Vor 100 und vor 50 Jahren

Grenzen und Durchbrüche – Nordschleswig im November vor 100 und 50 Jahren

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Der HAPAG-Dampfer „Hamburg“ war im November 1925 das größte Schiff Deutschlands. Über die „Hamburg“ findet man unter dem 12. November mehr.

Die Schlagzeilen dieses Novembers unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Dienstag, 10. November 1925

Kann man fernsehen?

Der Leipziger Professor Karolus hat eine Entdeckung gemacht, die das Problem der Bildübertragung auf drahtlichem oder drahtlosem Wege seiner Lösung ganz nahebringt. Versuche dieser Art sind von dem deutschen Professor Korn schon vor einiger Zeit gemacht worden. Das Verfahren wurde dann in den Vereinigten Staaten von Amerika praktisch gefördert. Man hat dort vor einigen Monaten damit begonnen, die Fernübertragung von Bildern in den Dienst der Zeitungs-Illustration zu stellen. Es gelang z. B. eine Aufnahme, die von der feierlichen Auffahrt des Präsidenten Harding zum Antritt seines Amtes gemacht worden war, so rasch nach Newyork auf drahtlichem Wege zu übermitteln, dass sie ein paar Stunden später schon in der dortigen Abendpresse veröffentlicht werden konnte. An sich war auch hier das Problem schon gelöst, da die durch Draht übermittelten Bilder sich tatsächlich von den sonstigen photographischen Wiedergaben nicht unterschieden. Die Erfindung des Leipziger Professors aber bedeutet einen Sprung nach vorwärts. Sie verringert die Zeit, die für die Bildübertragung bisher notwendig war, auf den Bruchteil von Sekunden.

Die Erfindung war ein großer Schritt zur Übermittlung von bewegten Bildern, also dem heutigen Fernsehen. Augustus Karolus (1893-1972) war damals Leiter der Abteilung für angewandte Elektrizitätslehre an der Universität Leipzig. Arthur Korn (1870-1945) hatte seit 1914 einen Lehrstuhl für Physik an der Technischen Universität Berlin inne. Für den Zustand der Physik in Deutschland ist folgendes lehrreich: Karolus unterschrieb 1933 das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“, Arthur Korn wurde 1933 als Jude entlassen. Es gelang ihm und seiner Familie noch 1939 der Ermordung zu entkommen.

 

Mittwoch, 11. November 1925

Der Scharfrichter von Sonderburg

Von Ernst Kleuker, Flensburg

Zu Sonderburg wirkte ein wackerer Mann,

Sein Name versank in den Zeiten.

Doch seine Kunst zog die Schnapphähne an,

Er musste zum Block sie geleiten.

Die Köpfe rollten auf Hieb und Wink

- Manch Ritter sah scheel solchen Schwerthieb -

Er schickte zu Hölle und Teufel flink,

Wem fremdes Gut mehr als sein Herd lieb.

 

Und wieder fegte sein Schwert er blank:

„Zum Henker“ - er lachte – der Frost beißt.

„Heut friert´s durch Stein und Bein und Bank:

„Nur schnell, eh´ am Stahl mir der Rost eist.“

„Sett di nich dal, büst nich bi´n Balbeer!“

Fährt an er den bebenden Sünder.

Ein Schwertstreich saust durch den Hals ihm quer.

Doch da klaffen vor Staunen die Münder:

 

Der Hieb sitzt gut, doch der Kopf sitzt auch,

Vom klammernden Frost festgefroren! -

Die Richter sprechen los den Gauch

Und wackeln mit Köpfen und Ohren.

Der prahlt: „Nu gan wi to Grog un Punsch,

„Nu lat uns en bannig Sluck kriegen!“

Sie bechern und tafeln nach Herzenswunsch,

Ins Feuer die Holzkloben fliegen.

 

Hoho, da rieselt´s dem Sünder rot

Halsabwärts und will nicht enden.

Und sein Griff haftet noch, spreizt starr sich – und tot

Springt das Haupt ihm aus wachsbleichen Händen.

Die Gäste strudeln zur Tür hinaus

- Bleich packte das Graun ihre Seele -

Doch lachend leerte den Humpen aus

Des Scharfrichters durstige Kehle.

 

Unsere Zeitung veröffentlichte oft Gedichte in ihren Blättern, in der Regel von Autoren aus Nordschleswig oder Flensburg. Ernst Kleuker (Hildesheim 1889-1969 Flensburg) war Studienrat und Lyriker in Flensburg. In den nordschleswigschen deutschen Blättern publizierte er auch unter dem Pseudonym Prudentior. Wir geben die Ballade hier als ein Beispiel des heute leider vergessenen Brauchs, in der Zeitung Gedichte zu veröffentlichen.

 

Donnerstag, 12. November 1925

Das größte deutsche Schiff

Der zurzeit größte Neubau der deutschen Werftindustrie, der 21.000 Brutto-Registertons messende Zweischraubendampfer „Hamburg“ der Hamburg-Amerika-Linie, ist auf der Werft von Blohm & Voß in Hamburg so weit fertiggestellt, dass er Mitte dieses Monats die Helgen verlassen wird. Der mächtige Schiffskörper misst in der Länge 193 Meter, in der Breite 24 Meter und in der Tiefe 17 Meter. In seinen äußeren Konturen zeigt er die charakteristischen Merkmale seiner beiden Schwesterschiffe „Albert Ballin“ und „Deutschland“: das breite Kreuzerheck und die in der Höhe der Wasserlinie an den Schiffsseiten entlanglaufenden „formstabilen Anschwellungen“, die dem Schiff eine erhöhte Stabilität verleihen und in der Verbindung mit eingebauten Schlingertanks jene Stetigkeit und Ruhe der Fahrt gewährleisten, die dieser Gruppe der Größten Hapagschiffe die besondere Gunst des internationalen Reisepublikums gewonnen hat. Nach erfolgtem Stapellauf wird die Ausrüstung des Schiffes mit Maschinen, Masten, Schornsteinen sowie der Ausbau der Passagiereinrichtungen am Ausrüstungskai der Bauwerft vorgenommen werden. Seine Indienststellung wird dem von der Hamburg-Amerika-Linie in Gemeinschaft mit den United American Lines unterhaltenen Passagier- und Frachtdienst zwischen Hamburg und New York einen erfreulichen Kraftzuwachs bringen.

 

Donnerstag, 19. November 1925

Keine weiblichen Pastoren in Schleswig-Holstein

Auf die Anfrage des deutschen evangelischen Kirchenausschusses betreffend die Zulassung von weiblichen Kandidaten zur Ordination hat die Kirchenregierung, der „Landeskirche“ zufolge, geantwortet, dass nach den in der schleswig-holsteinischen Landeskirche bestehenden Bestimmungen die Möglichkeit einer Ordination von weiblichen Kandidaten nicht gegeben ist und dass keine Veranlassung besteht, diese Bestimmungen zu ändern.

Die Zeitschrift „Die Landeskirche. Wochenschrift für die Gemeinden der ev. Luth. Landeskirche in Schleswig-Holstein“, die seit 1920 in Bordesholm erschien, wurde natürlich auch in den (deutschen) Pastoraten Nordschleswigs gehalten, wo man die Meinung der Kieler Landeskirchen-Verwaltung teilte. In einigen evangelischen Landeskirchen konnten ab 1927 Frauen als Vikarinnen ein Pastorenamt bekleiden, jedoch nur in der Kinder- und Frauenarbeit und ohne vollständige Ordination (nur Einsegnung). Die erste weibliche Ordination gab es im Oktober 1918 in der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Bis zur heute selbstverständlichen Pastorin wird es noch ein langer Weg sein. In Nordschleswig gibt es heute (in der Nordschleswigschen Gemeinde und in den vier Stadtgemeinden) fünf männliche und fünf weibliche Geistliche.

 

Mittwoch, 25. November 1925

Königin Alexandra und die dänischen Schleswiger

Die dänische Presse bringt ausführliche Kommentare zum Tode der britischen Königinwitwe Alexandra, die als Tochter des dänischen Königs Christains IX. sich immer ein lebhaftes Interesse für Dänemark bewahrt hatte. „Flensborg Avis2m weiß zu berichten, dass die verstorbene Königin niemals den Flensburger Bahnhof passiert habe, ohne sich die neueste Nummer von „Flensborg Avis“ in ihren Salonwagen bringen zu lassen. Als 1920 die dänische Delegation mit dem Professor Vinding Kruse an der Spitze nach London gekommen sei, habe sie diesen, der bekanntlich den Internationalisierungsplan in der Tasche hatte, in ihrem Schloss empfangen und mit Tränen in den Augen gesagt: „Was können wir doch nur für die armen Dänen in Südschleswig tun!“ „Flensborg Avis“ fügt hinzu, dass alle Dänen zwischen Flensburg und dem Danevirke sich diese Worte zu Herzen genommen hätten.

Alexandra von Dänemark, die in England sehr beliebt war, starb am 20. November 1925 auf Sandringham House, dem britischen Schloss in der Grafschaft Norfolk, kurz vor ihrem 83. Geburtstag. (Es ist übrigens jenes Schloss, dessen nahebei gelegenes Landhaus der derzeit umstrittene und abgestrafte Prinz Andrew mit seiner geschiedenen Gattin demnächst beziehen wird.) Alexandra war seit 1863 mit dem späteren König Albert Edward („Bertie“) verheiratet gewesen. Er war bereits fünfzehn Jahre vor Alexandra 1910 verstorben.

Sonnabend, 28. November 1925

Alexandra von Dänemark, Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland in einer Aufnahme des Londoner Photographenateliers W. & D. Downey von 1902.

Aufhebung des Passvisums?

Laut „Nationaltidende“ wurden am Donnerstag im Justizministerium Verhandlungen über eine etwaige Aufhebung des deutschen Passvisums geführt. Es kam nicht zu einer Entscheidung; doch werden der Außenminister und der Justizminister die Arbeit fortsetzen. An der Sitzung nahmen die Amtmänner und Polizeimeister der nordschleswigschen Grenzämter sowie die nordschleswigschen Reichstagsabgeordneten teil.

Der Jungdeutsche Orden, dem wir schon in unseren Spalten mehrfach begegnet sind, besuchte mal wieder mit einer Jugend-Gruppe, diesmal aus Salzburg, Schleswig-Holstein. Nach Nordschleswig konnten sie nicht, die Passfragen waren immer noch ungeklärt. Die Anträge wurden ewig lange bearbeitet, so dass der eigentliche Reisetermin verstrichen war. Das führte auch dazu, dass zum Beispiel sämtliche südlich der Grenze wohnenden Besucher des Knivsbergfestes nicht einreisen konnten. Auch andere kulturelle Veranstaltungen, Theateraufführungen, Vorträge, Liederabende, konnten nicht durchgeführt werden. Darauf hatte einige Tage zuvor Johannes Schmidt-Wodder in einer Folketing-Rede hingewiesen. Wie die obige Meldung mitteilt, war er bei den Kopenhagener Besprechungen zur Passfrage zugegen. Schon seit längerer Zeit gab es über diese Passfrage immer erneut Streit. -

Ein Abschluss-Bericht der Fahrt des Jungdeutschen Ordens, der zeigt welche holzschnittartigen Vorstellungen über die deutsche Volksgruppe und ihre Tätigkeit in Nordschleswig usw. vermittelt wurden, ist im „Salzburger Volksblatt“ vom 25. November abgedruckt, in dem es u. a. heißt: Wir „wurden immer wieder an den mit Dänemark geführten Kulturkampf erinnert und später wurde uns aus berufenem Munde dargestellt, wie schwer es den Deutschen in Dänemark gemacht wird, ihr Deutschtum zu bewahren. Fast um jede einzelne Kindesseele muss gerungen werden, denn die Dänen haben es im Besonderen auf die deutschen Schulen abgesehen. Ja sie rücken dänische Schulen bis ins deutsche Reichsgebiet vor, statten sie glänzend aus und verlocken durch Unterstützungen und Versprechungen so manchen deutschen Familienvater, seine Kinder den Dänen anzuvertrauen. Durch deutsch geschriebene, den Dänen aber dienende Zeitungen, durch Spitzel und viele andere Maßnahmen leistet Dänemark eine zielbewusste Wühlarbeit, der zu begegnen eine der vornehmsten Aufgaben des Vereines fürs Deutschtum im Auslande ist. Immer wieder wurden wir an den jenseits der Grenzen der eigenen Heimat gegen den slawischen und welschen Feind geführten Kampf erinnert, und so konnten gerade wir aus dem Süden des deutschen Sprachgebietes den Nordmärkern viel Verständnis entgegenbringen. Allerdings getraut sich Dänemark das nicht zu tun, was wir im Sudetenland oder in Deutsch-Südtirol mit ansehen müssen, denn auch ein schwaches Deutschland ist Dänemark gegenüber ein Riese, aber dass sich Dänemark überhaupt so viel getraut, ist ein Zeichen der Zeit, das den Deutschen mahnen muss, alles daranzusetzen, wieder stark zu werden, dass es wieder zur Wahrheit werde: Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.“

Sonnabend, 1. November 1975

Eine der eigenartigsten Kirchen der Welt ist die Sagrada-Familien-Kirche in Barcelona. Der Entwurf stammt von dem berühmtesten spanischen Architekten Antonio Gaudi. Der 1884 begonnene Bau ist bis heute nicht fertig geworden. Antonio Gaudi hat mit dem Bauwerk versucht, Naturerscheinungen, wie die Stalaktiten, Stalagmiten in Tropfsteinhöhlen, als architektonische Formen nachzubilden. Die Bauarbeiten, die aus privaten Stiftungen finanziert werden, lagen für längere Zeiträume immer wieder still, wurden jetzt aber erneut aufgenommen. So besteht also die Hoffnung, dass der Kirchenbau doch noch einmal vollendet wird.

Der aufmerksame Zeitgenosse kennt natürlich den Bau. Erst vor wenigen Tagen ging die Meldung weltweit durch alle Medien, dass der höchste Turm der Sagrada Familia vollendet und nunmehr der höchste Kirchturm der Welt sei und damit den jahrhundertelangen Rekord des Ulmer Münsterturms abgelöst habe (162,91 Meter gegen 161,53 Meter). Der Gesamtbau aber ist immer noch nicht vollendet. Die Einweihung soll jedoch am 100. Geburtstag des Architekten am 10. Juni nächsten Jahres erfolgen. Dass wegen Geldmangels der Bau wie so oft lahmgelegt wird und der Termin nicht eingehalten werden kann, ist nicht möglich. Über viereinhalb Millionen Eintrittskarten wurden im vergangenen Jahr verkauft. Man berechne den täglichen Ansturm! Die Einnahmen werden für den Bau genutzt. Der Eintrittspreis beträgt übrigens stolze 26 Euro (mit Turmbesteigung 36 Euro).

 

Freitag, 7. November 1975

„Hoffentlich der letzte Abbruch in der City“

„Es ist hoffentlich der letzte Abbruch in der City“, kommentierte Horst Terp von der Schleswigschen Partei am Mittwochabend im Sonderburger Stadtrat den Beschluss, das Gewerkschaftshaus „Bjerggaarden“ abzureißen. Die Schaffung neuer Parkplätze vereinbare sich schlecht mit den Wünschen nach einem möglichst autofreien Stadtzentrum.

Horst Terp war damals Sonderburger Stadtratsmitglied und Lehrer an der deutschen Schule. Bald nach dem Abriss wird er mit seiner Frau Ulla gemeinsam mit den Kindern nach Tondern übersiedeln und an der dortigen Schule unterrichten. Auch in Tondern wird er sich kulturpolitisch engagieren. Viele unserer Leser werden ihn gekannt haben. Am 15. Januar 2025 ist er in Tondern gestorben. Ein Nachruf von Brigitta Lassen findet sich unter dem 18. Januar in unserer Zeitung. Mit dem Abbruch des traditionsreichen (und intakten!) Hauses, einem besonderen Gebäude der nordschleswigschen Arbeiterbewegung, ist unser Landesteil in der Tat um ein wichtiges Monument ärmer geworden. Über die Verwendung des freigewordenen Grundstückes werde man später entscheiden, meinte der Vorsitzende des Gebäudeausschusses, der den Abriss wohl auch aus politischen Gründen forcierte, Oberst Frits G. Tillisch (1915-2011) von den Konservativen. Heute ist die Fläche in der Bjerggade tatsächlich ein Parkplatz! Gegen die Abrissbefürworter hinter Frits G. Tillisch, einem damals weit über Sonderburg hinaus bekannten Militär und Widerstandsmanns während der Besetzung, der sein kommunalpolitisches Amt in Sonderburg gerade erst angetreten hatte, hatte Horst Terp mit der SP keine Chance.

Freitag, 7. November 1975

Das altehrwürdige und intakte Sonderburger Gewerkschaftshaus wurde 1975 ohne substanzielle Begründung abgerissen

Vor 25 Jahren Wiederbeginn der deutschen Schularbeit in Feldstedt

Heute jährt sich zum 25. Male der Tag, an dem die deutsche Schularbeit in Feldstedt nach dem Kriege wieder aufgenommen werden konnte. Nachdem die deutsche Schule mit dem Zusammenbruch ihre Arbeit einstellen musste, lebte der Wunsch nach einer eigenen Schule in der deutschen Bevölkerung ungebrochen weiter. Nach fünf Jahren ging dieser Wunsch in Erfüllung, und die neue Schule konnte – zwar noch sehr bescheiden – mit dem Unterricht beginnen. Der bescheidene Rahmen wurde bald zu eng. Vor 16 Jahren konnte man in den schönen Schulneubau übersiedeln, der noch heute den Rahmen der deutschen Schularbeit in der jetzigen Großgemeinde Lundtoft bildet.

(Der erste Lehrer in der ersten Schule war Peter Petersen. Er war der Sohn des 1692 in Feldstedt getauften späteren Küsters gleichen Namens. Der Vater heiratete 1730 und im Jahr darauf kam unser Peter Petersen zur Welt, der zunächst Küster in Deezbüll, heute zur Stadt Niebüll gehörig, war. Im Jahr 1753 wurde er zum Lehrer in Feldstedt bestellt. Das Amt verwaltete er über 50 Jahre bis zu seinem Tod im Februar 1798. Dutzende Lehrer und Lehrerinnen folgten auf Petersen. Die letzte Lehrerin zur deutschen Zeit vor der Abstimmung war die junge 1896 geborene Ingeborg Hoeck, die aus Warnitz stammte und auf dem Augustenburger Lehrerinnen-Seminar ausgebildet worden war. Sie war nach der Abstimmung Lehrerin in Bollersleben und wurde 1963 pensioniert, sie starb 1987.

1930 wurde neben der dänischen Schule die deutsche Privatschule Feldstedt gegründet. Der Unterricht der zunächst kleinen Schülerschar fand in einer Ortstischlerei statt, 1941 konnte ein Neubau bezogen werden, der 1947 beschlagnahmt wurde. In demselben Jahr wurde bereits ein deutscher Schulverein gegründet, dem es nach Schwierigkeiten gelang, bereits 1950 eine neue Schule einzurichten. Erster Lehrer wurde Wilhelm Sass, der 1955 begann, einen Neubau für die größer werdenden Schülerzahlen zu planen. Am 11. April 1959 wurde dieser eingeweiht. Ältere Schülerinnen und Schüler werden sich noch an die Handarbeitslehrerin Gertraud Jensen erinnern, die 1955 kam, oder an den Werklehrer Otto Paris. 1957 erhielt Ernst Fleischer eine Vollzeitstelle, die zweite neben Sass. Es kamen Ursula Tästensen und Frauke Erichsen (die vielen heutigen Lesern bekannte Frauke Candussi). Gewiss wird in unserer Zeitung zum 75. Jahrestag ein kleiner Bericht erscheinen.)  

Sonnabend, 22. November 1975

Der isländische Schriftsteller Gunnar Gunnarsson ist im Alter von 86 Jahren in der Nacht zum Freitag in Reykjavik gestorben. Gunnar Gunnarsson lebte von 1907 bis 1939 in Dänemark. In diesem Zeitraum schrieb er viele seiner Romane, u. a. die berühmt gewordene „Borgslätten Historie“.

Der in Deutschland zu seiner Zeit sehr bekannte Gunnar Gunnarsson hatte auf Einladung der „Nordischen Gesellschaft“ 1940 vierzig deutsche Städte besucht und aus seinen Werken gelesen wie auch Vorträge gehalten. Auf seiner Rückreise nach Island hatte er in Kopenhagen Station gemacht und vor Journalisten am 4. April 1940 über die poliotische Lage in Deutschland berichtet.

Am Tag darauf, am 5. April 1940, als die Berichte darüber in den Zeitungen erschienen, schrieb Joseph Goebbels mit Genugtuung in sein Tagebuch; „Gunnar Gunnarsson gibt eine glänzende Schilderung über Deutschland in der neutralen Presse. Können wir gut gebrauchen.“ Über diese Verlautbarungen Gunnarssons hieß es in der gleichgeschalteten, aber gleichwohl eine gewisse Eigenständigkeit pflegenden „Frankfurter Zeitung“ ohne jeden weiteren Kommentar am 6. April 1940: „Er habe sich niemals vorstellen können, dass das Leben in einem kriegführenden Staat so friedlich und normal vor sich gehe, wie das in Deutschland der Fall sei. Die Theater und Konzertsäle seien gefüllt, die Künste blühten, und die Nachfrage nach guter Literatur sei noch nie zuvor so groß gewesen wie gerade heute.“ - Im Januar 1940 wurde den Juden in Deutschland der Kauf und der Bezug von Schuhen und Leder verboten.  Anfang April wird die deutsche Wehrmacht ohne Kriegserklärung in Dänemark einmarschieren. Ende April wird das Ghetto für Juden in Lodz eingerichtet, bald jenes in Warschau. Damals standen Gunnarssons zahlreiche Romane auch in den Bücherschränken Nordschleswigs, auch das oben erwähnte „Borgslätten Historie“, das 1927 in Deutschland als „Die Leute auf Borg“ erschienen war. Gunnarsson hatte in Nordschleswig besonders einen Verehrer, nämlich den Volksgruppenführer und Folketing-Abgeordneten Johannes Schmidt-Wodder. Die Anhängerschaft bezog sich jedoch nicht auf seine literarischen Werke. Zur Poesie und Literatur hatte Schmidt-Wodder keine innere Beziehung. Sie galt der politischen Einstellung und den skandinavischen Groß-Plänen des isländisch-dänischen Autors. Es entwickelte sich ein Briefwechsel über die Idee Gunnarssons, ein panskandinavisches Großreich zu etablieren, das auf der Grundlage der germanischen Mythologie ein Widerlager zum südlicheren Europa bilden sollte. Das entsprach auch jenen Gedanken Schmidts, die sich den Plänen der „germanischen“ Kolonisierung Osteuropas anschlossen, die in den Zwanzigerjahren zirkulierten. Eine Freundschaft beider kam nicht zustande, das Gespräch brach ab. Gunnarsson war letztlich Demokrat, Schmidt nicht. Und Gunnarssons Bekenntnis zur dänischen Südgrenze von 1920 brachte die Briefpartner vollends auseinander.