anreizen und Erwachsenen die Möglichkeit einer guten Information bieten. Man verschafft sich einen Überblick – und der ist eben in diesem Rahmen am besten möglich.
Foto: DN
Den äußeren Rahmen nun bietet die Aula der benachbarten Ludwig-Andresen-Schule.
Die Ausstellung war die dritte ihrer Art und zeigte mehrere hundert Bücher, aber besonders auch die Neuerscheinungen des Jahres 1975. Auf langen Tischen wurden die Bücher präsentiert und von kleinen Vorträgen der Leiterin der Bücherei, Marianne Jörgensen, begleitet. Was waren die herausragenden deutschen Neuerscheinungen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt? Sind sie noch heute in Erinnerung? Nehmen wir die, die heute vielleicht noch der eine oder andere kennt. Da ist einmal Christine Nöstlinger (1936-2018), die auch den Hans-Christian-Andersen-Preis wie den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis erhalten hat, also die „Nobel-Preise“ der Kinder- und Jugendbuchpreise. 1975 erschien „Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse“ - ihr bis heute bekanntestes Buch, das es in zahlreichen Ausgaben gibt. Es wurde 1976 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und die US-Ausgabe erhielt dort sogar einen renommierten Preis. Das Buch ist natürlich heute noch im Buchhandel erhältlich. Dann wäre da Peter Härtlings (1933-2017) „Oma. Roman für Kinder“. Die Geschichte dreht sich um den fünfjährigen Kalle, der nach dem Tod seiner Eltern bei seiner Großmutter lebt. Zwei Generationen und zwei Erfahrungswelten kommen zusammen, die in wachsender Zuneigung einander anerkennen und lieben. Auch dieses Buch hält der deutsche Buchhandel bereit. Andere damals ausgestellte Neuerscheinungen sind heutzutage nur noch über den Antiquariatsbuchhandel zu bekommen, wie z. B. das schöne Büchlein von dem Illustrator Wilhelm Schlote „Heute wünsch ich mir ein Nilpferd“ mit Texten der unvergessenen Lyrikerin und Lektorin Elisabeth Borchers (1926-2013).
Übrigens: ein Tipp für die, die sich an ihre Kindheit erinnern wollen und auch besonders an jene, die die Tonderaner Bibliothekarin Marianne Jörgensen kannten. Sie wurde vor 110 Jahren geboren und übernahm 1971 mit 56 Jahren die deutsche Bücherei in Tondern, die sie bis zu ihrem 72. Lebensjahr engagiert leitete. Viele, die damals im Kindesalter waren, werden sich heute als Leser dieser Zeilen lebhaft und dankbar ihrer erinnern. Sie starb im Dezember 2003, ein kurzer Nachruf findet sich im Volkskalender 2005.
Und ein letztes: Alle drei oben genannten Titel können über unsere Büchereien in wenigen Tagen aus Schleswig-Holstein besorgt werden.
Donnerstag, 16. Oktober 1975
Dem Theodor-Fontane-Archiv der deutschen Staatsbibliothek in Ostberlin sind von dem dänischen Reichsarchivar drei Originalbriefe Theodor Fontanes an seine Frau Emilie übergeben worden, berichtet das SED-Organ „Neues Deutschland“. Die Briefe stammen aus dem im Zweiten Weltkrieg ausgelagerten Beständen. Das Reichsarchiv Kopenhagen hatte diese Briefe mit anderen Autografen nach dem Kriege in London erworben.
Die Fontane-Forscherin Christel Laufer veröffentlichte im Herbst 1970 in den „Fontane-Blättern“ den Aufsatz „Der handschriftliche Nachlaß Theodor Fontanes“, in dem sie auch auf die Auslagerung der Handschriften Fontanes während des Zweiten Weltkrieges einging. Unter ausdrücklicher Bezugnahme auf diesen Aufsatz schrieb der Kopenhagener Reichsantiquar Johan Hvidtfeldt (der übrigens in den Jahren nach 1935 Leiter des Apenrader Landesarchivs war) einen Brief an die Ostberliner Fontane-Forscher, um die Briefe Fontanes zurückzugeben. Die deutschen Archivare waren natürlich hellauf begeistert über den unerwarteten Zuwachs aus dem Potsdamer Verlagerungsbestand von 1943 bis 1947, fehlten doch zahlreiche Handschriften, nachdem man zunächst einen Gesamtverlust vermutet hatte. Die drei Briefe wurden im Londoner Auktionshandel erworben – ein Hinweis darauf, dass aus dem ausgelagerten Fundus allerlei entwendet worden sein könnte. Welche Briefe es waren, konnte ich nicht ermitteln. Die Nachricht gibt aber Anlass, wieder einmal im dreibändigen Ehebriefwechsel der Großen Brandenburgischen Ausgabe der Werke Theodor Fontanes zu schmökern. Vielleicht waren es ja jene drei Briefe aus dem Jahr des Krieges von 1864, die Theodor Fontane im Mai und September an seine Frau Emilie geschickt hatte, jene aus Flensburg, Kopenhagen und Aalborg.
Sonnabend, 25. Oktober 1975
2,2 Millionen Staatsgelder für alte Häuser in Hadersleben
Im Rahmen der Bewilligung von 432 Millionen Kronen für den umgehenden Anlauf von Arbeiten auf dem Bau- und Anlagesektor hat der Finanzausschuss des Folketings Hadersleben mit 2,2 Millionen und Christiansfeld mit 1,4 Millionen Kronen bedacht. Anderthalb Millionen Kronen wurden für die Restaurierung des Hauses Schlossstraße 20 in Hadersleben bewilligt. Die Kommune hatte den Abriss des unter Gebäudeschutz stehenden, 450 Jahre alten Hauses erwogen, da eine Restaurierung des im Verfall befindlichen Gebäudes recht teuer werden würde. Die staatliche Beteiligung eröffnet nun die Möglichkeit, das charakteristische Haus, das besonders zur Hofseite hin seine architektonischen Qualitäten und seinen kulturellen Wert offenbart, nach durchgreifender Restaurierung zu erhalten.
Wer einmal die Geschichte der Abrisswut, die (nicht nur) in den vier Städten Nordschleswigs vor 50/60 Jahren herrschte, schreiben und die Hausabrisse auflisten wird, der wird zu erschütternden Ergebnissen kommen. Manchmal kann aber auch beherztes und rechtzeitiges Eingreifen Einzelner in das Regelwerk mangelhafter kommunaler Selbstverwaltung Perlen der Kulturgeschichte, die zertreten werden sollten, retten. So geschehen bei dem zum Abriss freigegebenen Haus Slotsgade 20 in Hadersleben, ein Bau aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Während der Restaurierung ergaben sich geradezu atemberaubende kulturhistorische Neuigkeiten zur Kunst- und Stadtgeschichte Haderslebens, Zug um Zug gab das Haus immer neue Geheimnisse preis. Wir können hier nicht näher darauf eingehen. Man greife zu dem nach der Restaurierung 1980 erschienen Buch „Et hus i Haderslev. Slotsgade 20 gennem 400 år“, das die Deutsche Bücherei in Hadersleben auf ihrem Regal stehen hat. Und man nehme hinzu das Buch des Haderslebener Historikers Henrik Fangel: „Fredede huse i Haderslev“ von 1989. Der allzu früh verstorbene Henrik Fangel gehört zu jenen, der zahlreiche Häuser Haderslebens vom vorzeitigen Verschwinden bewahrt hat, und die er in seinem Buch mit aufführt.
Das Haus Slotsgade 20 in einer Aufnahme des Nationalmuseums von 1942. Die drei Jahrzehnte, die bis zur Restaurierung des Hauses noch hinzukommen werden, haben dem Gebäude gewiss weiter zugesetzt. Es wurde um 1578 für den aus dem Rheinland zugewanderten Schieferdecker Philipp Neuss errichtet. Er war für den Herzog tätig und hatte viel zu tun.Foto: Nationalmuseum, Kopenhagen